A22
Handwerker verlangen gleich hohe Wegkosten – trotz neu eröffneter A22

Auf der Rheinstrasse fliesst der Verkehr nun, seit der Eröffnung der neuen Hochleistungsstrasse A22 zwischen Pratteln und Liestal. Für Handwerker und Lieferanten verkürzt sich dadurch der Anfahrtsweg. Doch ihre Wegkosten sind gleich geblieben.

Mathieu Klee
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Trotz flüssiger Fahrt auf der neuen A22 halten Handwerker und Lieferanten an ihren bisherigen Liefer- und Wegkostenpauschalen fest.Kenneth Nars

Trotz flüssiger Fahrt auf der neuen A22 halten Handwerker und Lieferanten an ihren bisherigen Liefer- und Wegkostenpauschalen fest.Kenneth Nars

Kenneth Nars

Handwerker und Lieferanten müssen sich eine neue Ausrede einfallen lassen, wenn sie im mittleren Kantonsteil zu spät zu ihren Kunden kommen. Denn mit dem Stau auf der Rheinstrasse ist es vorbei. Seit rund einem Monat wälzt sich der Verkehr zwischen Pratteln und Liestal über die neue Hochleistungsstrasse A22 (früher H2). Und seither fliesst der Verkehr, von wenigen Ausnahmen abgesehen.

Zentrales Argument für den Bau einer der umstrittensten Strassenabschnitte der Region war der tägliche Stau auf der Rheinstrasse und damit verbunden die volkswirtschaftlichen Kosten, die der tägliche Stillstand verursachte. Der volkswirtschaftliche Schaden von Fahrzeugen, die jedes Jahr im Stau steckten, sei enorm, erklärte Christoph Buser, Direktor der Wirtschaftskammer Baselland, vor kurzem in der «Schweizerischen Gewerbezeitung».

Die Kosten des täglichen Staus auf der Rheinstrasse beziffert eine bis jetzt vom Kanton unter Verschluss gehaltene Studie aus dem Jahr 2007 auf 750 000 Franken pro Monat. Das sind gut neun Millionen Franken jährlich. In der kurzen Morgenspitze zwischen 7 und 8 Uhr berechneten die Ingenieure einen durchschnittlichen Zeitverlust von fünf bis zehn Minuten. In den Nachmittagsstunden ab 15 Uhr verloren Autofahrer gar im Mittel zwischen 10 und 15 Minuten. In diesen Durchschnittswerten eingerechnet waren auch jene 10 bis 15 Prozent Autofahrer, die den Stau jeden Tag umfuhren.

Keine spürbaren Einsparungen

Wenn jetzt dank neu eröffneter A22 solch Ausweichfahrten wegfallen und Wartezeiten im Stau in der Regel der Vergangenheit angehören, lassen sich volkswirtschaftliche Kosten von neun Millionen Franken sparen. Spüren müssten dies Handwerker und Lieferanten aus der Stadt oder Stadtnähe, die in den mittleren Kantonsteil unterwegs sind. Denn dank der A22 sparen sie jetzt Zeit, wenn sie ein Bett ausliefern, unterwegs zu Kunden sind, um eine Waschmaschine zu reparieren oder eine Steckdose zu flicken.

Eine Stichprobe der bz bei zwei Dutzend Handwerkern und Lieferanten zeigt jetzt aber: Kein einziger Handwerker oder Lieferant, der mit Pauschalen rechnet, hat wegen der neuen Strasse seine Liefer- oder Wegkostenpauschalen für Kunden im mittleren Kantonsteil gesenkt.

Das Hauptargument, die Kosten nicht zu senken: Die Einsparungen dank der neuen Strasse A22 seien praktisch nicht spürbar. So antwortet etwa die Medienstelle des Unterhaltungselektronik-Riesen Mediamarkt: «Diese neue Strecke hat keinen grossen Einfluss auf die Berechnungen unserer Wegkosten.» Ähnlich tönt es bei Möbel Pfister: «Unsere Logistik vermeldet keinerlei Effekte», erklärt dessen Pressesprecherin.

