Bergsteigen
Thomas Hägler im Nähkästchen: «Leben ist nirgends so intensiv wie am Berg»

Thomas Hägler aus Hölstein stand 1982 als erster Schweizer auf dem gefährlichsten Gipfel der Welt. Das Drama wühlt ihn bis heute auf.

Hans-Martin Jermann
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«Wenn jeder ohne Regeln klettert, gehts nicht»: Thomas Hägler, 66, stand mit 27 auf der Annapurna in Nepal.

«Wenn jeder ohne Regeln klettert, gehts nicht»: Thomas Hägler, 66, stand mit 27 auf der Annapurna in Nepal.

Juri Junkov (25. September 2020

Welchen Begriff ziehen Sie aus dem Nähkästchen?

Thomas Hägler: Regeln. Ich bin einer, der für möglichst wenige Regeln einsteht, der die Freiheit sucht und autonom sein möchte.

Sie suchen am Berg die grosse Freiheit. Dennoch müssen Sie sich an Regeln halten. Tun Sie es nicht, bringen Sie sich und andere in Gefahr.

Bei der Annapurna-Expedition 1982 brachte mir der bergsteigerische Leiter, eine Koryphäe aus Österreich, wichtige Regeln bei. Ich war Neuling und mit 27 jüngster Teilnehmer. Man muss sich strikt an den zeitlichen und logistischen Plan halten, aber flexibel bleiben. Pläne können ständig ändern. Eine Lawine riss eines der Lager 1000 Meter in die Tiefe. Meine ganze Ausrüstung wurde weggefegt. Zum Glück fanden wir diese auf einem Gletscher wieder.

Sie mussten sich auf Menschen verlassen können, die Sie zuvor nicht kannten.

Anders als heute schliefen wir alle im gleichen Zelt, nebeneinander wie Sardinen in der Büchse. Da ist man sich sehr nahe. Man merkt rasch, mit wem man gut zusammenarbeiten kann und mit wem nicht. Der Expeditionsleiter bestimmte, wer in welche Gruppe kommt und wer letztlich auf den Gipfel darf.

Die Annapurna gilt als gefährlichster Gipfel der Welt: Auf drei erfolgreiche Besteigungen kommt ein Todesfall. Bisher schafften nur 200 Menschen diesen 8000er.

Die Lawinengefahr auf der Annapurna ist extrem. Ich sass im Basislager im Kreis des Teams und dachte: Trifft die Statistik zu, dann kommen nicht alle heil zurück. Das war dann leider so. Wir verloren zwei Teilnehmer.

Wie gingen Sie damit vor dem Aufbruch zum Gipfel um?

Ich war mir des Risikos bewusst. Der Reiz, den Annapurna zu besteigen, war aber so gross, dass ich mir sagte: Dieses Risiko gehe ich ein. Der Gefährlichkeit des Berges an sich war ich mir indes nicht bewusst. Ich hatte damals kaum Expeditionserfahrung.

Wie es dem Kollegen geht, ist entscheidend für den eigenen Erfolg.

Ja, Solidarität ist in einer Seilschaft entscheidend, ja überlebenswichtig. Allerdings kann man sich in grossen Höhen gegenseitig oft nicht mehr helfen. Bei der Annapurna-Besteigung brachen wir zur letzten Etappe in einer Dreierseilschaft auf. Diese lösten wir aber auf 7500 Metern auf. Die anderen beiden waren stärker als ich. Ab da musste ich alleine weiter und kämpfte mich in der dünnen Luft Schritt für Schritt Richtung Gipfel. Alle drei bis vier Schritte musste ich eine Pause einlegen.

Wie gingen Sie mit dem Tod zweier Teilnehmer um?

Am Berg ist man sehr stark damit beschäftigt, was gerade passiert. Die emotionale Verarbeitung der Tragödie erfolgte erst später. Bei einem der Verstorbenen handelte es sich um einen Schweizer. Er stand an jenem 4. Mai 1982 als Teil einer zweiten Dreierseilschaft nach mir auf dem Gipfel. Während des Abstiegs legte ich mich immer wieder erschöpft in den Schnee und kriegte Halluzinationen. Ich dachte, er würde hinter mir gehen. Erst in der Nähe des Hochlagers, von wo wir morgens aufbrachen, realisierte ich: Er war noch weit oben. Ich schlug Alarm. Kollegen, die sich im Zelt ausruhten, holten ihn, versorgten ihn mit Sauerstoff. Dennoch starb er erschöpft. Den zweiten verloren wir beim Abstieg. Er ist verschollen.

Wann konnten Sie das Erlebte verarbeiten?

Das dauert bis heute an.

Sie standen als erster Schweizer auf dem zehnthöchsten Gipfel der Welt. Den Rekord nimmt Ihnen niemand.

Ich habe das nicht gesucht. Erstens beabsichtigte die Expedition ursprünglich, einen anderen 8000er zu besteigen. Zweitens waren wir im 25-köpfigen Team fast zehn Schweizer. Dass ich als erster auf den Gipfel konnte, war auch Zufall.

Ist Bergsteigen eine Sucht?

Durchaus. Kaum war ich von der Annapurna zu Hause, schmiedete ich die Pläne für eine nächste Expedition. Das Leben ist nirgends so intensiv wie am Berg.

Zwei Jahre später bestiegen Sie mit dem Broad Peak in Pakistan noch einen 8000er.

Es ist zwiespältig: Man will ja nicht unbedingt wieder gefährliche Situationen erleben. Wenn man diese überwunden hat, ist man umso glücklicher, wieder nach Hause zu kommen. Nach dem Unfall eines Kollegen mussten wir ohne Zelt oder Schlafsack auf 7600 Metern biwakieren. Da ging’s ums nackte Überleben. Als ich zurückkehrte, war mir klar: Das war die letzte solche Expedition. Irgendeinmal ist das Glück verbraucht. Ich bestieg seither viele Gipfel, doch derart ans Limit ging ich nie mehr.

Am Broad Peak waren Sie bergsteigerischer Leiter. Sie setzten die Regeln.

Ich stellte akribisch Pläne auf und wurde dafür von der zweiten Gruppe, die auf den benachbarten K2 unterwegs war, etwas belächelt. In der K2-Mannschaft befanden sich einige der weltbesten Bergsteiger, was letztlich kein Vorteil für die Gruppe war: Da war sich manch einer zu schade, für den anderen Material hochzutragen. Am Schluss hatte unsere gut organisierte Expedition Erfolg, die andere nicht. Wenn jeder nach Belieben und ohne Regeln klettert, geht’s eben doch nicht.

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