Strafgericht Liestal
Trotz schwerer Persönlichkeitsstörung: «Habibi» wird nicht verwahrt

Gutachter bezeichnen einen Mann nach vielen Gewaltdelikten als «nicht therapierbar». Das Kantonsgericht in Liestal beschloss jedoch, dass der Mann für eine Verwahrung nicht gefährlich genug sei.

Patrick Rudin
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Das Strafgericht in Liestal

Das Strafgericht in Liestal

Kenneth Nars

«Sie haben Glück gehabt und sind haarscharf an einer Verwahrung vorbeigekommen», sagte Gerichtspräsident Stephan Gass. Der 31-jährige Angeklagte wischte sich die Tränen aus den Augen und bedankte sich artig bei den fünf Richtern.

Seine Geschichte ist wild: Die Mutter stammt aus dem Libanon, der Vater aus Syrien, den Aufenthalt in der Schweiz hatten sie sich unter einer falschen Identität erschlichen. Seine eigene Staatsbürgerschaft ist noch ungeklärt, er besitzt deshalb auch keinen Pass. Zu Hause soll er in jungen Jahren vom Vater regelmässig Prügel bezogen haben.

Mit 12 Jahren kam er ins Heim, mit 17 beging er seinen ersten Raubüberfall. Im März 2012 kassierte er im Kanton Solothurn wegen diverser Gewaltdelikte über vier Jahre Gefängnis. Zuvor allerdings hatte er im Januar 2011 in Läufelfingen zusammen mit seinem jüngeren Bruder und drei Kumpeln einen Drogendealer ziemlich brutal ausgenommen, weshalb sich auch das Baselbieter Strafgericht mit ihm befassen musste.

Auslöser war eine «Preisanpassung»: Sein Lieferant verlangte für 100 Gramm Marihuana statt bisher 950 nun plötzlich 1050 Franken. Verärgert erzählte Habibi, so sein Spitzname, dies seinen Kumpeln, betonte aber hinterher, von Gewalt sei nie die Rede gewesen. Einer der Mittäter gestand allerdings später gegenüber der Staatsanwaltschaft, dass die Rollenverteilung in der Gruppe klar gewesen sei. «Wenn Habibi was sagt, dann ist das ein Befehl», war die Aussage.

Acht Jahre Knast

Es gab für die ganze Bande damals Schuldsprüche wegen Raubes, Erpressung und weiterer Delikte, wegen psychischer Störungen wurden stationäre therapeutische Massnahmen verhängt. Doch Habibi wurde von Gutachtern als untherapierbar eingestuft, seine Störung mit psychopathischen Elementen sei zu schwer. Das Kantonsgericht in Liestal versuchte es dennoch, wurde aber vom Bundesgericht zurückgepfiffen: Therapie darf nur für therapierbare Täter angeordnet werden.

Staatsanwalt Stefan Fraefel hatte bereits vor vier Jahren die Verwahrung gefordert, drang damit aber nicht durch. Am Dienstag musste das Kantonsgericht erneut entscheiden: Reguläre Haftstrafe oder Verwahrung, denn andere Möglichkeiten sieht das Strafgesetzbuch nicht vor. Die Richter sprachen sich gestern erneut gegen die Verwahrung aus: Die strengen Kriterien für eine äusserst hohe Rückfallwahrscheinlichkeit seien nicht erfüllt. «Eine Verwahrung wäre hier nicht verhältnismässig», sagte Stephan Gass. Damit bleibt es bei einer regulären Zusatzstrafe von drei Jahren und drei Monaten, zusammen mit früheren Reststrafen ergibt sich eine Gesamtstrafe von über acht Jahren.

Seit 6,5 Jahren sitzt der Mann nun im Gefängnis, er kommt voraussichtlich im Januar 2019 auf freien Fuss, bei guter Führung auch schon früher. Anstaltsintern hat er inzwischen in der Schreinerei eine Arbeit gefunden. Ob er danach zurück in den Libanon reisen kann, ist nicht klar, zumindest im Jahr 2013 war dies noch sein Wunsch.

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