Baselbieter Kantonsgericht
Kesb steckt gewalttätigen Jugendlichen ins Schulheim – Gericht segnet das nun ab

Nach zahlreichen, teils heftigen Gewaltvorfällen an einer Baselbieter Primarschule hat die Kesb einen 13-Jährigen in ein Schulheim platziert. Dies gegen den Willen der Mutter. Das Kantonsgericht hat ihre Beschwerde dagegen nun abgewiesen. Die Platzierung sei angesichts der Vorgeschichte verhältnismässig.

Hans-Martin Jermann
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Ambivalent: Der 13-Jährige hält die Unterbringung im Schulheim für übertrieben, wie er in einer Befragung sagt. Er zeigt aber auch Reue und die Einsicht, dass sich in seinem Leben etwas ändern müsse.

Ambivalent: Der 13-Jährige hält die Unterbringung im Schulheim für übertrieben, wie er in einer Befragung sagt. Er zeigt aber auch Reue und die Einsicht, dass sich in seinem Leben etwas ändern müsse.

Bild: Sandra Ardizzone

Ein 13-jähriger Junge mit Konzentrations- und Leistungsschwierigkeiten, der von seinen Mitschülern lange gemobbt wurde, schlägt zurück: Wird er provoziert, brennen bei ihm die Sicherungen durch, wie er einräumt. Die Situation eskaliert im Herbst 2020: Nach einer gewalttätigen Auseinandersetzung in der Schule, in deren Verlauf der Junge auf einen bereits am Boden liegenden Kollegen mit Füssen eintritt, ordnet die betroffene Baselbieter Primarschule am 9. November ein Time-out an. Zuvor ist er im Mai nach einem Gewaltvorfall bereits aus einer Kindertagesstätte ausgeschlossen worden.

Der Junge wächst in schwierigen Verhältnissen auf, wie den Akten zu entnehmen ist. 2009, da ist er einjährig, werden er und seine sieben Jahre ältere Schwester nach einem tätlichen Streit der Eltern einer Erziehungsbeistandschaft unterzogen. Die Eltern lassen sich 2013 scheiden. Der Vater ist von da an faktisch inexistent und erscheint nicht zu Anhörungen. Die Mutter wird als bemüht, aber überfordert beschrieben.

Mutter kritisiert: Junge benötige Hilfe, keine Bestrafung

Nach dem Vorfall, der im Time-out mündet, reicht die Primarschule eine Gefährdungsmeldung bei der Kesb ein. Am 13. Januar 2012 entscheidet diese auf Basis eines Antrags der Beiständin, dass der Mutter das Aufenthaltsbestimmungsrecht über ihren Sohn entzogen und dieser in einem stationären Schulheim platziert wird. Sämtliche ambulante Massnahmen – die Integrative Spezielle Förderung, regelmässige Beratungen sowie Abklärungen durch die Jugendforensische Ambulanz – seien ohne gewünschte Wirkung geblieben. Dagegen erhebt die Mutter umgehend Beschwerde beim Kantonsgericht. Ihr Sohn benötige Hilfe, keine Bestrafung.

Das Kantonsgericht hat ihre Beschwerde aber abgewiesen, wie dem kürzlich publizierten schriftlichen Urteil zu entnehmen ist. Eine Gefährdung des Kindswohls sei vorliegend klar gegeben. Könne dieser nicht anders begegnet werden, so habe die Kesb das Kind den Eltern wegzunehmen, heisst es im Artikel 310 im Zivilgesetzbuch. Unerheblich dafür sei, ob die Ursachen für die Gefährdung im Verhalten des Kindes, der Eltern oder im Umfeld liegen, betont das Gericht. Gleichwohl hält es die Mutter für «offenkundig nicht in der Lage», der Gefährdung ihres Sohnes entgegenzuwirken. Es verweist auf Aussagen von Time-out, wonach der Junge bei Treffen nach dem Wochenende jeweils nicht richtig angezogen gewesen sei und verwahrlost gewirkt habe. Ohne Gegensteuer droht er in Kriminalität abzugleiten.

Ohne Gegensteuer droht er in die Kriminalität abzugleiten

Das Gericht kommt zum Schluss, dass die Mutter die komplexen Probleme ihres Sohnes bagatellisiere und wenig kooperativ gewirkt habe. Die angeordnete Unterbringung im Schulheim sei nicht zu beanstanden und verhältnismässig. Es müsse Gegensteuer gegeben werden, ansonsten drohe der Junge mit seinen Schulabsenzen und Ausschlüssen mangels ausreichender Schulbildung und Integration in die soziale Randständigkeit oder gar in die Kriminalität abzugleiten.

Der Junge wird als ambivalent beschrieben: Die Unterbringung in der geschlossenen Abteilung des Heims hält er für übertrieben, wie er in einer Befragung kurz nach Eintritt sagt. Er äussert aber Verständnis dafür, mit den Konsequenzen seines Handelns leben zu müssen. Auch andere Fachpersonen sehen beim Jungen Reue und die Einsicht, dass sich etwas ändern müsse. Zugleich übt das Gangstertum eine magnetische Anziehungskraft auf ihn aus, wie die Time-out-Leiterin aussagt.

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