Baselland
Bundesrat entschuldigt sich zu spät bei Verdingkindern

Am Donnerstag entschuldigten sich Simonetta Sommaruga und der Bundesrat bei ehemaligen Verdingkindern und Opfern von Zwangssterilisation. Für eine Oberbaselbieterin kommt die Bitte um Verzeigung zu spät. Sie hat sie nicht mehr erlebt.

Daniel Haller
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Psychiatrie als Erpressungsmittel: Frauen-Schlafsaal in der damaligen Klinik Waldau.Keystone

Psychiatrie als Erpressungsmittel: Frauen-Schlafsaal in der damaligen Klinik Waldau.Keystone

Als die Berner Behörden Käthi Hunziker (richtiger Name der Redaktion bekannt) abholten, war sie Magd auf einem Hof im Oberbaselbiet. Ihr «Vergehen»: Sie war zum vierten Mal schwanger. In Bern brachte sie eine Tochter zur Welt, die in einer Pflegefamilie platziert wurde. Da jedoch die Behörden der ledigen Mutter sagten, ihr Töchterchen sei adoptiert – Adoption verwehrte im Gegensatz zur Pflege leiblichen Eltern das Besuchsrecht – sah sie die Tochter erst wieder, als diese erwachsen war und nach den leiblichen Eltern forschte. Im nachfolgend zitierten Brief berichtete Hunziker 1983 ihrer Tochter, was 1955 geschah, als ihre Schwangerschaft bekannt wurde.

Nach Bern ins Frauenspital

«Bald wusste man dies auch in Bern auf der Fürsorgedirektion, und so sandte man den damaligen zuständigen Fürsorger für meinen Fall (...), um mich abzuholen. Er brachte mich nach Bern ins Frauenspital oder in ein dazugehöriges Gebäude, wo schwangere, ledige Mütter arbeiten konnten. So musste ich die letzte Zeit der Schwangerschaft dort verbringen, verkürzt mit allerlei, aber sehr leichter Arbeit. Ich wurde auch gefragt, wie ich über alles denke, was ich mir vorstelle, wie alles weitergehen solle, und was das den Staat alles koste, jeden Tag erstens das Kinderheim» (für ihre anderen Kinder) «und dann auch noch für mich».

Käthis Leben war von Abhängigkeit und Kälte geprägt: Nachdem ihr Vater im Emmental bei einem Holzerunfall ums Leben gekommen war, hatte man sie im Schulalter auf einem Hof oberhalb des Wohlensees im Kanton Bern fremdplatziert. Die Bäuerin verwehrte Käthi den vom Lehrer empfohlenen Sekundarschulbesuch. Grund: Das Mädchen hätte sonst wegen der Hausaufgaben zu wenig Zeit zum Arbeiten. So konnte es keinen Beruf lernen und wurde Magd auf verschiedenen Höfen, wo sie jeweils vom Dienstherrn geschwängert wurde. Als man sie im Oberbaselbiet abholte, hatte sie bereits vier Kinder – einmal Zwillinge – zur Welt gebracht, die alle in Heime gesteckt wurden.

«Minderwertigkeit eingehämmert»

«Ich weiss nicht mehr genau (...) ob Du um Mitternacht herum oder früh morgens geboren bist», schrieb sie ihrer Tochter. «Jedenfalls war es eine unendlich qualvolle Zeit, nicht eigentlich der Schmerzen wegen. Aber das Verlassen- und Verlorensein war so intensiv. Es waren zwei bis drei Schwestern oder Hebammen dort, jung wie ich damals, die keinerlei Anteil an meinem Befinden nahmen. Ich getraute mich nicht, mich bemerkbar zu machen, wurde mir doch genug eingehämmert, wie ungeschickt und minderwertig das ist, dass ich schon wieder auf einer Entbindungsstation bin, ohne Mann!»

«Als alles vorbei war, bekam ich bis weit in den Vormittag hinein nichts zu trinken, nichts zu essen, weil man den Beschluss von der Fürsorgedirektion abwarten musste, ob ich anschliessend gerade unterbunden werden muss oder nicht. Der Schweiss und die Tränen netzten ein wenig die ausgetrockneten Lippen. Man fand es nicht für nötig, mir auch nur einmal mit einem feuchten Waschlappen übers Gesicht zu fahren. Da lag eine solche, die eben das fünfte uneheliche Kind geboren hatte ...»

Mit dem Vater gegen die Mutter

Doch die junge Frau wurde nicht sofort sterilisiert – «unterbunden», wie sie schreibt – sondern kam mit ihrer Tochter ins Säuglingsheim Elfenau. Dann brachte die Berner Fürsorgedirektion den Sohn des Baselbieter Bauern dazu, die Vaterschaft anzuerkennen. Da man nun einen Vater hatte, konnte man mit dessen Einwilligung das Kind weggeben. «Man sagte ihm, dass es ganz und gar nicht die einzige Lösung wäre, mich zu heiraten. Es gäbe da noch eine bessere Idee, das Kind wegzugeben an Adoptiveltern, denn solche würden kein Pflegegeld verlangen und er wäre ‹drus und dusse›!» Bei einem die Adoption betreffenden Termin habe man ihr direkt mitgeteilt, «dass es auch ohne meine Zustimmung so gehen würde, wie es nun geplant sei».

In der Psychiatrie

«Man erlaubte mir nicht mehr, zu Dir nach der Elfenau zurückzukehren. Eines Tages wurde ich bei meiner Mutter (im Emmental) abgeholt und in die Waldau (Psychiatrie in Bern) gebracht. So kurz nach der Geburt und einmal mehr enttäuschenden Erlebnissen war ich empfindlich und litt sehr darunter, dass man mich dorthin gebracht hatte. Die Behandlung war nicht gut, aber man konnte ja wegen mir nicht eine spezielle Station errichten. Nacht im Schlafsaal! Erst gegen Morgen hätte man schlafen können, aber dann musste man auf. Für einen gesunden Menschen war dieser Aufenthalt eine Tortur. Ich konnte nach einiger Zeit nicht mehr sprechen.»

«So beantragte mein zuständiger Psychiater eine Arbeit für mich ausserhalb der Anstalt mit täglichem Zurückkehren in die Waldau zum Übernachten oder ein Jahr Mädchenheim (...). Sozusagen als Strafe, dass ich auch Dich nicht abgetrieben habe und dass ich immer wieder auf lose Versprechungen hereinfiel.»

«Eines Tages sprach (...) mein Psychiater, mit mir und sagte, es sei für meinen Gesundheitszustand sehr wichtig, dass ich bald aus der Waldau herauskäme. Es gäbe da noch eine Lösung: Ich hätte ja nun ein paar Kinder, und ich könnte mich unterbinden lassen: So hätte dann die Fürsorgedirektion auch nicht mehr über mich zu bestimmen und ich wäre wieder frei. Sicher war es noch der letzte Rest von Willen damals, dass ich diesem Vorschlag zustimmte.»

Entschuldigung nicht mehr erlebt

Von ihren fünf Kindern hatte einzig die bei der Pflegefamilie untergebrachte Tochter eine glückliche Jugend. Die anderen erlitten Heimschicksale, für die sich der Bundesrat am Donnerstag ebenso entschuldigte wie bei Verdingkindern und Zwangssterilisierten. Doch für Käthi Hunziker kommt die Entschuldigung zu spät: Sie ruht seit elf Jahren auf einem Friedhof im Oberbaselbiet.

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