Öffentlicher Verkehr
Kanton leitet Scheidung ein – Für die Autobus AG wirds langsam eng

Die Baselbieter Regierung ist sauer und schreibt die AAGL-Buslinien aus. Die BLT will die gleiche Leistung zwei Millionen Franken billiger erbringen.

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Werden die AAGL-Buslinien neu ausgeschrieben, will die BLT (im Bild) die gleiche Leistung zwei Millionen billiger erbringen.

Werden die AAGL-Buslinien neu ausgeschrieben, will die BLT (im Bild) die gleiche Leistung zwei Millionen billiger erbringen.

Nicole Nars-Zimmer

«Die Baselbieter Regierung hat am 23. Mai beschlossen, die AAGL-Buslinien bei der nächstmöglichen Gelegenheit auszuschreiben», bestätigt Dieter Leutwyler, Sprecher der Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD) einen Bericht der «Basler Zeitung». Doch weshalb hat der Regierungsrat dies in der seit zwei Wochen laufenden Debatte um eine allfällige Fusion zwischen der Baselland Transport AG (BLT) und der Autobus AG Liestal (AAGL) nicht früher kommuniziert?

«Die AAGL sollte nach ihrer Generalversammlung zusammen mit der Bekanntgabe des neuen Verwaltungsratskandidaten informiert werden.» Selbst der AAGL-Verwaltungsrat sei erst diese Woche ins Bild gesetzt worden. Dies bestätigte dessen Präsident Christian Haidlauf: «Telefonisch wurden wir am Vorabend der Generalversammlung vom Mittwoch informiert, und schriftlich gestern Donnerstag.»

Auch BLT-Direktor Andreas Büttiker weiss erst seit Mittwoch von der 2019 erfolgenden Ausschreibung der AAGL-Buslinien. Wird die BLT nun anbieten, die bisher von der AAGL bedienten Linien für einen tieferen Preis zu betreiben? «Die BLT kann zwei Millionen Franken billiger offerieren, wiederkehrend und nachhaltig. Für diesen Betrag stehe ich gerade», sagt Büttiker. Haidlauf kontert: «Wenn es zu einer Ausschreibung der Linien kommt, wird das Unternehmen mit dem besten Angebot den Zuschlag erhalten. Wir werden uns darauf vorbereiten.»

AAGL brüskierte den Kanton

Zurück zur Regierung: Leutwylers Antwort legt den Schluss nahe, dass der für die AAGL existenzgefährdende Beschluss, die Buslinien auszuschreiben, als Retorsionsmassnahme beschlossen wurde: Die AAGL hatte den vom Kanton vorgeschlagenen Ersatzkandidaten für den zurücktretenden bisherigen Kantonsvertreter zurückgewiesen. Ein Affront – umso mehr als es gemäss «Regionaljournal Basel» von Radio SRF um Christoph B. Bühler ging.

Mit Bühler hatte die Baselbieter Regierung eine Spitzenkraft nominiert: Der Wirtschafts-Jurist ist Titularprofessor an der Uni Zürich, Lehrbeauftragter der Uni Basel, Verwaltungsrat in mehreren Unternehmen der Finanz-, Pharma- und Maschinenindustrie.

Bühler kennt sich zudem mit dem öffentlichen Verkehr in der Nordwestschweiz aus: Er sass im Verwaltungsrat der Waldenburgerbahn (WB) und hat deren Fusion mit der BLT begleitet, und er ist Vizepräsident des BLT-Verwaltungsrats. Gerade diese Punkte waren aber für den auf Selbstständigkeit bedachten AAGL-Verwaltungsrat das Haar in der Suppe. Er äusserte Bedenken, «dass ein Mitbewerber direkten Einblick in die Zahlen und Abläufe der Auto Bus AG erhält», erklärt Haidlauf. «Die jüngsten Entwicklungen bestätigen die Richtigkeit dieser Bedenken.» Daraufhin habe der Kanton an der GV «von seinem statutarischen Vorschlagsrecht nicht Gebrauch gemacht und keinen VR-Kandidat gestellt».

Fusion wirklich kein Thema?

Dass die AAGL den öV-Fachmann Bühler als Kantonsvertreter ablehnte, weil er zu eng mit der BLT verbunden ist, zeigt: Das Thema Fusion lag auf dem Tisch – mehrere Wochen, bevor es die «Schweiz am Wochenende» öffentlich lancierte. Dies untergräbt Haidlaufs Aussage an der AAGL-Generalversammlung: «Die AAGL wurde bis anhin nur aus den Medien und nicht von den massgebenden Stellen mit dem Thema Fusion konfrontiert.»

Dagegen spricht auch, dass es gemäss Auskunft Büttikers im März ein Gespräch zwischen ihm und dem Verwaltungsratspräsidenten der BLT, André Dosé, gab. Haidlauf bestätigt das Nachtessen. Die Gesprächsinhalte seien vertraulich. Doch angesichts der Tatsache, dass Dosé dann an der BLT-Generalversammlung vom 29. Mai die Regierung dazu aufforderte, das in Fusionen steckende Sparpotenzial zu nutzen, wäre es seltsam, wenn er bei diesem öV-Gipfeltreffen im März das Thema Fusion nicht angesprochen hätte.

Im BLT-Verwaltungsrat sind fünf von neun Verwaltungsräten, darunter Dosé, vom Kanton mandatiert. Leutwyler bestätigt: «Der Kanton hatte Kenntnis von diesem Gespräch.» Hat der Kanton auch direkt bei der Autobus AG angeklopft? «Die AAGL wurde zur Eigentümerstrategie angehört. Sie lehnte die darin enthaltene Integrations-Stossrichtung ab», erklärt Leutwyler. «Die Eigentümerstrategie wurde dann im April 2015 inklusive der bestrittenen Stossrichtung verabschiedet und steht seither im Internet.»

Auch in der Vorlage zur Integration der WB in die BLT hiess es zur AAGL, es solle «eine Integration des öV-Geschäfts (Busbetrieb) in die BLT AG oder andere Formen einer optimierten Zusammenarbeit geprüft werden.» AAGL-Verwaltungsrätin Sandra Sollberger war damals Mitglied der Bau- und Planungskommission, in der die Vorlage diskutiert und schliesslich der AAGL-Teil aus ihr entfernt wurde. Man war also in der AAGL-Chefetage im Bild.

Zu kurzfristig für Gewinnwarnung

Da der allfällige Verlust des Leistungsauftrags und damit der Buslinien-Konzessionen rund vier Fünftel des AAGL-Umsatzes infrage stellt, hätte das Aktionariat darüber informiert werden müssen. Bei einem börsenkotierten Unternehmen spräche man von einer Gewinnwarnung. Doch unterblieb eine solche an der Generalversammlung. «Die Ankündigung kam lediglich mündlich und viel zu kurzfristig, um an der GV reflektiert darüber informieren zu können», begründet dies Haidlauf. Dies zeigt: Das Verhältnis zwischen Kanton und AAGL ist unfreundlich – auf Gegenseitigkeit.

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