CVP-Duell
Um 17.11 Uhr bricht Jubel aus – ein Traum geht in Erfüllung

Die bz begleitet Parteipräsident Marc Scherrer am Wahlsonntag auf einer Achterbahn der Gefühle.

Leif Simonsen
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Mit Block und Stift: Marc Scherrer rechnet bei den aktualisierten Wahlresultaten stets nach.

Mit Block und Stift: Marc Scherrer rechnet bei den aktualisierten Wahlresultaten stets nach.

Nicole Nars-Zimmer niz

Einen Jubelschrei kann sich Marc Scherrer gerade noch verkneifen, obwohl um exakt 17.11 Uhr ein Traum in Erfüllung geht. Endlich ist amtlich: In den nächsten vier Jahren wird er in Liestal politisieren – als Landrat. Dass es nach vier Stunden bangem Warten nicht lauthals aus ihm herausbricht, ist wohl purer Anstand. Zwei Meter neben ihm steht die grosse Geschlagene dieses innerparteilichen Duells: Brigitte Bos. Scherrer, der Baselbieter CVP-Präsident, hat die frühere Laufner Stadtpräsidentin im Landratswahlkampf um exakt 68 Stimmen hinter sich gelassen und wird nun in der nächsten Legislatur zusammen mit dem künftigen Landratspräsidenten Franz Meyer die Laufentaler CVP-Stimme im Parlament sein. Bos, nicht gerade für ihre emotionale Standfestigkeit bekannt, nimmt den Trost des Parteipräsidenten stoisch – aber fair – entgegen, packt ihre Tasche und ist Sekunden später weg.

Selbst Franz Meyer, den im Ratsbetrieb scheinbar nie etwas aus der Ruhe bringt, wirkt nach dem dramatischen Verlauf des Wahlfinishs aufgewühlt: «Ich hab gedacht, dass meine Wahl wesentlich deutlicher wird.» Auch Scherrer atmet auf: Wäre seine Wahl auf Kosten des zukünftigen Landratspräsidenten Meyer erfolgt, dann wäre er im Laufental in Erklärungsnöte geraten. Und der Grellinger hat nur etwas über 100 Stimmen Vorsprung auf Bos.

Nervosität steigt an

Doch nun ist alles perfekt aufgegangen. Auf Scherrer warten nun Pressetermine, Ansprachen – und eine etwas kürzere Nacht. Die Stunden zuvor sind von spannungsgeladenem Nichtstun geprägt gewesen: Der CVP-Parteivorstand hat sich im Liestaler Hotel Engel einquartiert. Scherrers routiniertere Parteikollegen können den Wahlsonntag wesentlich entspannter angehen als der aufstrebende Politiker: Der Allschwiler Fraktionspräsident Felix Keller beispielsweise verteidigt seinen Sitz quasi im Schongang. Und die Biel-Benkemer Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter nutzt den Tag, im Hinblick auf Wahlallianzen Kontakte mit möglichen Partnern zu suchen.

Selbst Regierungsrat Anton Lauber, der von seinen Parteikollegen auch gerne das Prädikat des Tiefstaplers angehängt bekommt, freut sich angesichts des uneinholbaren Vorsprungs schon am frühen Nachmittag über die Wiederwahl. Nur bei Marc Scherrer wird der Puls immer schneller: Als das Fernsehteam von «Telebasel» anklopft, wirkt der besonnene Laufner nahezu etwas unwirsch: «Zu Spekulationen lasse ich mich nicht hinreissen, solange das definitive Resultat nicht feststeht.» Stattdessen übt er sich im Rechnen: Sobald die Landeskanzlei neue Resultate aus den Wahlkreisen hochlädt, greift Scherrer zum Schreiber und kritzelt Zahlen in sein Heft. Zwischenzeitlich liegt er in der CVP-internen Ausmarchung im Laufental gar in Führung, distanziert sowohl Bos als auch Meyer. «Die Zwischenresultate sind mit Vorsicht zu geniessen, denn es fehlt noch Grellingen», mahnt Scherrer. Und in Meyers Wohnort hat der zweitoberste Baselbieter eine treue Wählerschaft. Eine Einschätzung, die sich bestätigen wird. Meyer lässt Scherrer und Bos hier deutlich hinter sich.

Eine Stunde länger ausschlafen

Diplomatie und Emotionalität wechseln sich im Minutentakt ab. Dass die Regierung mit der Abwahl der SP plötzlich ohne die zweitstärkste politische Kraft dasteht, erachtet der CVP-Präsident nüchtern als «einerseits eine Bestätigung unserer bürgerlichen Arbeit und andererseits als Herausforderung, die wir annehmen müssen – wir haben nun eine Opposition.» Weniger staatsmännisch ist er in seiner Wortwahl, wenn die Wahlresultate auf sich warten lassen. «Blauen? Das kann doch v... nochmal nicht schwierig sein, diese paar Stimmen auszuzählen», ärgert er sich über die letzte ausstehende Gemeinde im Laufental. «Dass sie ausgerechnet hier so langsam sein müssen, ist doch nicht zu fassen.» Und über den einen oder anderen Nichtgewählten kann er sich auch heimlich freuen. Mit anderen sympathisiert er indes über die Parteigrenzen hinweg: Seinem guten Freund Diego Stoll von der SP gratuliert Scherrer ebenso zur Wahl wie dem SVPler Georges Thüring, oder wie Scherrer ihn nennt: «Thüring Schorsch».

Die grosse Überschwänglichkeit spart sich der 28-Jährige auf – mit dem Höhepunkt wahrscheinlich weit nach Redaktionsschluss der bz. «Ich hab meinen Freunden eine kleine Feier im Laufner Go In versprochen.» Und was gönnt sich Scherrer nach dem grössten Erfolg in seiner bisherigen Politkarriere selbst? «Es ist gut möglich, dass ich morgen eine Stunde später zur Arbeit gehe.»

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