Baselbieter Kantonsverlag
Der Kommissionspräsident über die Eingliederung in die Kantonsbibliothek «Das Ganze wird heiterer»

Stephan Schneider präsidiert «Quellen und Forschungen». Er sagt, wie diese Kommission des Kantonsverlags tickt und was er von der Integration in die Kantonsbibliothek hält.

Andreas Hirsbrunner
Drucken
Stephan Schneider vor dem Spitteler-Denkmal in Liestal. Dessen Urheber August Suter soll nun auch mit einem Buch gewürdigt werden.

Stephan Schneider vor dem Spitteler-Denkmal in Liestal. Dessen Urheber August Suter soll nun auch mit einem Buch gewürdigt werden.

Kenneth Nars

Der Baselbieter Kantonsverlag wartet mit einem beachtenswerten Jubiläum auf: Zu den sechs Neuerscheinungen des Jahrgangs 2020 zählt auch der 100. Band der Kommission «Quellen und Forschungen», den sie Literaturnobelpreisträger Carl Spitteler widmet (die bz berichtete). Die Kommission existiert seit 1952 und besteht vor allem aus Historikern, Sprachwissenschaftlern, Volkskundlern und Naturwissenschaftlern. Früher gehörten ihr auch die Erziehungsdirektoren an.

«Quellen und Forschungen» ist von der Breite der Themenfelder wie auch von der Quantität ihrer Publikationen her das wichtigste Standbein des Kantonsverlags. Doch wie diese Kommission tickt, darüber weiss die Öffentlichkeit kaum etwas. Präsident und Historiker Stephan Schneider, der als Konrektor am Berufsbildungszentrum in Liestal arbeitet, beleuchtet im Interview das Wirken des still schaffenden Gremiums.

Und er schaut nicht zuletzt auch deshalb zuversichtlich vorwärts, weil der Kantonsverlag «von der eher düsteren Schul- und Büromaterialverwaltung zur hellen Kantonsbibliothek» wechselt.

Herr Schneider, einerseits ist es naheliegend, einen Jubiläumsband einem der bekanntesten Baselbieter zu widmen. Andererseits ist es ein Stück weit ein Overkill, nach einem ausgiebigen Spitteler-Jubiläumsjahr ein Werk mit fast 300 Seiten nachzuschieben, das vieles nochmals aufnimmt, was eben gefeiert wurde. Was waren Ihre Überlegungen?

Stephan Schneider: Über die Feierlichkeiten im letzten Jahr hinaus soll auch etwas zurückbleiben. Der Band 100 dokumentiert, anhand welcher Themen man das Spitteler-Jubiläum gefeiert hat. Dazu kommen ergänzende Arbeiten, die auf Forschungen beruhen. Das ist ganz im Sinne von «Quellen und Forschungen». Besonders ist am Jubiläumsband auch die Vielzahl der Autoren. Wir haben diesen Band übrigens bewusst nicht 2019, sondern 2020 herausgebracht. Denn heuer sind es 100 Jahre her, dass Spitteler den Literaturnobelpreis rückwirkend fürs Jahr 1919 erhalten hat.

Spitteler-Texte lesen sich alles andere als einfach. Auch der Jubiläumsband kommt teils mit zwar sprachlich schön gedrechselten, aber nicht eben einfach verständlichen Formulierungen daher. Wer ist das Publikum, an das sich «Quellen und Forschungen» in erster Linie richten will?

Unsere Reihe hat ein Stammpublikum. Das sind Leute, die an Baselbieter Themen und Forschungen dazu interessiert sind. An dieses richten wir uns in erster Linie. Dazu versuchen wir auch immer, neue Leser zu gewinnen und das Interesse an einem Thema wie jetzt eben Spitteler zu wecken. Wegen des fortschreitenden Alters unseres Stamm publikums müssen wir aber auch im Auge behalten, dass wir mit aktuelleren Themen vermehrt ein jüngeres Publikum ansprechen können. Diesen Weg haben wir bereits ein Stück weit beschritten. So sind in jüngerer Zeit zum Beispiel Bände zu naturwissenschaftlichen oder geografischen Themen erschienen. Die Zeit der rein historischen Themen ist nicht vorbei, aber sie ist nicht mehr so ausschliesslich, wie das in gewissen Phasen unserer Reihe der Fall war.

Wie gross ist denn jeweils die Auflage der Werke, die in der Reihe «Quellen und Forschungen» erscheinen?

Die Standard-Auflage beträgt 500 Exemplare. Beim Spitteler-Band ist sie jetzt etwas grösser, weil das ein Thema ist, das weit übers Baselbiet hinaus interessiert und weil auch viele ausserkantonale Autoren mitgewirkt haben.

Welches war der bisherige Kassenschlager in Ihrer Reihe?

Es gibt einige Bände mit mehreren Auflagen. Ein Band aber hat sich in jüngster Zeit schon etwas abgehoben – «Der Mensch im Kosmos» von Roland Buser. Das hat mit dem Autor zu tun. Professor Buser ist bekannt als umtriebiger Referent über die Schweiz hinaus und hat dabei stets seine Bücher dabei. Und wer ihn dabei komplizierte Inhalte nachvollziehbar erklären hört, der kauft oft auch sein Buch. Dieses Zusammenspiel ist schon eine spezielle Qualität.