Viele grössere Firmen berufen sich darauf, dass sie überall in der Schweiz denselben Mischpreis verlangen statt die tatsächlichen Wegkosten für jeden einzelnen Kunden. Wenn etwa ein Waschmaschinenmonteur von Electrolux an einer Haustür klingelt, werden – egal wo in der Schweiz – bereits pauschal 79 Franken fällig. Noch etwas tiefer in die Tasche greifen, müssen Kundinnen und Kunden bei V-Zug mit 81 Franken.

Der Haushaltgerätehersteller Miele hat seine Wegpauschale auf den 1. Januar 2014 gar auf 89 Franken erhöht. Miele begründet die Erhöhung damit, dass die Anfahrtswege durch «erhöhtes Verkehrsaufkommen» länger würden. Im Klartext: Die Servicemonteure müssen, A22 hin oder her, häufiger Umwege fahren, um verstopfte Strassenabschnitten auszuweichen. Und dies schlägt sich in den Kosten nieder.

Auch die meisten Möbelhäuser wie Micasa, Interio oder Ikea verlangen Pauschalen ab 90 Franken respektive einen zweistelligen Prozentwert des Einkaufs. Möbel Pfister will auf Anfrage keine Zahlen bekannt geben.

«Was verrechnen Sie für den Weg?»

Wegkosten sorgen immer wieder für Unstimmigkeiten zwischen Konsumenten und Gewerbetreibenden. Dies bestätigt Doris Huber, Beraterin des Beratungszentrums der Zeitschrift «Beobachter». Wegpauschalen sind gesetzlich nicht geregelt. Geregelt ist lediglich, dass Handwerker ihre Arbeit nach ihrem Aufwand abrechnen können. Und so entsteht ein Wildwuchs: von einheitlichen Wegpauschalen für die ganze Schweiz, über Kosten pro Fahrzeug und Kilometer bis hin zum effektiven Zeitaufwand für die Fahrt pro Arbeiter von der Werkstatt zum Einsatzort.

Beispiel Schreinereien: Der regionale Schreinermeisterverband verzichtet darauf, seinen Mitgliedern zu empfehlen, wie sie die Kosten für den Anfahrtsweg in Rechnung stellen. Der Verband der Elektriker hingegen legt seinen Mitgliedern nah, neben einer Pauschale für das Fahrzeug die effektive Zeit für den Weg von der Werkstatt bis zum Einsatzort pro eingesetzten Mitarbeiter zu verrechnen. Elektriker, die sich danach richten, würden die dank A22 gesparte Zeit an ihre Kunden weitergeben. Aber die Vorgaben des Verbands sind nur Empfehlungen. Daran halten muss sich kein Betrieb.

Gerade weil es einen solchen Wildwuchs gebe, sollten Firmen ihre Wegkosten viel offener kommunizieren, sagt Doris Huber. Doch selbst auf Anfrage der bz halten sich viele Handwerksbetriebe wie Elektriker, Schreiner, Sanitärgeschäfte und Maler bedeckt oder verweigern selbst auf Nachfrage Auskunft zu ihren Wegkosten. Beraterin Doris Huber empfiehlt Konsumentinnen und Konsumenten denn auch, noch bevor sie einen Auftrag erteilen, immer zu fragen: «Was verrechnen Sie für den Weg?»

Von den in der Stichprobe der bz angefragten zwei Dutzend Betrieben gibt es nur eine einzige Ausnahme: Die Kundschaft des Malergeschäfts Oscar Hell in Muttenz profitiert tatsächlich von der neuen Strasse. Denn der Malerbetrieb verrechnet die effektive Zeit für den Anfahrtsweg. Er ist damit der einzige der Stichprobe, der diese Einsparung weitergibt und damit die Bevölkerung ganz direkt vom Bauwerk profitieren lässt.

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