Dichterin Helene Bossert
«So, die mache mer jetz hi!»

Wie aus der Baselbieter Dichterin Helene Bossert eine Gejagte wurde.

Naomi Gregoris
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Helene Bossert nach ihrer Rehabilitierung 1986, im Alter von 80 Jahren.

Helene Bossert nach ihrer Rehabilitierung 1986, im Alter von 80 Jahren.

Staatsarchiv BL

An einem Morgen im Herbst 1953 setzt sich Helene Bossert an den Tisch ihrer Küche in Sissach und schlägt die «Volksstimme» auf. Sie ist müde. Weil sie wie üblich bis weit bis nach Mitternacht geschrieben und am Morgen früh ihren Sohn Hansueli zur Schule geschickt hat. Aber nicht nur. Sie hat die gehässigen Kommentare und Tuscheleien ihrer Nachbarn im Ohr, die seit ihrer Rückkehr aus der Sowjetunion im Dorf herumgeistern. Was habe sie sich nur dabei gedacht, als Frau und Mutter, noch dazu als Heimatdichterin, ins Herz des Kommunismus zu reisen!

Dabei war es nur eine Studienreise gewesen, die günstige Gelegenheit, eine andere Kultur kennenzulernen, zusammen mit den anderen Mitgliedern der «Frauenvereinigung für Frieden und Fortschritt». War sie naiv gewesen? Was würde die «Volksstimme» dazu sagen, jene Zeitung, in der sie regelmässig Geschichten und Gedichte veröffentlicht hatte und der sie vor ein paar Tagen eine Erklärung hatte zukommen lassen, in der sie ihre Beweggründe für diese Reise dargelegt hat? Würden sie ihre Worte abdrucken und damit den Tuscheleien im Dorf ein Ende setzen? Sie blättert durch die Zeitung. Kurz darauf hält sie den Artikel in der Hand. Eine ganze Seite mit dem Titel «Die Reise nach Moskau».

So eine Pracht!

Helene Bossert ist 1907 in Zunzgen geboren. Nach Abschluss der Volksschule arbeitet sie als Fabrik- und Hausangestellte. Sie liest sehr viel, beginnt zu schreiben und trägt ihre Geschichten am Radio vor, das in den Vierzigerjahren ein wichtiges Sprachrohr regionaler Autoren und Autorinnen ist. 1944 heiratet sie Ueli Fausch, einen Schlosser und Chemiearbeiter, der selbst als Maler und Zeichner künstlerisch tätig ist und sich in der Arbeiterbewegung engagiert. Ein Jahr später kommt ihr Sohn Hansueli zur Welt. Bossert schreibt weiterhin leidenschaftlich und produziert als freie Mitarbeiterin Hörspiele am Radio.

Bald schliesst sie sich mit anderen Autorinnen aus ihrem Wohnort zum Kreis der Sissacher «Poetinnen» zusammen. In ihrer ersten Publikation «Blüemli am Wäg», die 1942 erscheint, widmet sie jedes Gedicht einer Blume. «D Meerzeleblüemli si verwacht. / Näi au, daas Wunder! Soon e Bracht!». Der Tonfall ist lieblich, rührende und konfliktfreie Poesie, wie es bei den Heimatdichter und -dichterinnen der Zeit üblich ist. Ein Liebhaberpublikum formiert sich, die Leute finden Gefallen an Bosserts zarten Texten, sie wird zur lokalen Berühmtheit. Doch spätestens als sie in jenem Herbst 1953 die Volksstimme aufschlägt, vergeht Helene Bossert die Lust an Rührseligkeiten.

