Schloss-Abstimmung
Burgenfreund Christoph Matt: «Die Abgabe geht in Richtung Salamitaktik»

Christoph Matt ist oberster Burgenfreund. Im Interview erklärt er, weshalb Burgen zwar Romantik, aber keine Renditen bringen, warum Schloss und Hof zusammen gehören – und wieso er dem Gegenvorschlag arg misstraut.

Benjamin Wieland
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Christoph Matt, Präsident der Burgenfreunde beider Basel, in seinem Büro am Petersgraben. Martin Töngi

Christoph Matt, Präsident der Burgenfreunde beider Basel, in seinem Büro am Petersgraben. Martin Töngi

Herr Matt, hätten Sie erwartet, dass die Schlösser-Initiative eine derartige Resonanz auslösen würde?

Christoph Matt: Dass es die Leute interessiert, was mit den Burgen passiert, wusste ich. Die Heftigkeit der Reaktionen hat mich positiv überrascht.

Zur Person

Der Archäologe Christoph Philipp Matt ist Präsident der Burgenfreunde beider Basel. Der Verein hat sich den Erhalt und die Erforschung von Burgen und Schlössern der Region auf die Fahne geschrieben. Matt hat auch beruflich mit alten Gemäuern zu tun: Der Birsfelder ist Ressortleiter Innerstadt bei der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt. Als Gründungsstätte der Burgenfreunde diente 1931 übrigens das damals noch stark baufällige Wasserschloss Bottmingen. (bwi)

Das Bild, das wir von Burgen und Schlössern haben, ist erwiesenermassen arg gefärbt: Es hat eher etwas mit Disney-Filmen zu tun – der edle Ritter, der sich zum Burgfräulein durchschlägt, um diese aus dem Zinnenturm zu retten.

Eine gewisse Romantik schadet nicht. Es muss ja nicht gleich Disney sein... Als Bub habe ich zum Beispiel gerne mit meinem Vater die Waldenburg oder andere Burgen erwandert.

Burgenromantik ist etwas Feines. Aber sie kann den Blick trüben. Die Schlösser Wildenstein und Bottmingen erfuhren ständige Besitzerwechsel, es war ihr Normalzustand. Warum ist es für viele so wichtig, dass sie beim Kanton bleiben?

Die jüngere Geschichte der Schlösser war gar nicht so bewegt – Burgen sind keine Renditeobjekte. Wildenstein blieb über 200 Jahre bei der Familie Vischer, bevor sie der Kanton 1995 kaufte. Bottmingen ist nun seit über 50 Jahren in Kantonsbesitz. Das ist eine Kontinuität, die man aufrechterhalten muss.

Überfällige Frage: Die Burgenfreunde unterstützen die Initiative?

Ja. Der Vorstand hat sich klar dafür ausgesprochen. Und meine Vorgängerin, Doris Huggel, ist im Komitee «Kultur verpflichtet».

Die Schlösser würden mit dem Gegenvorschlag nicht verkauft, sondern – wörtlich – im Baurecht in eine Stiftung eingebracht.

Ja, aber was bedeutet das? Geht das nicht in Richtung Salamitaktik? Luzern ist zum Beispiel nicht glücklich darüber, dass das Château Gütsch zu einem russischen Investor kam...

...Sie vergleichen die BLKB, welche Schloss Wildenstein übernehmen will, mit einem russischen Investor?

Nein, sicher nicht. Die Initianten befürworten eine Lösung mit der BLKB. Das Schloss erträgt noch mehr Anlässe. Aber wer weiss, was die Zukunft bringt? Wildenstein soll im Besitz der öffentlichen Hand bleiben, diese ist eine gute Schlossherrin. Und der Hof soll nicht separat verkauft werden, weil Schloss und Hof – wie fast überall – baulich und historisch eine Einheit bilden.

Trotzdem: Die Initiative will den Status quo einfrieren. Schlösser sind aber keine Museen. Sie wurden immer wieder verändert!

Abstimmung am 3. März: Um diese beiden Schlösser geht es

Das Schloss Bottmingen hat eine bewegte Geschichte: Wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erbaut, wechselt es Dutzende Male den Besitzer. 1409 wird die Wasserburg sogar niedergebrannt. Die grössten Umbauten erfolgen im 17. und 18. Jahrhundert, danach verfällt die Anlage - bis 1945: Die Burg wird renoviert, zehn Jahre später kauft sie der Kanton Basel-Landschaft. Heute präsentiert sich das Wasserschloss Bottmingen als Barockschloss französischer Prägung. Die Burganlage Wildenstein bei Bubendorf aus dem 13. Jahrhundert hat noch mehr Wechsel durchgemacht als das Schloss Bottmingen - die Liste ihrer Herren liest sich wie ein Who's who von Spätmittelalter bis Neuzeit. Ruhe kehrt ab 1792 ein, als die Burg an die Basler Familie Vischer fällt, von der sie 1995 an den Kanton weiterveräussert wird. Wildenstein ist die einzige erhaltene Höhenburg des Kantons. Im 19. Jahrhundert wird sie im Sinne der damaligen Burgenromantik umgestaltet. (bwi)

Das stimmt. Aber jede Nutzungsänderung greift in die Bausubstanz ein. Ich denke an neue Leitungen oder an Mauerdurchbrüche. Beim Kanton als Eigentümer können solche Veränderungen besser kontrolliert und im Sinne der Allgemeinheit realisiert werden als bei einem privaten Investor. Und vor allem bleibt die Zugänglichkeit gewährleistet.

Fast alles, was die Initiative verlangt, wird im Gegenvorschlag aufgefangen: Die Schlösser werden nicht verkauft, die öffentliche Zugänglichkeit bleibt gewährleistet. Warum findet die Initiative trotzdem so breite Unterstützung?

Gegenfrage: Weshalb waren Burgen und Schlösser ein Thema an der Olma 2010, als Basel-Landschaft einer der drei Ehrengäste war? Sie stiften Identität und Heimatgefühl! Übrigens will man auch in Basel einen Gebäudekomplex auseinanderreissen.

Was meinen Sie damit?

Manche möchten die Kaserne schleifen. Dabei bildet der Komplex im Stadtbild eine gewachsene Einheit: Kaserne, Klingentalkirche, Reithalle, Rossstall. Da darf nichts eliminiert werden. Die Kaserne ist für mich gewissermassen das «basel-städtische Wildenstein».