Baselbieter Strafgericht
Versuchter Mord im Laufner Altersheim: «Medizinisches Gutachten entlastet meine Mandantin», sagt der Verteidiger

Im Alterszentrum Rosengarten in Laufen soll eine heute 32-jährige Pflegerin 2018 versucht haben, eine Bewohnerin zu vergiften. Wegen versuchten Mordes soll sie laut Staatsanwaltschaft zehn Jahre ins Gefängnis, ihre mitwissende Kollegin vier Jahre. Die Verteidiger der beiden Frauen fordern Freisprüche: Die Staatsanwaltschaft habe keinerlei Beweise für die angeblichen Giftattacken vorgelegt.

Hans-Martin Jermann
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Das Seniorenzentrum Rosengarten in Laufen: Hier soll eine Pflegerin versucht haben, eine Bewohnerin mit Esswaren und Getränken zu vergiften.

Das Seniorenzentrum Rosengarten in Laufen: Hier soll eine Pflegerin versucht haben, eine Bewohnerin mit Esswaren und Getränken zu vergiften.

Nicole Nars-Zimmer

Darum geht's im Altersheim-Prozess

  • Drei Mal soll eine Pflegerin im Alterszentrum Rosengarten in Laufen zwischen September und Dezember 2018 versucht haben, eine Rentnerin zu töten: Nach dem letzten Anschlag mit vergiftetem Tee verbrachte die ältere Dame mehrere Tage im Spital.
  • Es ging auch um Geld: Die Bewohnerin des Altersheims hatte ihrer Vertrauenspflegerin die Vollmacht für ein Konto übergeben, auf dem rund 80'000 Franken lagen. Die Pflegerin hob kurz später ohne Auftrag der Seniorin 20'000 Franken ab.
  • Die 32-jährige Frau steht wegen versuchten Mordes vor dem Baselbieter Strafgericht. Sie bestreitet diese Tat. Die angeklagte Veruntreuung von 20'000 Franken gibt sie zu. Ebenfalls auf der Anklagebank sitzt eine 45-jährige Mitwisserin der Taten.
  • Neben dem Hauptfall wird den beiden Frauen vorgeworfen, den Mord am Ehemann der Hauptangeklagten vorbereitet zu haben. Konkret wollten sie laut Staatsanwaltschaft einen Auftragskiller organisieren. Beweisen sollen dies SMS zwischen den beiden und Recherchen im Internet. Die Verteidigung weist die Vorwürfe vehement zurück.
  • Die Staatsanwältin fordert in ihrem Plädoyer eine Gefängnisstrafe von zehn Jahren für die 32-jährige Hauptangeklagte. Die 45-jährige Gehilfin soll eine Haftstrafe von vier Jahren erhalten. Der Anwalt der Seniorin fordert eine Genugtuungssumme von 45'000 Franken von den beiden nebst der Rückzahlung der veruntreuten 20'000 Franken sowie 12'000 Franken für die Rechtsvertretung.
  • Der Verteidiger der Pflegerin fordert einen Freispruch vom Vorwurf des versuchten Mordes. Die Anklage strotze nur so vor Unschlüssigkeiten und Vermutungen, sagt er. Das erstellte medizinische Gutachten – das einzige objektive Beweismittel in diesem Prozess – entlaste seine Mandantin. Giftige Substanzen konnten im Urin der Rentnerin keine nachgewiesen werden.
  • Das Urteil im aufsehenerregenden Prozess wird am Donnerstag gefällt.

2. Prozesstag – 7. September 2021

Die Fall führende Staatsanwältin stuft in ihrem Plädoyer die Aussagen der Rentnerin für glaubhaft ein. Sie habe detailreich und übereinstimmend über die drei Attacken berichtet. Anders die beiden angeklagten Frauen. Diese hätten ihre Aussagen mehrfach angepasst und verändert. So habe die Angeklagte mehrfach widersprüchliche Aussagen über den Kauf der Rizinussamen gemacht. Die Behauptung, sie habe diese gekauft, um Suizid zu begehen, sei nicht glaubwürdig. Zu den Recherchen, welche die beiden Angeklagten auf ihrem Mobiltelefon sowie auf dem Computer im Stationszimmer des Heims tätigten, sagt sie Staatsanwältin: «Sie suchten im Internet nicht nach Begriffen wie Suizid, sondern nach Töten und dergleichen.»

