Coronavirus
Die Jagd nach Impfterminen frustriert – jetzt prüft Baselland ein besseres System

3000 neue Impftermine in zehn Minuten weg: Das lässt viele frustriert zurück. Vor allem verunsichert aber der langwierige und holprige Anmeldeprozess. Gegenüber der «Schweiz am Wochenende» kündigt der Kanton Baselland nun an, dass man eine Vor-Registrierung prüfe. Das könnte den Zeitdruck reduzieren.

Michael Nittnaus
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Das Impfzentrum Feldreben könnte bis zu 1000 Impfungen pro Tag durchführen, wenn es genug Impfstoff gäbe.

Das Impfzentrum Feldreben könnte bis zu 1000 Impfungen pro Tag durchführen, wenn es genug Impfstoff gäbe.

Nicole Nars-Zimmer

Um 8.27 Uhr brachen alle Dämme. Dann schaltete der Kanton Baselland gestern Freitag die zweite Tranche Impftermine zur Buchung frei. Zehn Minuten später waren 3000 Über-75-Jährige oder Personen mit chronischen Krankheiten der höchsten Risikogruppe glücklich. Sie erhielten zwei Termine für die erste und die zweite Covid-19-Impfung im Impfzentrum Feldreben Muttenz oder wahlweise neu auch im Impfzentrum in Lausen.

Schätzungsweise Zehntausende Baselbieterinnen und Baselbieter hingegen blieben frustriert zurück – 60000 Zugriffe verzeichnete die Impf-Webseite des Kantons. Ihnen ist dieser Artikel gewidmet. Es geht dabei nicht darum, den Behörden Unfähigkeit vorzuwerfen. Alle, mit denen die «Schweiz am Wochenende» sprach, betonten, dass sie sich der besonderen Herausforderung bewusst seien, welche der Kanton zu meistern habe und dass die Nachfrage das Angebot um ein Vielfaches übersteige. Doch, so brachte es etwa Sonja Huber* aus Bubendorf auf den Punkt, die für ihre Eltern einen Termin sichern wollte: «Ich wünschte mir einen etwas sensibleren Umgang mit den betagten und kranken Betroffenen.»

Von Warteschlaufen und Browser-Problemen

Huber dürfte dabei ein typisches Beispiel sein: Nicht die Impfwilligen selbst scheiterten bei der Anmeldung, sondern ihre Verwandten oder Bekannten, die ihnen beim nervenaufreibenden Prozedere halfen. «Es ist mir schleierhaft, wie eine betagte Person das selber schaffen soll», sagt die 55-Jährige. Das erste Problem betraf alle gleich: Der Kanton liess die Impfwilligen im Unklaren, wann genau das Anmeldefenster öffnet. «Freitag Vormittag» war die einzige Angabe. «Wir wollten vermeiden, dass alle gleichzeitig auf die Webseite gehen und das System zusammenbricht», erklärt Roman Häring, Sprecher des kantonalen Krisenstabs. Das Resultat dieser Strategie war allerdings, dass viele schon ab 6.30 oder 7 Uhr die Webseite im Minutentakt aktualisierten und gleichzeitig die Drähte der Telefonhotline heiss liefen. Dort gab es dann erst lange eine veraltete Sprachnachricht zu hören und später stundenlang Warteschlaufenmusik. Ob es Mozart oder Chopin war, darüber gehen die Erfahrungsberichte auseinander.

Die Auktionssituation ist unzumutbar. Das gefährdet die Bereitschaft, sich impfen zu lassen.

(Quelle: Martin Schenk*, betroffener Angehöriger)

Unsicherheit machte sich unweigerlich breit: «Es ist technisch gar nicht möglich, dass so schnell alles ausgebucht war. Ich habe ab 8 Uhr stetig aktualisiert», erzählt Martin Schenk*. Der junge Forscher kam sogar einmal bis zur Eingabe der Daten seiner Eltern und der Verifizierung der Handynummer, nur um danach die Meldung zu erhalten, dass doch alle Termine weg seien. Und Huber erhielt nach langem Warten plötzlich die Meldung, dass ihr Safari-Browser nicht unterstützt werde. Auf einen anderen umgesattelt, waren auch bei ihr alle Termine weg.

Nur 200 Termine für die telefonische Anmeldung

So steigt der Frust. «Die Auktionssituation ist unzumutbar. Das gefährdet die Bereitschaft, sich impfen zu lassen», sagt Schenk. Und Huber nennt es dilettantisch. Was sich beide zudem nicht vorstellen können, ist, dass die extra für ältere Personen geschaffene Möglichkeit der telefonischen Anmeldung funktioniert. Tatsächlich braucht es hier noch mehr Glück, wie Häring bestätigt. Der Kanton habe gestern ein Kontingent von lediglich rund 200 Impfterminen für die Hotline reserviert gehabt. Dafür sei es dort möglich gewesen, bis kurz vor Mittag noch Erfolg zu haben. Bloss kommuniziert wurde das nie.

Das Ganze lief sicher nicht optimal.

(Quelle: Roman Häring, Sprecher Krisenstab BL)

«Wir sind uns bewusst, dass viele impfberechtigte Einwohner heute sehnlichst auf ihren Impf-Termin gehofft haben und enttäuscht wurden», teilte der Kanton gestern mit. Dabei ist es gar nicht das, was Menschen wie Huber oder Schenk so umtreibt. «Wenn ich beim Anmeldeversuch rasch weiss, dass ich keinen Impftermin ergattern konnte, dann wäre es kein Problem. Eine Sauerei ist der unsichere Ablauf», so Huber.

Kann man sich bald im Voraus registrieren?

Häring gibt zu, dass «das Ganze sicher nicht optimal lief», bittet aber um Verständnis – und stellt für die nächste Terminrunde Verbesserungen in Aussicht: «Wir prüfen, ob sich die impfwilligen Personen nicht schon im Voraus registrieren können, unabhängig vom Impfanmeldefenster.» Kantone wie Bern machen dies bereits. Dort erhalten die Registrierten einen Code, mit dem sie dann einen Termin buchen können, sobald welche verfügbar sind. Häring sagt aber auch, dass noch kein Kanton die perfekte Lösung gefunden habe.

Dass man es auch beim Baselbieter System schaffen kann, beweist Heiner Wälti*. Er sass ebenfalls ab 7 Uhr am Computer und Telefon, wo ihm mal gesagt wurde, er solle dranbleiben, nur um aus der Leitung gekippt zu werden. Erfolg hatte er dann online. Ins Schwitzen kam er aber nochmals, als er nach den Krankenversicherungsnummern seiner Eltern gefragt wurde. Nur durch Zufall hatte er sie zur Hand. Was er gar nicht gemerkt hatte: Wenigstens diese Angabe ist optional. So konnte Wälti sich am Ende freuen, sich einen der begehrten 3000 Impftermine gesichert zu haben. Mit einer gehörigen Portion Glück.

* Namen geändert.