Coronamassnahmen
Baselbieter Fischhändler sitzt auf 130 Tonnen Fisch – in der Not verkauft er Fisch direkt aus der Garage

Weil seit Monaten Restaurants geschlossen oder nur reduziert in Betrieb sind, wird ein Oberwiler Fischhändler seinen gelagerten Fisch nicht los. Die Familie Herrlich muss so schnell wie möglich tonnenweise Fisch an die Frau und den Mann bringen.

Tobias Gfeller
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Was finanziell reinkommt und an Fisch rausgeht, entspräche dem bekannten Tropfen auf dem heissen Stein. (Symbolbild)

Was finanziell reinkommt und an Fisch rausgeht, entspräche dem bekannten Tropfen auf dem heissen Stein. (Symbolbild)

Luca Linder

Toby und Andrea Herrlich sind seit Wochen im Vollgasmodus. Sie verkaufen in Fünf-Kilo-Paketen Fisch aus ihrer Garage. Darin haben sie ein Kühlsystem eingerichtet, um die Fische, die sie zu Tonnen in Möhlin und Pratteln lagern, an Private zu verkaufen. Denn normalerweise sind Restaurants und Grosshändler aus der ganzen Schweiz ihre wichtigsten Abnehmer. Doch dieser Absatz fehlt nun seit fast einem Jahr komplett oder hat nur reduziert stattgefunden.

Die 130 Tonnen Fisch in den Lagern in Möhlin und Pratteln kommen aus der ganzen Welt. Die Herrlichs legen dabei Wert auf Nachhaltigkeit und Tierwohl, soweit dies in der Fischerei möglich ist. In Oberwil betreibt das Familienunternehmen auch einen kleinen Laden, in welchem sie ihre Produkte an Private verkaufen. Doch nun sind sie wegen der Coronapandemie in arger Not.

«So dauert es elf Jahre, bis unsere Lager leer sind»

Geschäftsführer Toby Herrlich

Geschäftsführer Toby Herrlich

zvg

Die Krise trifft sie wegen der geschlossenen Restaurants einerseits finanziell hart, andererseits müssen sie im schlimmsten Fall tierische Lebensmittel vernichten, falls sie es nicht schaffen, die Lagerbestände rechtzeitig zu verkaufen. Dies wollen sie unbedingt verhindern und arbeiten zurzeit mehr als in normalen Zeiten, verrät Andrea Herrlich. Doch was finanziell reinkommt und an Fisch rausgeht, entspräche dem bekannten Tropfen auf dem heissen Stein. Aufwand und Ertrag stehen in keinem Verhältnis. «Können wir den Fisch weiterhin nur in Fünf-Kilogramm-Paketen in der aktuellen wöchentlichen Menge verkaufen, dauert es elf Jahre, bis unsere Lager leer sind», rechnet Geschäftsführer Toby Herrlich vor.

Grosse Solidaritätswelle bei der Kundschaft

Helfen würde ein klassischer Rampenverkauf im grossen Stil vor Ort in Möhlin und Pratteln. Noch laufen dafür Verhandlungen. Das Ziel sei, erklärt Toby Herrlich, mit einem breiten Aufruf im Internet und in den klassischen Medien möglichst viele Menschen zu erreichen, die einerseits gerne Fisch haben, andererseits auch verhindern möchten, dass Lebensmittel vernichtet werden müssen. Schon jetzt erleben die Herrlichs eine grosse Welle der Solidarität. Nach ihrem «S.O.S-Aufruf» im Internet klingelt das Telefon Sturm und kommen fast im Minutentakt E-Mails mit Bestellungen rein. Aber eben: Diese Verkäufe aus der Garage stehen in keinem Verhältnis zu den Lagerbeständen.

Andrea Herrlich, Leiterin Fischlädeli

Andrea Herrlich, Leiterin Fischlädeli

zvg

Die Schwierigkeit des Fischhandels der Firma Bayshore besteht darin, dass jeweils im Januar die Einkäufe fürs ganze Jahr getätigt und die Lager gefüllt werden. Die Fischsaison laufe in der Schweiz vorwiegend zwischen April und September, betont Andrea Herrlich. Doch die Fischsaison 2020 fand gar nicht oder eben nur im kleinen Rahmen statt.

Andere Lieferanten können flexibler einkaufen

Das Beispiel des Oberwiler Fischhändlers zeigt, wie schwer auch Lieferanten von den geschlossenen Restaurants betroffen sind. Der einmalige Einkauf Anfang Jahr macht die Situation der Firma Bayshore besonders gravierend. Im Unterschied dazu konnten viele andere Gastrozulieferer, nachdem sie im März während des ersten Lockdowns vor ähnlichen Problemen standen, ihre Einkäufe flexibler gestalten.

«Wir konnten nach dem ersten Lockdown unsere Lagerbestände nach und nach zurückfahren und haben selber unsere Einkäufe an die Situation angepasst», erklärt Marcus Müller, Leiter Logistik & Betrieb bei der Firma Gebrüder Marksteiner, die unter anderem Restaurants in der Region mit Convenience-Food, Frisch- und Tiefkühlprodukten beliefert. Das Basler Unternehmen spürte vor allem auch die kurzfristig abgesagte Fasnacht. Auch andere angefragte Gastrozulieferer geben an, kleinere Lagerbestände zu führen. Das löse aber nicht alle Probleme, da die Verkäufe aktuell grundsätzlich schwerer vorauszusagen seien.

Flexibel planen kann die Familie Herrlich aus Oberwil nicht mehr. Sie muss so schnell wie möglich tonnenweise Fisch an die Frau und den Mann bringen. Ihr Aufruf auf der Firmenwebsite ist eindringlich: «Es zählt für uns jedes Kilo Fisch, das den Weg in die Pfanne und nicht in die Verbrennungsstation findet!»

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