Medizinisches Gutachten erbringt direkten Nachweis der Vergiftung nicht

Demgegenüber konnte das Gutachten des Instituts der Rechtsmedizin der Universität Basel vom 29. März 2019 einen direkten Nachweis der Vergiftung nicht erbringen. «Das heisst aber nicht, dass die Seniorin an dem Tag nicht vergiftet wurde», betont die Staatsanwältin zum Vorfall mit dem vergifteten Tee, der zu einem mehrtägigen Spitalaufenthalt der Rentnerin führte. Die klinischen Symptome der beiden Vorfälle – Einnahme des Erdbeertörtchens am 19. September und des Tees am 1. Dezember – seien mit einer Vergiftung mit den erwähnten Substanzen aber vereinbar, zitiert die Staatsanwältin aus dem Gutachten. Der Giftnachweis sei sehr komplex, vorliegend auch deshalb, weil nur eine geringe Menge Urin zur Verfügung stand, führt die Staatsanwältin aus.

Zusammenfassend handelte die Beschuldigte laut der Staatsanwältin mit dem Hauptziel, die Seniorin zu töten, um an das Geld der Seniorin zu gelangen. Ihr Vorgehen zeuge vom Fehlen jeglicher Gewissensregeln, die Ausführung sei extrem verwerflich und skrupellos gewesen.

«Sie hat belegte Brötchen und Erdbeertörtchen gebracht, über die sich die Rentnerin freute. Perfider geht es nicht»,

führt die Staatsanwältin aus. Die Taten seien von langer Hand geplant gewesen und die Pflegerin habe auch dann nicht davon abgesehen, als erste Versuche scheiterten.

Die Staatsanwältin fordert für die Hauptbeschuldigte wegen mehrfach versuchten Mordes an der Seniorin, Veruntreuung sowie Vorbereitungshandlungen zu Mord an ihrem Ehemann eine Haftstrafe von zehn Jahren. Reue und Einsicht fehlten vollständig. Deren Kollegin soll laut Antrag der Staatsanwältin wegen Gehilfenschaft zu vorsätzlichem Mord für vier Jahre ins Gefängnis.

Verteidiger: Medizinisches Gutachten entlaste seine Mandantin

Der Verteidiger der Hauptangeklagten fordert demgegenüber einen Freispruch vom Vorwurf des versuchten Mordes. Zu verurteilen sei seine Mandatin wegen der eingeräumten Veruntreuung. Die Arbeit der Staatsanwaltschaft kritisiert der Verteidiger in seinem Plädoyer scharf: Er habe schon lange keine Anklageschrift gelesen, die mit derart vielen Unsicherheiten, Vermutungen und Eventualitäten bestückt sei. Beweise für die Schuld seiner Mandantin vermöge die Staatsanwältin nicht zu liefern.

«Ein Strafprozess ist keine Jekami-Veranstaltung, in der man einfach mal etwas behaupten kann»,

kritisiert der Verteidiger.

Das einzige objektive Beweismittel sei vorliegend das medizinische Gutachten. Dieses entlaste seine Mandantin, betont der Verteidiger. Das Gutachten bestätige, dass im Urin der Rentnerin Rizin sowie die im Blauen Eisenhut vorhandene giftige Substanz nicht nachgewiesen werden könne. Man werde umgekehrt fast immer ein Symptom finden, das auch von einer Vergiftung her rühren könnte.

