Wittinsburg
Ein ganzes Dorf im Rennfieber

Mit grosser Begeisterung führte Wittinsburg zum dritten Mal sein Seifenkistenrennen durch – mit nationaler und internationaler Beteiligung.

Otto Graf
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In Wittinsburg, im beschaulichen Dorf auf der gleichnamigen Hochebene, haben die Seifenkisten die Flugzeuge ausgebremst. Die Flugtage sind, so scheint es, Geschichte. Dafür beherrschen andere, an den Boden gebundene Boliden die Szene: die Seifenkisten.

Wie an einem Formel-1-Grand-Prix stand das gut 400 Seelen zählende «Wittschbrg» im Zeichen des Automobilsports. Nur die Motoren fehlten. Und gerade das macht es interessant, einzig mithilfe der Schwerkraft möglichst rasch von A nach B zu rasen.

Der Begriff «Seifenkiste» stammt wohl aus der Steinzeit des Sports, als man noch in Holzkisten mit Rädern ausgedienter Kinderwagen unterwegs war und mit der Schuhsohle bremste. Was in Wittinsburg an den Start ging, darf als High-Tech-Rennfahrzeuge bezeichnet werden.

Ähnlichkeiten mit den Sportwagen, die einst in Le Mans das Sagen hatten, etwa der legendäre Porsche 917, sind unverkennbar. Doch es waren auch eher exotisch anmutende Fahrzeuge zu sehen. Besonders spektakulär preschten die Sitecars um die Kurven, wobei der Beifahrer, der Schmiermaxe, mit seinem Helm fast den Asphalt berührte.

Endstation Hydrant

Die Rennstrecke ist mit 1,8 Kilometern die längste der Schweiz und mit einigen Schikanen bestückt. Sie führt mitten durch das Dorf, weshalb die Oberdorfstrasse den ganzen Tag den motorlosen Boliden vorbehalten ist.

Die Spitzentempi gehen gegen 100 Stundenkilometer. Deshalb ist die ganze Strecke vorbildlich mit Strohballen und anderen Schutzeinrichtungen abgesichert. Über 120 Helferinnen und Helfer, ein Viertel der Dorfbevölkerung, standen am Samstag an und hinter der Strecke im Einsatz. Man wähnte sich an einem Dorffest.

Arg vom Pech verfolgt wurden die Brüder Tobias und Marcel Buser aus Häfelfingen. Nachdem Tobias seine Kiste an einem Hydranten zerlegt hatte, lieh ihm Marcel sein Gefährt aus. Das Ziel sah Tobias auch am Samstag nicht, weil er schon im ersten Lauf ein Rad verlor und aufgeben musste.

Wortlose Verständigung

Besser erging es einem Ukrainer, dessen Hinterachse brach. Ein Ersatzteil hatte er nicht. Damit er starten konnte, griffen ihm andere Teams unter die Arme und reparierten das Gefährt wortlos – mangels Verständigung.

«Wir sind eben eine Familie und helfen einander aus», kommentierte der Rennleiter Thomas Zumbrunn die Geste. Eine gute Kiste koste etwa 5000 Franken, rechnete er vor. Dazu kämen variable Kosten von etwa 2000 Franken jährlich.

Der 11-jährige Louis de Forcrand aus Genf beziehungsweise dessen Vater musste weniger tief ins Portemonnaie greifen. Louis bekam sein Gefährt ausgeliehen und belegte im zweiten Rennen seiner Karriere einen Platz im Mittelfeld. Der einheimische Rino Zumbrunn wurde trotz eines Patzers im dritten Lauf Dritter im Rennen und Vize-Schweizer-Meister in seiner Kategorie.

www.speeddown-wittinsburg.ch

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