Schulweg
Unbekannte bedrängen Frenkentäler Primarschüler

In den letzten Wochen gingen bei der Baselbieter Kantonspolizei mehrere Meldungen ein, wonach Unbekannte vor Frenkentäler Primarschulen Kinder angesprochen hätten. Die Schulen versuchten, per Elternbrief für das Thema zu sensibilisieren. Das passt der Polizei nicht, da sie eine Hysterie befürchtet.

Michael Nittnaus
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Nicht alleine zur Schule laufen, ist einer der Tipps der Polizei.

Nicht alleine zur Schule laufen, ist einer der Tipps der Polizei.

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«Steig ins Auto»: Dieser Satz, offenbar ausgesprochen von einem fremden Mann letzten Mittwoch nahe des Bubendörfer Primarschulhauses Sappeten, genügt, um bei vielen Eltern grösste Verunsicherung auszulösen. «Seither lassen wir unsere Kinder nicht mehr alleine zur Schule, sondern bringen sie hin und holen sie wieder ab», sagt eine Mutter, die mit der direktbetroffenen Familie befreundet ist und der bz den Fall schildert. Demnach sei der Bub noch Kindergärtler und ausnahmsweise allein auf dem Heimweg gewesen, als er am Primarschulhaus vorbeikam. Mehrmals hätte der unbekannte Mann ihn aufgefordert, ins Auto zu steigen, worauf der Bub sofort nach Hause gerannt sei.

Polizei kritisiert Schulleitungen

«Ich habe extrem Angst zurzeit», sagt die Mutter. Die Kinder könnten sich doch kaum wehren, sollten sie von einem Erwachsenen bedrängt werden. Diese Gedanken machen sich zurzeit viele Eltern – und das nicht nur in Bubendorf, sondern gleich in beiden Frenkentälern. Denn die Gerüchteküche brodelt seit mehreren Wochen. In immer mehr Primarschulen wurden Fälle gemeldet, bei denen Unbekannte Kinder angesprochen haben sollen. Von der Kantonspolizei bestätigt werden Meldungen aus Oberdorf, Niederdorf, Reigoldswil und eben Bubendorf. Doch im selben Atemzug sagt Polizeisprecher Marcel Wyss: «Die genauen Umstände sind noch unklar und Gegenstand von laufenden Abklärungen. Fakt ist, dass in keinem dieser Fälle etwas passiert ist.»

Die Kantonspolizei Baselland gibt sich denn auch betont zurückhaltend. «Wir nehmen solche Meldungen stets ernst und gehen ihnen nach. Gleichzeitig rufen wir aber dazu auf, nicht in Panik zu verfallen und Ruhe und Besonnenheit zu bewahren. Meistens erweisen sich die Vorfälle als Missverständnisse oder falsche Interpretationen.» Wenig Freude hat Wyss denn auch, dass mehrere Schulleitungen von sich aus entschieden hatten, die Eltern mit einem Schreiben zu informieren. So etwa die Primarschule Oberdorf Ende Oktober und auch Bubendorf am 10. November.

Wyss: «Kinder und Eltern sollten nicht zusätzlich verängstigt werden. Wir rufen dazu auf, dass die Leitungen von betroffenen Schulen das weitere Vorgehen bei solchen Fällen vorab mit der Polizei absprechen.» Die Befürchtung: Vorschnelle Information könnte eine Hysterie auslösen. Für die Mutter aus Bubendorf ist diese defensive Kommunikation falsch: «Man muss die Bevölkerung doch sensibilisieren, das hat nichts mit Hysterie zu tun.»

Das sieht auch Martin Wiget so. «Wenn wir schweigen, meinen die Leute, wir würden nichts tun», sagt der Schulleiter der Primarschule Oberdorf. Dort hätten am Freitag, den 21. Oktober, einzelne Schüler berichtet, von einem Mann in einem weissen Auto angesprochen worden zu sein. Aufgefordert einzusteigen, hätte er sie aber nicht. Tatsächlich habe laut Wiget die informierte Lehrperson die Polizei kontaktiert. Diese hätte geraten, es mit den Schülern zu thematisieren und zugesichert, vermehrt zu patrouillieren.

Von einer generellen Elterninformation habe man eigentlich absehen wollen, so Wiget. «Doch der Schulratspräsident kam dann Mitte der nächsten Woche auf uns zu und sagte, dass im Dorf diverse Gerüchte herumgingen. Daher haben wir dann doch informiert.» Das nächste Mal spreche man dies aber sicher zuerst mit der Polizei ab. Denn Wiget weiss: «Das Thema kommt alle paar Jahre wieder auf.» Auch der Bubendörfer Schulleiter Ueli Nick rechtfertigt den Elternbrief als Vorsichtsmassnahme: «Es gab keine Zeugen, aber bei so einem heiklen Thema mussten wir reagieren.»

Merkblatt der Polizei veraltet

«Lieber einmal zu viel informieren als einmal zu wenig», sagt auch Andrea Kaufmann. Die Gemeindepräsidentin von Waldenburg arbeitet im Sekretariat der Primarschule Oberdorf. «Gerüchten freien Lauf zu lassen, wäre schädlicher», sagt sie, deren Jüngster auch noch die Primar besucht. Ausserdem ist Kaufmann überzeugt: «Heutzutage fragt doch kein Erwachsener einfach kleine Kinder nach dem Weg. Da ist Vorsicht angebracht.» Die Präventionsarbeit der Polizei sei da besonders wichtig. Kaufmann erinnert daran, dass der Kanton 2015 bei der Verkehrsprävention an den Schulen sparen wollte: «Zum Glück nützte damals der Widerstand.»

Just bei der Präventionsarbeit ist der Kantonspolizei übrigens ein Fehler unterlaufen: Bubendorf und Oberdorf fügten ihren Schreiben jeweils noch ein Merkblatt der Polizei zum richtigen Verhalten auf dem Schulweg bei. Darin steht unter anderem: «Die sexuelle Gewalt durch fremde Täter ist ein Albtraum für alle Eltern: Es gibt keinen totalen Schutz vor solchen Gefahren.» «DAS schürt doch Panik», sagt Kaufmann. Und tatsächlich: Polizeisprecher Wyss teilt mit, dass man das Merkblatt aus dem Jahre 2011 nun vom Internet genommen habe, «um einige kleine Anpassungen vorzunehmen».

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