Zum Kauf der giftigen Rizinussamen bemerkt der Verteidiger: Die Staatsanwaltschaft weist nach, dass die Angeklagte am 3. November und 7. Dezember Samen gekauft habe, dies also nach den beiden ersten Vorfällen mit den belegten Brötchen und dem Erdbeertörtchen im September. Die Staatsanwaltschaft habe viel Energie auf das Auffinden solcher Belege verwendet. Sie hätte doch Hinweise für einen früheren Kauf dieser Samen gefunden, hätte dieser tatsächlich stattgefunden.

Entstand die Geschichte von der Vergiftung erst im Nachhinein?

Die Aussagen der Rentnerin zum Pulver auf Brötchen und Törtchen beurteilt der Verteidiger hier insgesamt als nicht schlüssig: Wenn doch die Rentnerin eine solch resolute und beim Essen diffizile Person sei, wie dies vor Gericht geschildert wurde, weshalb habe sie dann über die angeblichen Vergiftungsversuche die Heim- oder Pflegeleitung nicht kurz nach dem Geschehenen informiert?

«Selbst bei der Anzeige der Veruntreuung erwähnte die Rentnerin die angebliche Vergiftung mit keinem Wort»,

betont der Verteidiger. Für ihn ist daher klar: Die Vergiftungs-Geschichte entstand erst im Nachhinein, nach dem Vertrauensbruch um die Veruntreuung des Geldes.

Der Vorwurf an seine Mandatin, sie habe sich durch die Vergiftung der Rentnerin Zugang zum Konto der Rentnerin verschaffen wollen, mache keinen Sinn: Schliesslich würde die Vollmacht, die sie von der Rentnerin fürs Konto hat, nach deren Tod erlöschen. «Der Tod der Seniorin hätte meiner Mandantin überhaupt nichts gebracht – im Gegenteil.»

Die Vorgesetzten seiner Mandantin hätten ausgesagt, dass sie eine gute Mitarbeiterin war. Eine Person, die jahrelang im Pflegedienst arbeitet, müsse über Empathie verfügen und für diesen Job geboren sein. Der Verteidiger fragt die Richterinnen und Richter geradewegs:

«Trauen Sie meiner Mandantin eine solche Tat wirklich zu?»

1. Prozesstag – 6. September 2021

Der erste Prozesstag beginnt mit der Personenbefragung: Die 32-jährige Hauptangeklagte berichtet von einer schweren Kindheit. Sie wurde mehrmals zwischen der Schweiz und Serbien, wo sie geboren wurde und ihre Verwandte leben, hin und her geschoben. Ihr Vater starb, als sie noch ein Kleinkind war. Sie wurde selber mit 18 erstmals Mutter. Sie bezeichnet sich selber als suizidgefährdet und hat sich nach der Untersuchungshaft in psychiatrische Behandlung begeben.

Sie berichtet auch von Problemen in der Ehe: Ihr Mann sei in der Vergangenheit oft gewalttätig gewesen, er gebe sich aber heute sehr Mühe, sich unter Kontrolle zu halten, betont die Angeklagte vor Gericht. Kürzlich wurde sie zum dritten Mal Mutter, was sie sehr glücklich mache. Sie verfügt nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft über eine Festanstellung, hat aber noch Schulden.

Pflegerin räumt Veruntreuung ein: «Damit muss ich leben»

Die Richterinnen und Richter stellen der 32-jährigen Pflegerin anschliessend Fragen zu den Vorwürfen in der Anklageschrift: Sie habe teilweise während des Dienstes auf dem Computer des Arbeitgebers zu Giftpflanzen und giftigen Substanzen wie dem Blauen Fingerhut, Rizin oder Arsen recherchiert. Die Angeklagte bricht darauf in Tränen aus:

«Ich wollte der Frau nichts antun. Ich bin kein kaltblütiger Mensch.»

Die Recherchen habe sie getätigt, weil sie sich selber das Leben nehmen wolle, sagt die Angeklagte. Diese Aussage zieht kritische Nachfragen der Richterinnen und Richter nach sich: Die recherchierten Substanzen führten nur langsam und qualvoll zum Tod, sind also für einen Suizid nicht geeignet.

