Persönlich
Lasst mir den Herbst!

Unsere Autorin hört endlich mal auf ihre Mutter und verweilt. Nur macht die Welt nicht immer mit.

Sharleen Wüest
Sharleen Wüest
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Rot, orange, gelb – der Wald hat Feuer gefangen.

Rot, orange, gelb – der Wald hat Feuer gefangen.

Keystone/
LISA MAIRE

Handy weg. Mund zu. Augen auf. «Geniess doch einfach mal den Moment.» Meine Mutter. Immer wieder, jahrelang. Aber ich kann stolz sagen: Ich habe gelernt. Ich kann verweilen. Und wie!

Zum Beispiel vergangenen Sonntag. Ein Spaziergang. Ich weiss, ich weiss meine Eltern waren auch überrascht. Aber darum geht es jetzt nicht. Mit meinem Lieblingskleid – es weht so schön im Wind – und einer kuschlig warmen Jacke (auch nicht der Punkt) habe ich mich auf den Weg gemacht.

Ich liebe den Herbst. Will die letzten Sonnenstrahlen einfangen. Unter meinen schweren Stiefeln knistert es. Wie schön! Ich will das Handy zücken und ein Foto knipsen. Nein. Stopp!! Weiter jetzt! Der Wind kitzelt meine Nasenspitze. Die Bäume um mich herum wie aus einem Bilderbuch. Schneewittchen wäre eifersüchtig. Rot, orange, gelb – der Wald hat Feuer gefangen.

Wieso mache ich das so selten? Beobachte die wechselnden Jahreszeiten oft nur aus dem Fenster oder scrolle durch die Sozialen Medien. Doch Gerüche, Geräusche, Gefühle – sie fehlen.

Ich bin schon längstens in der Altstadt angekommen. Vor lauter «im Moment verweilen» ist mir das gar nicht aufgefallen. Siehe da Mum, ich kann das doch!

Lichterketten. Tannenbäume? Samichlaus?! Mensch, es ist November! Und die Läden der Stadt schon im Weihnachtsfieber. Da habe ich endlich mal einen Gang runter geschaltet und die Welt rast an mir vorbei. Weihnachten! Im November! Geht’s noch? Die Kürbisse kaum geschnitzt, schon hängt am Kronleuchter Tanniges. Naja, ich muss gestehen: Mariah Carey habe ich schon vermisst.