Die Hälfte der Seite nimmt ein scharfer redaktioneller Kommentar ein, der Bosserts Erklärung zwar einbettet, aber verurteilt. Auf dem zweiten Teil der Seite steht ein offener Brief eines anonymen Lesers, der, kurz nachdem die Frauen die Reise antraten, alle Zeitungen der Region und das Studio Basel des Landessenders Beromünster benachrichtigt hatte. Er will für die ganze Bevölkerung von Sissach sprechen, sagt er, und wirft Helene Bossert vor, Kommunistin oder zumindest Sympathisantin der Kommunistischen Partei zu sein, da die Reise von dieser bezahlt worden sei. Bossert ist entsetzt. Sie schreibt das Gedicht «Vogelfrei»: «Z Russland gsi / Z Russland gsi / So, die mache mer jetz hi!»

Folgen für die ganze Familie

Kurze Zeit später erhält sie vom Studio Basel ein Entlassungsschreiben: Helene Bossert darf ab sofort nicht mehr beim Radio publizieren. Anonyme Telefonanrufe gehen bei ihr ein, sie wird belästigt und beschimpft. Die Politische Polizei, das damalige Staatsschutzorgan, wird auf sie aufmerksam und ordnet eine Überwachung an.

Die energische Dichterin schlägt mit eigenen Mitteln zurück: Eine Woche später druckt die «Volksstimme» ihre Reaktion auf den offenen Brief ab. In unaufgeregten Worten schildert sie ihre Gründe für die Reise und ihre Erschütterung ob der plötzlichen Diffamierungswelle. Doch Bosserts Worte reichen nicht aus, um der Empörung Einhalt zu gebieten. Sie wird weiterhin mit gehässigen Kommentaren überhäuft, ihr Mann verliert seine Stelle als Festungswächter. Der gemeinsame Sohn wird mit Geschimpfe empfangen, wenn er im Dorf Pro-Juventute-Marken verkaufen soll.

Hexenverbrennung

Einzelne halten zu ihr, wie zum Beispiel der Redaktor Alfred Kundert vom «Landschäftler», der in einem Artikel vom März 1954 die Situation mit den «finsteren Tagen der Hexenverbrennung» vergleicht. Er weist darauf hin, «dass es Sportsleuten, Radioreportern und Geschäftemachern unverwehrt ist, nach Russland zu reisen. Höchste Zeit also, dass das Unrecht, das einer arglosen Baselbieterin geschah, wieder gutgemacht wird.»

Ob die Kommunistische Partei tatsächlich für die Reise des Vereins bezahlt hat, wird auch vonseiten des Kantonsparlaments, das sich mit dem «Fall Bossert» beschäftigt, nie abschliessend beantwortet – es gibt nur Verfechter und Gegner einer eskalierten Beschuldigung, die nicht zuletzt bezeichnend für das politische Klima jener Zeit ist: Die Schrecken des Nazi-Regimes stecken vielen noch in den Knochen, totalitäre Ideologien werden aufs Schärfste verurteilt.

Es wird 18 Jahre dauern, bis Helene Bossert rehabilitiert wird. Den Anfang macht ausgerechnet das Radio Basel, das sie in mehreren Sendungen porträtiert. 1971 beschliesst die Baselbieter Literaturkommission, eine Auswahl ihrer Erzählungen herauszugeben. 1988 schliesslich wird ihr der Literaturpreis des Kantons Baselland verliehen. Bossert soll ihn dankbar entgegengenommen haben.

In den Jahren öffentlicher Demütigung hatte sie nie mit dem Schreiben aufgehört. Doch von der einzigen Sorglosigkeit ist in den folgenden Gedichten nichts mehr zu spüren. «I ha mi gee ganz offe wien es Buech / jede Möntsch het drinne chönne lääse (...)», schrieb sie da, «Hüt aber leggen i e Massgen aa / frönd wird i vor de Lüte schyyne / und wird käi Myyne me verzieh / wird numme ganz im ghäime gryyne.»

Gedenkveranstaltung «Gegen das Vergessen» zum 20. Todestag der Baselbieter Mundartdichterin Helene Bossert.
Freitag, 22. Februar, 19.30 Uhr im Dichter- und Stadtmuseum, Rathausstrasse 30, 4410 Liestal. Kollekte.