Tag der Arbeit
Wenige Teilnehmer, dafür viele Misstöne bei der 1. Mai-Demo in Liestal

Nur gut 60 Personen feierten unter dem Motto «Mindestlohn jetzt!» in Liestal den 1. Mai. Das sorgte innerhalb der SP und gegenüber den Grünen für Misstöne.

Tobias Gfeller
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Gut 60 Personen feierten unter dem Motto «Mindestlohn jetzt!» in Liestal den 1. Mai
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Gut 60 Personen feierten unter dem Motto «Mindestlohn jetzt!» in Liestal den 1. Mai
Gut 60 Personen feierten unter dem Motto «Mindestlohn jetzt!» in Liestal den 1. Mai
Gut 60 Personen feierten unter dem Motto «Mindestlohn jetzt!» in Liestal den 1. Mai
Juso Schweiz-Präsidentin Ronja Jansen
Juso Schweiz-Präsidentin Ronja Jansen

Gut 60 Personen feierten unter dem Motto «Mindestlohn jetzt!» in Liestal den 1. Mai

Tobias Gfeller

«Es ist keine Machbarkeitsfrage, sondern eine Prioritätenfrage!», rief Ronja Jansen lautstark ins Mikrofon. «Was stellen wir ins Zentrum und wen stellen wir ins Zentrum?» Es brauchte die Juso Schweiz-Präsidentin, um der 1. Mai-Feier in Liestal erstmals wirklich Energie und Kraft einzuhauchen. Die Frenkendörferin beantwortete ihre eigens aufgeworfene Frage gleich selber: Die Bedürfnisse der 99 Prozent gehören ins Zentrum gestellt.

Für die Baselbieterin, die mittlerweile vor allem national engagiert ist, war es ein Heimspiel. Und sie nützte dieses, um gegen Reiche und Rechte auszuteilen. Sie wolle nicht in einer Welt leben, in der Menschen von frühmorgens bis spätabends schuften, aber trotzdem zu wenig verdienen, um über die Runden zu kommen. «Wir können uns das gute Leben für alle leisten. Was wir uns aber nicht leisten können, ist das reiche ein Prozent. Den Kapitalismus können wir uns nicht mehr leisten.»

Es folgten Jubel und Applaus und nach Jansens Rede gemeinsam die von den Juso angestimmte Parole «Hoch die internationale Solidarität». Das Grüppchen an Demonstrantinnen und Demonstranten zeigte dann eben diese Energie und Kraft, die ein 1. Mai in Liestal normalerweise ausmachen.

Enttäuschung über SP-Fraktion

Doch in diesem Jahr war vieles anders. Die Corona-Pandemie und wohl auch etwas der Regen hielten viele Linke von einer Teilnahme ab. Nur gerade handgezählte 63 Personen folgten dem Protestmarsch vom Bahnhof in die Rathausstrasse vors Regierungsgebäude. Die Enttäuschung über die geringe Teilnehmerzahl war vielerorts zu vernehmen.

Auffallend war, wie wenig bekannte politische Gesichter zu sehen waren. Gerade mal drei Mitglieder der SP-Landratsfraktion und SP-Nationalrätin Samira Marti waren zugegen. Letztere zeigte einerseits Verständnis für diejenigen, die während einer Pandemie lieber zuhause bleiben, gab aber ganz offen zu, von der SP-Landratsfraktions «sehr enttäuscht» zu sein. «Das ist der wichtigste Tag im Jahr für die Linke. Ich erwarte von der SP-Fraktion, dass sie an diesem Tag da ist.»

Ärger über die Grünen

Die Baselbieter SP-Präsidentin Miriam Locher liess sich offiziell entschuldigen und erklärte wie Fraktionspräsident Roman Brunner, dass sie den 1. Mai online im Rahmen des schweizweiten Livestreams begehen werde. «Wir haben uns den Entscheid, nicht physisch dabei zu sein, wirklich nicht einfach gemacht», schrieb Locher zusätzlich der bz. «Es ist der wichtigste Tag für die SP. Aber unter den gegebenen Umständen mussten wir uns dagegen entscheiden und haben an der digitalen Demonstration teilgenommen.»

Die Coronaregeln - insbesondere die Maskenpflicht - wurden an der Feier eingehalten. SP-Vertreterinnen und -Vertreter vor Ort verwiesen in einer Mischung aus Verärgerung und Zynismus auf die Grünen, die gemeinsam mit der EVP als Landratsfraktion zeitgleich im Regierungsgebäude eine Retraite abhielten und dies erst noch nahezu zeitgleich zum Beginn des Umzugs auf Facebook bekanntgaben. Die Grünen seien sich für eine Demonstration an einem Regentag zu schade, sangen die Juso genüsslich.

Vor Ronja Ransen trat Gabriela Medici, stellvertretende Leiterin des Zentralsekretariats des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, ans Rednerpult. Sie ersetzte Gewerkschaftsbund-Chefökonom Daniel Lampart, der seine Teilnahme aufgrund eines Todesfalls in der Familie absagen musste. Medici erinnert daran, dass die Corona-Pandemie die Leiden der Geringverdienenden schonungslos aufzeige, während die Reichen immer reicher werden.

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