Lehrplan 21
«Dies wird mittelfristig zu einer Bildungsinsel führen»

Dass der Landrat keine Sammelfächer einführen, sondern an Einzelfächern festhalten will, hält SP-Landrat Andreas Bammatter für gefährlich. Die Kosten der Ausbildung und der Lehrmittel werden sich im Vergleich zur restlichen Schweiz vermehren.

Michael Nittnaus
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SP-Landrat Andreas Bammatter.

SP-Landrat Andreas Bammatter.

Herr Bammatter, eine klare Mehrheit von Landrat und Bildungskommission unterstützt die parlamentarische Initiative gegen Sammelfächer von Jürg Wiedemann. Es ist von Bildungsabbau und Mehrkosten die Rede. Weshalb halten SP und Regierung als einzige Sammelfächer für sinnvoll?

Andreas Bammatter: Sammelfächer sind ein neues Gefäss für die Wissensvermittlung. Mit dem Vorteil, dass ein Thema vielseitig und ganzheitlich gelehrt wird. So kann etwa das Thema «Gotthard» geschichtlich, geografisch und bezüglich Flora und Fauna vermittelt werden. Bildungsabbau ist dann ein Thema, wenn eine Lehrperson auf ein Sammelfach nicht genügend vorbereitet wurde. Die SP ist nicht allein, auch der Schweizer Lehrerverband stellt sich hinter den Lehrplan 21, wünscht jedoch Anpassungen, die auch umgesetzt werden. Daran beteiligen sich die Bildungspolitiker der Baselbieter SP aktiv.

Was für negative Auswirkungen erwarten Sie, wenn Baselland an den Einzelfächern festhält?

Grundsätzlich ist der neue Lehrplan von 21 Kantonen gewünscht worden. Dass nun jetzt bei der Einführung Anpassungen nötig sind, verstehe ich sehr gut. Nicht goutieren kann ich, dass nun unser Kanton – mit dem Grünen Allschwiler Sekundarlehrer Wiedemann an der Spitze – auch aus politischen Gründen an den Einzelfächern festhalten will. Dies wird mittelfristig zu einer Bildungsinsel führen. Die Kosten der Ausbildungen und der Lehrmittel werden sich im Vergleich zur restlichen Schweiz vermehren. Weiter würde der funktionale Raum Nordwestschweiz aufgebrochen, was bei Ortswechseln grosse Herausforderungen für die Schüler (Lernstoff) und Lehrer (Lehramtsausführung) bedeutet.

In anderen Kantonen der Nordwestschweiz bauen sich ähnliche Widerstände gegen die Sammelfächer auf. Sollte man diesen Entscheid am Ende nicht jedem Kanton selbst überlassen?

Bei Schulübertritten in andere Kantone wäre der Einstieg für Schülerinnen und Schüler viel komplizierter, wenn jeder seine eigene Suppe kochen würde. Das kennen wir doch schon mit den heutigen Systemen in beiden Basel und mit dem Aargau.

Verstehen Sie die Sorgen der Lehrer, dass in einem Sammelfach die Unterfächer weniger tief gehend behandelt und die Lehrer so zu Generalisten degradiert werden?

Natürlich birgt eine Weiterentwicklung immer die Gefahr, dass bewährte Strukturen verloren gehen und damit wichtige Elemente verschwinden. Veränderungsprozesse sind immer mit Ängsten verbunden. Es ist darum an den Verantwortlichen aufzuzeigen, dass die Neuerungen uns gesellschaftlich weiterbringen. Dies kann durch sinnvolle Anpassung der Schulorganisation geschehen, indem etwa die heutigen oft zu kleinen Zeitgefässe verschwinden. Ebenso sind weniger Lehrpersonen pro Klasse im Einsatz.

Würde der Lehrplan 21 für Sie durch den Verzicht auf Sammelfächer schlicht zu stark verwässert?

Sammelfächer, also der Fachbereichsunterricht, sind eine grosse Chance, lebensweltlich-thematische Zugänge zu erleichtern. Es macht eben durchaus Sinn aufzuzeigen, dass politische Entscheide, wie etwa der Wiener Kongress, bedeutende Auswirkungen auf die Geografie Europas – und sogar auf Allschwil – hatten.

Wie schätzen Sie die Chancen der Initiative an der Urne ein und plant die SP eine Kampagne, um die Sammelfächer zu retten?

Es ist an allen Beteiligten zu zeigen, dass eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema Sammelfächer Risiken birgt, aber auch die Chance besteht, uns weiterzuentwickeln. So können wir dem wachsenden Bedürfnis nach vernetzten Kompetenzen begegnen.

Dieses Interview wurde schriftlich geführt.

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