Was charakterisiert generell Werke, die in der Reihe «Quellen und Forschungen» erscheinen?

Primär haben sie einen regionalen Bezug. Das steht so auch in unserem Pflichtenheft. Dann können sich die Themen aber ausweiten. Das hat mich auch am Band 100 fasziniert: Spitteler kann man nicht als Menschen aus der Region porträtieren. Er ist in Liestal geboren, im Baselbiet verankert, in Basel in die Schule gegangen, hat in Bern einen Teil der Kindheit erlebt, den grössten Teil des Lebens in Luzern verbracht und war zwischendurch Lehrer im zaristischen Russland.

Das dürfte aber eine Ausnahme sein?

Ja, diese europäische Dimension ist schon ausserordentlich. Aber man kann den unterschiedlichen Radius auch an zwei anderen, kürzlich erschienenen Bänden illustrieren: Jener über Baselbieter Flurnamen ist per se auf den Kanton fixiert, jener über Tagfalter und Widderchen gaukelt mit den Schmetterlingen über die Kantonsgrenzen hinaus, was die Kantone Aargau und Solothurn bewogen hat, einen Beitrag daran zu leisten. Auch der Aufwand für die einzelnen Bände ist übrigens ganz unterschiedlich. Beim Spitteler-Band etwa waren wir von der Idee bis zur Lektorierung der drei Dutzend Manuskripte vier Jahre dran. Andere arbeiten ein Jahrzehnt an ihrem Werk, andere wiederum erstellen es in einem Guss. Einheitlich ist dagegen die zentrale Vorgabe an die Autoren: Ihre Arbeitsweise muss wissenschaftlich nachvollziehbar sein, was heisst, dass die Quellen deklariert werden.

Die thematische Palette ist sehr breit und erstreckt sich vom Klassiker «Baselbieter Sagen» über Publikationen an ein kleines Insider-Publikum bis hin zu Karl Martin Tanners viel beachtetem Werk «Augen-Blicke» mit einem kritischen Fokus zum Umgang mit der Landschaft. Nach welchen Kriterien wählt die Kommission Themen für neue Werke aus?

Die Autoren kommen in der Regel auf uns zu. Oder bei Dissertationen macht uns das Staatsarchiv, das ex officio in der Kommission vertreten ist und mitbekommt, wenn jemand vertieft im Archiv recherchiert, oft darauf aufmerksam, dass etwas am Entstehen ist. Wir wollen thematisch bewusst breit bleiben und sind für alles offen, was von Interesse ist. Das war von Anfang an so.

Welche Themen würden Sie respektive Ihre Kommission in nächster Zeit gerne anpacken?

Ich habe eine konkrete Vorstellung, die aus dem Band 100 kommt: Ein Buch über den Künstler August Suter, der das Spitteler-Denkmal «Prometheus und die Seele» an der Liestaler Rheinstrasse geschaffen hat. Suter ist gebürtiger Eptinger, hat vor allem in Basel und Paris gelebt und ist eine ganz faszinierende Persönlichkeit. In Zusammenhang mit der Erarbeitung des Spitteler-Bandes ist man zu neuem Quellenmaterial zu Suter gekommen. Ein anderes mögliches Thema ist ein Band zur Bildungsgeschichte des Kantons Baselland. In den 2020er-Jahren wird die Berufsbildung in Liestal 150 Jahre alt. Man könnte dies als Anstoss zu einer Reflexion mit dem Fokus auf die künftige Berufsbildung nutzen.

Bei der Zusammensetzung der Kommission fällt auf, dass früher Erziehungsdirektoren bis und mit Peter Schmid fester Bestandteil davon waren. Das ist jetzt nicht mehr so. Wieso?

Die Ära Peter Schmid war die hohe Zeit der Baselbieter Geschichtsforschung. Danach war das etwas vorbei, wobei die Nachfolger Urs Wüthrich und jetzt Monica Gschwind immer konziliant und interessiert waren und nie ein Gesuch von uns an den Swisslos-Fonds abgelehnt haben. Aber ihre politischen Tätigkeiten haben sich halt etwas verlagert. Ich bin sehr froh, dass sie an den Vernissagen stets dabei sind und damit Commitment für den Verlag und seine Werke zeigten respektive zeigen.

Der Kantonsverlag wechselt im neuen Jahr innerhalb der Bildungsdirektion vom Bereich Schul- und Büromaterialverwaltung zur Kantonsbibliothek. Wie stufen Sie das als Präsident der wichtigsten Kommission des Verlags ein?

Ich finde das eine gute Entwicklung. Man kann sagen, dass man jetzt mit den Büchern zu den Leuten geht. Das beherrscht niemand so gut wie die Kantonsbibliothek. Bisher gingen mehr die Leute zu den Büchern, indem die Interessierten beim Verlag bestellten und geliefert bekamen, das wars. Das Ganze wird irgendwie auch heiterer von der eher düsteren Schul- und Büromaterialverwaltung als grosses Materiallager hin zur hellen Kantonsbibliothek, wo man sich einen Büchertisch mit den Neuerscheinungen sehr gut vorstellen kann.

Aktuelle Nachrichten