Anwil
Fossilienjäger vermuten neue Art entdeckt zu haben

Bei der aktuell laufenden Ammoniten-Ausgrabung der Anwil-Bank wurde womöglich eine neue Spezies entdeckt. Aber die Fossilienjäger sind sich noch nicht sicher.

Lucas Huber
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Von Kopf bis Fuss verkrustet: Zwei Mitglieder des Grabungsteams bei ihrer mühevollen Arbeit.

Von Kopf bis Fuss verkrustet: Zwei Mitglieder des Grabungsteams bei ihrer mühevollen Arbeit.

Lucas Huber

Eine Szene wie aus einem Film: Nebel kriecht über das Feld, die äussersten Häuser des nahen Dorfes sind nur zu erahnen. Mitten im Feld: ein Zelt, ein paar Autos, Tische, Feldflaschen, Spaten und Schaufeln, ein Hügel aus frischer Erde. Man hört nichts ausser dem Hämmern aus dem Loch daneben. «Baustelle betreten verboten» steht auf einem Schild. Doch hier wird nicht auf-, sondern abgebaut. Fossilien.

Die stecken in 60 Zentimetern Erdgeschichte. So dick ist die Schicht aus Eisenoolith, die unter der Ächtelmatt bei Anwil liegt und vor allem aus einem besteht: versteinerten Meeresbewohnern. Seeigeln, Schnecken, Myriaden von Muscheln, Belemniten und Nautiliden, vor allem aber den bekanntesten Vertretern jener Zeit: den Ammoniten.

Die Anwil-Bank ist bekannt für reichhaltige Funde und bei Fossilienjägern äusserst beliebt. «Aber sie ist bis heute wissenschaftlich ungenügend untersucht», erklärt Ursula Menkveld, Kuratorin des Naturhistorischen Museums Bern, «unsere Arbeit ist national gesehen von grosser Bedeutung». Während zweier Wochen wird die Fossilienbank darum eingehend unter die Lupe genommen. Menkveld leitet das Unternehmen, das die Naturhistorischen Museen Bern und Basel sowie Archäologie und Museum Baselland gemeinsam führen. Die Institutionen erhalten je ein Drittel der Funde.

Voller Körpereinsatz

Ein elfköpfiges Team um Projektleiterin Menkveld und Grabungsleiter Bernhard Hostettler verrichtet auf 18 Quadratmetern Knochenarbeit – ob die Sonne scheint oder Regen fällt. Mit Hammer und Meissel, Spaltkeilen und Brechstangen hauen, hieven und heben sie die Versteinerungen aus der Erde. Das rote Gestein, 166 Millionen Jahre alt, ist schlammig und schwer, der Boden feucht und die Geowissenschafter von Kopf bis Fuss verkrustet. Schicht für Schicht, in der Fachsprache Horizonte genannt, tragen sie ab, um an die wirbellosen Fossilien zu gelangen.

«Nur so können wir genau bestimmen, welche Tiere zusammengelebt haben» , erklärt Hostettler. Damit wollen sie die Zeitfenster abstecken, in denen die einzelnen Schichten entstanden sind. «Das ist das Ziel unserer akribischen Arbeit», ergänzt Ursula Menkveld.

Eine neue Art entdeckt?

Die Wissenschafter haben bis heute über 200 Fossilien und Fossilienplatten geborgen. Darunter ist ein Ammoniten-Männchen der Gattung Disticheceras, das Hostettlers besondere Aufmerksamkeit weckt. «Was für ein Schätzeli», schwärmt er und dreht die keine fünf Zentimeter messende Versteinerung in den lehmverkrusteten Händen. «Könnte sein, dass wir hier eine neue Art entdeckt haben. Es wäre die älteste innerhalb dieser Gattung.»

Hostettler, dichter Bart, sympathisches Berndeutsch, bleibt unvermutet ruhig, wenn er das sagt, keine glänzenden Augen, kein euphorisches Gehabe. Er weiss, was der Ausgrabung alles folgen muss, um überhaupt die Fundstücke zu präparieren und zu bestimmen. Er rechnet mit vier bis fünf Jahren, bis die erste Publikation zur heutigen Grabung erscheinen wird. Die Bestätigung einer Neuentdeckung ist dabei in weiter Ferne.