Ortsunkunde
Aus der Hölle nach La Höll

Simon Morgenthaler besucht in seiner Kolumne «Ortsunkunde» die «Schweiz am Wochenende» frei assoziierend und fabulierend Baselbieter Orte mit prägnanten Namen. Dabei macht er sich viele falsche Freunde und begibt sich zielstrebig auf Irrwege.

Simon Morgenthaler
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Liesberg, nähe Höllhof.

Liesberg, nähe Höllhof.

Simon Morgenthaler

Die Jurabahn zwischen Basel und Delémont, eine gute Strecke, wie’s immer enger wird zwischen den Felsen und immer weiter ums Herz. Unweit der Kantonsgrenze hält der Zug manchmal, um den entgegenkommenden abzuwarten: Man schaut, als klemme der Zeit der Zeiger, auf den längst aufgehobenen Bahnhof Liesberg. Aussteigen kann man nicht.

Es fährt nur noch ein Bus nach Liesberg Station. Ich steige aus, freue mich: Ein fieser Wind schlägt mir um die Ohren. Es ist grau, die schönste Farbe für einen Ort, dessen Zementwerk heute Kulturgut ist. Überhaupt fühle ich mich hier der Kultur näher als in manchem Museum. Im ehemaligen Bahnhof wehrt sich das Aufbegehren in permanenter Weise gegen sein Vergehen: ‹Hair Revolution› lese ich vergilbt im Schaufenster.

Das ‹Zu verkaufen›-Schild an einem anderen Haus scheint für die Ewigkeit installiert, wie vom Schlag getroffen und erstarrt heisst einen ‹Coni’s Träff› unendlich willkommen. Schafe gibt oder gab es zu kaufen, etwas weiter vorne Cheminéeholz. Hinter den Geleisen eine prähistorische Höhle, Bratphantasien. Gehe zurück, der Strasse entlang, in Oberrütti hinauf in den Wald.

Eine Kiesstrasse, deren philosophischer Eigenwert in der schrittweisen Erkenntnis besteht, dass zumindest wir Menschen zum Glück immer ein Ende nehmen. Frontal bläst der Wind, mir ist kalt. Ein gehörntes Wesen auf einem Warnschild am Strassenrand, wahrscheinlich ist nur ein Stier gemeint. Beunruhigender die grüne Tafel unterhalb: Mutterkuh Schweiz, sie schützt ihre Kälber. Distanz gewinnen. Vor mir taucht in einer leichten Senke der Höll- oder Hellhof auf.

Nichts Besonderes, diese Hölle, etwas abgelegen vielleicht, unscheinbar, keine neun infernalen Kreise, nur eine vorderi und eine hingeri Hell. Mühsam stolpere ich über die halbgefrorene Scholle der letzteren, wundere mich, warum ich nicht schon vorher darauf gekommen bin, dass es in der Hölle Kühe haben muss, die einen in ihrer halbzufriedenen Gleichgültigkeit wiederkäuend in den Wahnsinn treiben. Im Stacheldraht-Zaun gegen die nächste Wiese eine Pforte, zusammengebastelt aus einem Fensterladen und anderem Restholz.

Ich durchschreite sie, gehe über die Kantonsgrenze, südlich unter mir die Côte sur la Fin. Wo der Kanton Jura endet, beginnt also die Hölle, denke ich mit weitem Herz, oder anders: Wo das Baselbiet aufhört, fängt das Ende an. Enttäuscht schaue ich auf die Karte, stutze: Ich bin noch immer in der Hölle, nur heisst sie hier La Höll.