Das Verhältnis zur Rentnerin, die sie betreut hat, beschreibt sie vor Gericht als eng. Sie habe ihr im Juli 2018 beim Zügeln in ein anderes Pflegezimmer geholfen, erledigte für sie Botengänge und begleitete sie zum Coiffeur. Die Pflegerin selber genoss es nach eigenen Angaben, dass sie von einem anderen Menschen geschätzt wurde und für diesen wichtig war. Im August 2018 erhielt sie bei einem Gang auf die Bank die Vollmacht über ein Konto der Rentnerin. Den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, sie habe Gelder der Rentnerin veruntreut, bestreitet die Hauptangeklagte hingegen nicht. «Das tut mir leid und damit muss ich leben», sagt sie unter Tränen. Sie habe aber der Rentnerin nichts angetan.

Die 45-jährige Mitwisserin verweigert vor Gericht meist die Aussagen und verweist auf die Einvernahme gegenüber der Staatsanwaltschaft.

«Wenn man zu viel Rizinussamen isst, dann putzt es einen»

Vor Gericht schildert dann die Rentnerin ihre Beziehung zur Angeklagten: Diese habe ihre Arbeit «recht» gemacht, sagt die 80-Jährige. Deshalb habe sie sich im August 2018 auch entschieden, ihr die Vollmacht für ihr Konto zu übertragen. Als sie erstmals braune Körner auf ihren von der Pflegerin besorgten Crevetten- und Lachsbrötchen entdeckte, habe sie diese darauf aufmerksam gemacht. Diese habe zunächst erklärt, dass man bei der Migros wohl etwas Neues ausprobiert habe.

Wenige Tage später habe sie dann beim Essen eines Erdbeertörtchens wiederum braune Körner auf dem Vanillecreme-Belag entdeckt. Auch hier habe sie ihre Pflegerin konsultiert, wobei diese beteuert habe, sie wolle die Ursachen für die braunen Körner abklären. «Ich habe aber von ihr nie mehr etwas dazu gehört», betont die Seniorin vor Gericht. Sie habe sich bereits zu jenem Zeitpunkt gefragt, ob man sie vergiften wolle. Später sei dann die zweite angeklagte Pflegerin zu ihr gekommen und habe ihr eröffnet, dass sie für die Hauptangeklagte Rizinussamen besorgt habe. Dann habe sie ihr gesagt: Wenn man zu viel davon esse, dann putzt es einen. «Da ist mir ein Licht aufgegangen», berichtet die Seniorin vor Gericht.

Der Heimleiter des Alterszentrums schildert in der Befragung beide Frauen als gute Mitarbeiterinnen. Es habe bis zu den nun vor Gericht verhandelten Strafsachen keine Klagen über sie gegeben. Er habe gegenüber der nun Hauptangeklagten am 19. Dezember 2018 eine fristlose Kündigung ausgesprochen, nachdem er von der Seniorin darüber informiert worden sei, dass die Pflegerin Geld von ihrem Konto abgehoben habe, und die Bank dies auf Nachfrage bestätigt habe. «Für mich war der Fall damit abgeschlossen», sagt der Heimleiter.

Am 24. Dezember habe ihn die Seniorin dann über das Gespräch zwischen ihr und der Nebenangeklagten zu den Rizinussamen informiert. Da die Geschichte, die ihr seine Angestellte erzählt habe, für ihn nicht glaubhaft gewesen sei, habe er auch ihr fristlos gekündigt. Weitere Angaben zu den angeblichen Taten macht der Heimleiter nicht.

Die Berichterstattung zum Altersheim-Prozess ist für heute Dienstag abgeschlossen. Wir berichten an dieser Stelle am kommenden Donnerstagnachmittag wieder, wenn das Strafgericht das Urteil verkündet.

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