Beringung
Eingefangen für Beobachtung: Kinder dürfen Vögel wieder fliegen lassen

Bei der Beringungsstation auf der Ulmethöchi wurden Zugvögel beobachtet. Seit 1962 ergeben diese Langzeitbeobachtungen Auskunft zur Vogelpopulation und zu den Auswirkungen des Klimawandels auf den Vogelzug. Die bz hat die Beringungsstation an einem sonnigen Herbstsonntag besucht.

Boris Burkhardt
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Martin Furler, Obmann der Ulmetkommission, erzählt Kindern und Erwachsenen über die Arbeit in der Beringungsstation.
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Vogelstation, Beringung
Besuch ist jederzeit willkommen. Hier hat Martin Furler eine Menge Neugierige um sich, wenn er Vögel in einer kleinen Dose wiegt.
Die Beringungsstation befindet sich auf dem Sattel der Ulmethöchi. Viele Neugierige nutzten das letzte Wochenende dieser Saison.

Martin Furler, Obmann der Ulmetkommission, erzählt Kindern und Erwachsenen über die Arbeit in der Beringungsstation.

Boris Burkhardt

Behutsam befreien die 13-jährige Yael Herold und ihr Vater Bruno Trachsel aus Grellingen die kleinen Vögel aus dem feinen Nylonnetz. Die Piepmatze picken durchaus schmerzvoll mit ihren Schnäbeln nach den Fingern der beiden. «Sie treffen genau auf den Übergang zwischen Fingernägeln und Haut», meint Yael, verzieht aber keine Miene.

Seit drei Jahren hilft sie ihrem Vater schon, Vögel auf der Ulmethöchi zu fangen, damit diese dokumentiert und beringt werden können. Auch ihr Bruder Yannick, ein Jahr älter, ist dabei. Die Blaumeisen wehrten sich am heftigsten, meint Iago Wennberg vom Natur- und Vogelschutzverein Ziefen: «Wir nennen sie Kampfmeisen.»

Während sechs Wochen gegen 5000 Vögel beringt

Andere Singvögel sind duldsamer: Kohlmeisen, Buchfinken, Erlenzeisige, Girlitze und Wiesenpieper sind derzeit auf ihrem alljährlichen Flug Richtung Süden. Mehrere Hunderte von ihnen nutzen an diesem schönen Oktober-Sonntagmorgen die Route durchs Ämlistal auf die Ulmethöchi zwischen Lauwil und Bretzwil.

Dort befindet sich die Beringungsstation Ulmethöchi des Baselbieter Natur- und Vogelschutzverbands (BNV); hier haben insgesamt rund 60 Helfer sechs Wochen lang vom 21. September bis morgen Samstag die Netze bis zu drei Meter über dem Boden aufgespannt. Die Daten der Zugvögel, die von den ehrenamtlichen Mitarbeitern der Beringungsstation wissenschaftlich ausgewertet werden, ermöglichen seit 1962 Langzeitbeobachtungen der Vogelpopulationen und der Auswirkungen etwa des Klimawandels auf den Vogelzug.

Neue Unterkunft geplant

Die Baracke ist baufällig. Die Beringungsstation Ulmethöchi steht unter dem Patronat der Schweizerischen Vogelwarte Sempach und wird vom Baselbieter Natur- und Vogelschutzverband betrieben. Für die Arbeit vor Ort ist allerdings die eigenständige Ulmetkommission verantwortlich, die sich über Spenden und Mitgliederbeiträge finanziert. Obwohl alle Mitarbeitenden sich auf der Ulmethöchi ehrenamtlich engagieren, müssen sie eine zweijährige Ausbildung in der Beringungszentrale Sempach absolvieren. Laut Kommissionsmitglied Iago Wennberg ist die Ausbildung anspruchsvoll: «Viele benötigen zwei bis drei Anläufe, bis sie bestehen.»

Die Ornithologen übernachten während der Beringungssaison von Ende September bis Anfang November in einer Baracke auf dem Hof Ulmet in direkter Nähe, je zwölf pro Woche. Die Baracke ist laut Wennberg in einem baufälligen Zustand: Die Baubewilligung für einen Neubau sei beantragt; die Kommission hoffe auf finanzielle Unterstützung, etwa durch Stiftungen oder den Lotteriefonds. Der Kanton Baselland hat 450 000 Franken aus dem Swisslos-Fonds zugesichert. Aus dem Swisslos-Fonds von Basel-Stadt sind 40 000 Franken gesprochen worden. Vorgesehen ist, das Projekt im Jahr 2021 zu realisieren.

Diese Auswertung ist heute Aufgabe von Martin Furler, Obmann der Ulmetkommission. Er sitzt im kleinen Schuppen der Beringungsstation, direkt auf dem Sattel des Jurapasses, und ist an diesem Sonntagvormittag umringt von Kindern, seinen eigenen, von anderen Mitarbeitern und von solchen, die zu Besuch auf der Ulmethöchi sind. Werktags kommen regelmässig Schulklassen zu Besuch. Vogel um Vogel holt Furler unermüdlich aus den kleinen Leinensäckchen, in denen sie für die Dauer zwischen Fang und Beringung ausharren, nimmt sie sicher, aber sanft in die Hand, begutachtet Federkleid, Körperfett und Muskulatur, misst Spannweite und Gewicht: Eine Meise wiegt um die zehn Gramm, ein Fink um die zwanzig. Furlers junger Sohn sitzt am Laptop und tippt geduldig die Angaben ein, die sein Vater ihm durchgibt. Mit einer Zange drückt Martin Furler behutsam den Metallring am Fuss eines jeden Vogels fest. Nun hat dieser eine Nummer und kann wiedererkannt werden.

Es ist kurz nach zehn Uhr. 80 Säckchen mit Vögeln hängen allein seit heute Morgen um acht Uhr an den Wänden des Schuppens. Furler arbeitet pausenlos. Zwischen 1000 und 5000 Vögel werden jedes Jahr beringt; heuer sind es bis 27. Oktober 4212. Viel Arbeit für die ehrenamtlichen Ornithologen, aber natürlich nur ein kleiner Teil der Zugvögel, die tatsächlich über die Ulmethöchi gen Süden gezogen sind. Deshalb ist es auch selten, dass Furler und seine Kollegen einen Vogel fangen, der bereits beringt ist: Ein- bis zweimal pro Saison komme das vor, sagt Furler. Welch ein Zufall, dass gerade an diesem Morgen einer zu Besuch ist, ein männlicher Grünfink aus Polen.

Auch nachts wird kontrolliert

Nach der Beringung werden die Vögel umgehend wieder freigelassen. Das dürfen meistens die Kinder tun. Martin Furler zeigt ihnen, wie sie die Beine richtig zwischen Zeige- und Mittelfinger festhalten, um die Vögel dann auf die andere Hand zu setzen, von wo sie dann blitzschnell davonfliegen – die meisten erst einmal ein paar Meter wieder in die Richtung, aus der sie kamen, um sich neu zu orientieren.

Doch die Vögel fliegen nicht nur tagsüber. Die Frauen und Männer, die auf der Ulmethöchi helfen, übernachten dort für je eine Woche. Auch nachts werde jede Stunde kontrolliert, ob Vögel im Netz seien, erklärt Trachsel, der wieder Vögel aus dem Netz befreit: solange, bis keine mehr gefunden werden. Während der Vollmondnächte vergangene Woche mussten die Helfer in Schichten arbeiten: 100 Vögel wurden in einer Rekordnacht gefangen.