Land-Schreiber
Dampf ablassen beim Sport: Immer mitten in die Fresse rein

In Lugano streckt ein Baselbieter Basketballer einen ausländischen Verstärkungspieler des Gegner nieder, in Reinach dreschen wild gewordene Thaiboxer aufeinander ein. Ist die Welt komplett verrückt geworden?

Bojan Stula
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«Carlos» beim Boxtraining.

«Carlos» beim Boxtraining.

Screenshot SRF

Freitagabend: An einem Basketballspiel in Lugano kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Captain der Birstal Starwings und dem ausländischen Verstärkungsspieler. Der Streit eskaliert. Unter der Dusche streckt der Captain den Litauer mit Faustschlägen nieder. Montagabend: Ein 30-köpfiger, bewaffneter Schlägertrupp überfällt in Reinach ein Kampfsportzentrum. Die anschliessende Massenschlägerei fordert mehrere Verletzte, auch Minderjährige. Dort anwesende Kinder werden in Angst und Schrecken versetzt. In den Folgetagen stellt sich heraus, dass es sich um die Abrechnung zwischen zwei rivalisierenden Kampfsportschulen handelt, an deren Spitze jeweils ein gut trainierter Thaibox-Champion steht.

Ist die Welt komplett verrückt geworden? Die beiden Gewaltakte waren für Aussenstehende zunächst weder nachvollzieh- noch erklärbar, da sie aus einer Ecke kamen, woher man es am wenigsten erwartete. Gerade im Überfall von Reinach steckte so viel bewusste kriminelle Energie, die man nicht für möglich gehalten hätte. Wenn ein bewaffneter Mob ohne Rücksicht eine Institution verwüstet, in der gerade Kinder am Trainieren sind, bloss um einen rivalisierenden Clan fertigzumachen, dann denkt man vielleicht an eine Szene aus Roberto Savianos Mafia-Bestseller «Gomorrha», aber bestimmt nicht an eine Baselbieter Agglo-Gemeinde. Alleine die Vorstellung, dass diese sich aus einer diffusen Mischung aus übersteigertem Ehrgefühl, Männlichkeitswahn und Gewaltbereitschaft nährende Clan-Mentalität hier Oberhand gewinnen könnte, jagt einem den Schauer über den Rücken.

Das Glück für die Birsfelder Basketballer: Durch die Ereignisse in Reinach nur 72 Stunden später ist der Ausraster von Lugano bereits wieder aus den Schlagzeilen verschwunden. So sind die Starwings um sponsorenfeindliche Schlagzeilen wie «Hat der Basketball ein Gewaltproblem?» herumgekommen. Den Imageschaden trägt der Kampfsport in der Region. Besonders erschüttert habe ihn die Nachricht aus Reinach, verrät ein befreundeter Vollblutathlet, weil diese Gewalttat alle Werte mit Füssen getreten habe, für die der Kampfsport in seinen Augen steht: Selbstbeherrschung, Trainingsdisziplin, Fairness und Respekt vor dem Gegner. Stattdessen fühlen sich nun all jene bestätigt, die in Sportzentren für Thai- und Kickboxen sowieso nur Ausbildungscamps für Vorstadt-Hooligans sehen.

Natürlich: Eine Differenzierung tut not. Karate oder Judo haben mit dem Vollkontakt-Kampfsport Thai-boxen so viel gemein wie Eishockey mit Bodengymnastik. «Schräge Typen», wie sie der Basler Sportamtleiter Peter Howald nennt, gibt es auch im Boccia. Niemand kann die Frage schlüssig beantworten, ob Thaiboxen mehr «schräge Typen» anzieht als andere Sportarten, oder stärker dazu neigt, aus anfälligen Charakteren erst richtig «schräge» zu machen. Das Beispiel des inhaftierten Rädelsführers Paulo B. zeigt zumindest auf, dass selbst ein Weltklasse-Champion auf die dunkle Seite der Macht gezogen werden kann; doch das gab es auch schon im Fussball. Wirklich interessant wird es erst, wenn die angeblich erzieherische Wirkung solcher Sportarten unter die Lupe genommen wird. Nicht umsonst witzelte Rainhard Fendrich schon vor 32 Jahren in seiner legendären Sporthymne: «Wenn zwa sich in die Goschn haun, stärkt des sei unterdrücktes Selbstvertraun.»

Der Thaiboxer Beat Joos betreibt seit 10 Jahren eine seriöse Thaibox-Schule in Liestal, ist selber seit 25 Jahren aktiv. Für ihn ist die erzieherische Wirkung ebenso gross - oder klein - wie in anderen Sportarten. Die zugrunde liegende asiatische Lebensphilosophie lasse sich nicht auf europäische Verhältnisse ummünzen. Seinem Urteil nach lassen sich Gewalttäter nur in Ausnahmefällen therapieren. Ginge es nach ihm, hätte man einen Delinquenten wie «Carlos» genauso gut zum Tanzen schicken können. Denn Trainingsdisziplin aneignen und Dampf ablassen kann man auch in jeder anderen Sportart. Ob Lugano, Reinach oder der «Fall Carlos»: Letztlich steht all das für das Dilemma des Sports, dass ständig höhere Erwartungen an ihn geknüpft werden, als er erfüllen kann.

(1.3.2014)