ARA Rhein
Pratteln kann aufatmen: Im Juni wird die neue Anlage eingeweiht

In Pratteln und im Entwicklungsgebiet Salina Raurica soll es in Zukunft nicht mehr stinken. Die stinkenden Stoffe in der Abluft werden nun verbrannt. Dafür sorgen zusätzliche Anlagen der ARA Rhein.

Daniel Haller
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Neue Anlage der ARA Rhein
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Neu ist die RTO-Anlage (regenerativen thermischen Oxidation) zur Verbrennung der stinkenden Abluft, die über Rohrleitungen zur Verbrennungsanlage geführt wird.
Neu ist die RTO-Anlage (regenerativen thermischen Oxidation) zur Verbrennung der stinkenden Abluft, die über Rohrleitungen zur Verbrennungsanlage geführt wird.
Peter Müller, Geschäftsführer ARA Rhein, vor der neuen RTO-Anlage.
Peter Müller, Geschäftsführer ARA Rhein, vor der neuen RTO-Anlage

Neue Anlage der ARA Rhein

Kenneth Nars

Derzeit läuft noch die Inbetriebnahme, im Juni sollen sie eingeweiht werden: Die zusätzlichen Anlagen in der Prattler ARA Rhein, die in Zukunft verhindern sollen, dass es in Pratteln und im Entwicklungsgebiet Salina Raurica stinkt. Die bz hat sich vom neuen Geschäftsführer, Peter Müller, die technischen Zusammenhänge erklären lassen.

1 Wie funktioniert eine normale ARA für Siedlungsabwässer?

Mit einem Rechen holt man die Festkörper wie Toilettenpapier, Wattestäbchen oder Rattenkadaver aus dem Wasser. Dann lässt man das Wasser in einem Becken etwas ruhen, damit sich der Sand absetzen kann. Anschliessend geht’s in die Biologiestufe, wo Bakterien den Dreck fressen und in Klärschlamm umwandeln.

Ganz wichtig ist dabei die Belüftung: Man bläst dauernd Luft vom Boden her in die Abwasserbrühe, damit die Bakterien atmen können. Zudem entzieht man dem Wasser chemisch den Phosphor. Dann wird der Klärschlamm entwässert und verbrannt. Je nach Anlage produziert man vor dem Verbrennen im Faulturm noch Biogas.

2 Was ist in der ARA Rhein speziell?

Die ARA Rhein verarbeitet neben den Abwässern von sechs Gemeinden die Abwässer der Chemie- und Pharma-Unternehmen CABB, Bayer, BASF, Novartis, SI-Group, Rohner und der Firmen im Infrapark Baselland. Diese dürfen nur Wasser liefern, das biologisch abbaubare Verschmutzungen enthält oder sogenannt ARA-gängig ist. Alles andere müssen sie in eigenen Vorklär-Anlagen selber entfernen.

3 Wie verarbeitet man in Pratteln mit chemischen Stoffen belastetes Abwasser?

Die Chemie-Abwässer kommen zuerst in eine Neutralisation, wo man sie mit Kalk vorbehandelt, damit sie weder zu sauer noch zu basisch sind (Ziel: pH-Wert 7,8). Von dort gelangen Sie in die grossen, weiss-blauen Tanks welche als Volumen-Puffer funktionieren.

Weiter geht’s durch eine intensive Vorbelüftung in ein Becken –die «Biologie 1» –, wo sich spezialisierte Bakterien über Essigsäure, Toluol und ähnliche Stoffe her machen und diese zu Klärschlamm verarbeiten. Sobald dieser entfernt ist, kommt das Wasser zu den Gemeinde-Abwässern in der «Biologie 2», wo es weiter geht wie in einer normalen ARA.

4 Was unterscheidet die richtigen von den falschen Bakterien?

Man spricht grob von zwei Klassen Bakterien: Die einen benötigen Luft zum Atmen, diese nennt man «aerob». Die anderen, die «anaeroben» kommen ohne Sauerstoff aus. Im Alltag begegnet man diesen beispielsweise im Kompost: Solange die aeroben arbeiten, ist dieser fast geruchsfrei. Belüftet man den Kompost zu wenig, nehmen die anaeroben Bakterien überhand. Die Gemüseabfälle verrotten nicht mehr, sondern verfaulen. Es gibt nicht mehr Kompost, sondern Mist, der stinkt.

5 Warum hat es in der ARA Rhein gestunken?

Solange in einer ARA die aeroben Bakterien arbeiten, reicht es aus, wenn man die Abluft durch einen Biofilter schickt, wo Bakterien der Luft die Geruchsstoffe entziehen. In der ARA Rhein haben sich jedoch in den Puffertanks anaerobe Prozesse abgespielt. Dabei entstanden übel riechende Faulgase. Diese wurden zwar auf dem Weg des Wassers durch die Vorbelüftung und die Biologie 1 abgesaugt, überforderten aber den Biofilter und gingen durch diesen hindurch in die Umwelt.

6 Warum soll es in Zukunft nicht mehr stinken?

Erstens wechselt man neu die Puffertanks allwöchentlich, damit das Abwasser kürzer darin verweilt. Damit will man anaeroben Bakterien keine Zeit mehr geben, sich zu entwickeln. Zweitens saugt man an verschiedenen Stellen wie dem Vorbelüfter, der Biologie 1 oder den Puffertanks die hoch belastete Luft über ein neu gebautes Rohrsystem ab und leitet sie drittens in die neue Anlage – die RTO –, wo allfällige Stinkstoffe verbrennen.

7 Was passiert in der neuen Anlage für Regenerativ Thermische Oxidation (RTO)?

Die RTO-Anlage besteht aus drei Kammern. Die belastete Luft wird in eine Kammer geblasen und mit einer Gasflamme auf über 850 Grad erhitzt. Dabei werden die kritischen Stoffe aufgespalten und ihre Komponenten verbinden sich innert Sekunden mit Sauerstoff: Sie verbrennen. Die heisse Abluft wird durch eine zweite Kammer geblasen, um diese aufzuheizen. Die dritte Kammer wird mit Frischluft gespült.

Nach einer Minute wird der Luftstrom zwischen den drei Kammern umgeschaltet und jede Kammer übernimmt eine andere Funktion. So spart man Energie. Die gereinigte Luft wird dann durch eine Waschanlage, wo ein Sprühnebel allfälligen Feinstaub bindet, in die Umwelt entlassen. Die Fahne, die sich bei kühlen Temperaturen über dem Schornstein bildet, ist nicht Rauch, sondern Wasserdampf aus der Waschanlage und feuchter Prozessluft.

8 Was haben die Anti-Stink-Investitionen gekostet?

Insgesamt haben zusätzlichen Anlagen 19 Millionen Franken gekostet. Davon entfallen 17 Millionen auf die RTO mit den zusätzlichen Luft-Absauganlagen und 2 Millionen auf Nebenanlagen für bestimmte Chemikalien. An der Investition beteiligte sich der Kanton im Umfang seines Akteinanteils an der ARA Rhein. Dieser beträgt gemäss Pascal Hubmann, Leiter des Baselbieter Amtes für Industrielle Betriebe (AIB). 13,81 Prozent. Auf Anfrage stellt Hubmann aber auch fest, dass auf rein kommunalen Anlagen die Abluftproblematik weniger gravierend sei.

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