Baselbieter Strafgericht
Mordversuch in Laufner Altersheim: Ehemalige Pflegerin und ihre Kollegin freigesprochen

In dubio pro reo: Das Strafgericht hat eine 32-jährige Pflegerin vom Vorwurf freigesprochen, sie habe im Herbst 2018 im Alterszentrum Rosengarten in Laufen eine 80-jährige Heimbewohnerin vergiften wollen. Ebenfalls freigesprochen wird eine 45-jährige Arbeitskollegin. Zurück bleibt ein Schuldspruch wegen veruntreuten Geldes.

Hans-Martin Jermann
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Das Lachsbrötli war letztlich wohl doch – ein Lachsbrötli: Dass die Pflegerin dieses mit Giftpulver bestreut haben soll, konnte nicht zweifelsfrei bewiesen werden.

Das Lachsbrötli war letztlich wohl doch – ein Lachsbrötli: Dass die Pflegerin dieses mit Giftpulver bestreut haben soll, konnte nicht zweifelsfrei bewiesen werden.

Nicole Nars-Zimmer

Nach dem Freispruch umarmten sich die beiden Frauen vor dem Strafjustizzentrum in Muttenz innig. Die Erleichterung war den beiden anzusehen und kam nicht von ungefähr: Welches Urteil das Gericht fällen würde, war vor der Eröffnung am Donnerstagnachmittag selbst für Kenner der hiesigen Justiz kaum vorauszusehen.

Die äusseren Umstände deuteten im Vorfeld durchaus darauf hin, dass die 32-jährige damalige Pflegerin im Laufner Alterszentrum Rosengarten zwischen September und Dezember 2018 versuchte, eine 80-jährige Seniorin mittels Gift in belegten Brötchen, Erdbeertörtchen und im Morgentee umzubringen. Das betonte gestern auch das Gericht.

Es wurden Rizinussamen und Giftpflanzen gekauft – aber wann?

Tatsächlich wurden Rizinussamen und Pflanzen des hochgiftigen Blauen Eisenhuts gekauft. Es gab Recherchen im Internet zu den tödlichen Wirkungen dieser Pflanzen. Auch hat die 45-jährige Arbeitskollegin der Pflegerin nachweislich «Ist Mitwisserschaft bei Mord strafbar?» gegoogelt. Die Pflegerin hatte gravierende Ehe- und zudem finanzielle Probleme. Allerdings kann laut Gericht nicht bewiesen werden, dass sich die Ereignisse tatsächlich so abspielten, wie von der Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift dargestellt. «Wegen dieser ernsthaften Zweifel erfolgt ein Freispruch in dubio pro reo», sagte die Gerichtspräsidentin.

Zweifel hatte das Gericht unter anderem zu den Vorfällen mit den vergifteten Brötchen und Törtchen im September: Dass die Pflegerin damals bereits über die giftigen Rizinussamen verfügte, konnte ihr nicht nachgewiesen werden. Beim angeblichen zweiten Mordversuch mit dem Erdbeertörtchen war die junge Frau zwar im Besitz des Blauen Eisenhuts. In der Folgenacht litt die Seniorin an Erbrechen und Durchfall. Nur: Letztere sagte später aus, auf dem Törtchen sei das gleiche braune Pulver drauf gewesen zuvor auf den belegten Brötchen. Für den ersten Vorfall kann der Pflegerin der Besitz der Giftpflanze allerdings nicht nachgewiesen werden. Die Geschichte geht folglich so nicht auf.

Zum Spitalaufenthalt Anfang Dezember nach dem Morgentee betonte die Gerichtspräsidentin: «Eine Vergiftung konnte trotz umfangreicher Abklärungen nicht nachgewiesen werden.» Sie sei sogar eher unwahrscheinlich. Laut rechtsmedizinischem Gutachten treten bei Vergiftungen als erstes meist Magen-Darm-Probleme auf. Doch just diese Symptome zeigten sich bei der Seniorin im Spital nicht.

Suizid-Absichten der jungen Frau zumindest nicht auszuschliessen

Dann die Internetrecherchen zu den Giftpflanzen: Es sei nicht zweifelsfrei erstellt, dass diese dazu dienten, die Seniorin zu töten. Wer hätte denn vergiftet werden sollen? Der verhasste Ehemann, der die Frau jahrelang schlug? Jemand anderes? Die junge Frau selber? Ihre vorgebrachten Suizidabsichten – von der Staatsanwaltschaft als unglaubwürdig taxiert - könnten zumindest nicht völlig ausgeschlossen werden, so das Gericht.

Zum reichlich schrägen SMS-Verkehr, in dem die beiden Kolleginnen laut eigenen Angaben im Scherz darüber fantasierten, einen Auftragskiller auf den Ehemann der 32-Jährigen zu hetzen, sagte das Gericht schliesslich: Dass hier planmässig und konkret Vorbereitungshandlungen für einen Mord begangen worden seien, sei nicht gegeben. Alleiniges Denken, SMS schreiben oder auch Googeln reicht für die Erfüllung eines solchen Tatbestandes nicht aus.

Zurück bleibt letztlich die Veruntreuung. Die 32-jährige Frau gab vor Gericht zu, dass sie vom Konto der wohlhabenden alten Dame unrechtmässig 20'000 Franken für eigene Zwecke abhob. Dafür wurde sie vom Strafgericht denn auch wegen Veruntreuung zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten bedingt bei einer Probezeit von zwei Jahren verurteilt. Die ehemalige Vertrauenspflegerin muss dieses Geld nun zurückbezahlen. Genugtuungsansprüche der Seniorin wies das Gericht hingegen zurück. Der Verteidiger zeigte sich mit dem Urteil zufrieden. Zu einer allfälligen Berufung wollte sich die Staatsanwaltschaft auf Anfrage nicht äussern. Zuerst warte man das schriftliche Urteil des Gerichts ab, liess ein Sprecher verlauten. Ein Weiterzug ans Kantonsgericht scheint aber wahrscheinlich.

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