Ausgewandert
Von Pratteln nach Bessarabien und zurück – das Leben als Fremde in der alten Heimat

Die Schweiz hatte eine Kolonie am Schwarzen Meer: Schabo. Stalin schickte die Siedler in ihre alte Heimat zurück, die sie noch nie gesehen hatten – so erging es auch den Stohlers aus Pratteln. Mit Elvira Wolf-Stohler ist die letze Zeitzeuginnen verstummt.

Benjamin Wieland
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Schweizer Kolonie Schabo
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Traubenernte: Die Siedler aus dem Waadtland brachten Chasselas mit.
«Ich bin die letzte Überlebende aus Schabo – und so knorrig, dass ich schon fast Geschichte bin» Elvira Wolf-Stohler, 1920–2018
Dieser Mann trägt die für Bessarabien typische Kopfbedeckung, die Karakulmütze.
Bessarabien, ein länglicher Landstrich entlang der heutigen Staatsgrenze zu Moldawien, ist fast so gross wie die Schweiz.
Die Siedler brachten es zu Reichtum, Schabo galt als Vorzeige-Kolonie.
Die Gründer von Schabo waren Waadtländer. Die Legende sagt, sie hätten beim Anblick der breiten Dnjestr-Mündung den Lac Léman vor dem geistigen Auge gehabt.
Ein Denkmal beim Schweizer Friedhof.
Das frühere Bahnhofs-Gebäude.
Der Firmensitz des Weinherstellers Shabo, Teil davon ist auch das Wine Cultural Center.
Das sowjetische Krieger-Denkmal.
In Schabo lebten um 1940 über 900 Menschen.
Der Zar war auf der Suche nach Handwerkern, Landwirten und Winzern. Sie sollten Bessarabien urbar machen – das taten sie auch.

Schweizer Kolonie Schabo

zvg Ernst Zeugin

Elvira Wolf sprach «Neu-Schwäbisch». Es war ihre Muttersprache. Auch nach über sechzig Jahren in Pratteln hatte ihr Schweizerdeutsch einen eigentümlichen, exotischen Klang. Sie brachte den Akzent nie ganz weg.

Der Dialekt von Elvira Wolf, geborene Stohler, ist so spannend wie ihre Biografie. «Neu-Schwäbisch» ist eine Mischung aus Schweizerdeutsch und Schwäbisch, durchsetzt mit französischen, russischen, rumänischen, ukrainischen und jiddischen Wörtern. Die Mundart ist ein Spiegelbild der Schweizer Auswanderung nach Russland – ein Kapitel helvetischer Migrationsgeschichte, das fast in Vergessenheit geraten ist. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts versuchten einige Pioniere ihr Glück im Osten, zogen mit ihren Familien an die Schwarzmeer-Küste, stampften ein Dorf aus dem Boden. Schabo.

Hans Martin Stohler packte 1804 seine Siebensachen

Einer dieser Mutigen war Hans Martin Stohler aus Pratteln, ein direkter Ur-Ahne von Elvira Wolf-Stohler. Er verliess seine Heimat im Jahr 1804, samt Frau und sieben Kindern. Im Gepäck: Eine Bibel und ein Gewehr.

Elvira Wolf-Stohler starb am 17. August 2018 im Alter von 98 Jahren im Altersheim Naegelin-Stiftung in Pratteln. Sie war die älteste und letzte Überlebende aus Schabo. Es gibt niemanden mehr von den Siedlern, der die einzige Schweizer Kolonie in Bessarabien mit eigenen Augen gesehen hat. Vom ehemaligen Schabo, heute Shabo, ist nur noch wenig vorhanden. Einige Häuser säumen die namenlosen Strassen. Am Ortseingang steht ein sowjetisches Kriegsmonument. Ein Gedenkstein erinnert an den Schweizer Friedhof.

Die Waadtländer sahen im Dnjestr den Lac Léman

Verbittert war Elvira Wolf-Stohler nicht. Sie erzählte viel und gerne aus jener Zeit. Der Autor Markus Ramseier hat ihre Lebensgeschichte niedergeschrieben. In «Schabo – Bessarabien retour»* wird sie zitiert: «Ich bin die letzte Überlebende aus Schabo – und so knorrig, dass ich schon fast Geschichte bin.»

Elvira Stohler erblickte am 20. Januar 1920 das Licht der Welt. Ihr Geburtsort war damals eine blühende Kleinstadt mit rund 900 Einwohnern im südlichen Bessarabien. An der Stelle, wo der Dnjestr breit und schwer ins Schwarze Meer mündet. Die nächste Grossstadt ist Odessa, ein Tagesmarsch entfernt. Das Gebiet gehörte damals zu Russland. Doch die Bewohner des Dorfs waren fast ausnahmslos Westeuropäer: Deutschschweizer und Romands, aber auch Schwaben, Sachsen, Rheinländer, Juden.

Chronik der Schabo-Siedlung

1812

Russland erobert Bessarabien vom Osmanischen Reich. Das Gebiet hat die Grösse der Schweiz.

ab 1814

Einwanderer sollen das neue Gouvernement Bessarabien urbar machen. Die russische Krone verspricht Kolonisten Land und Selbstverwaltung. Ab 1814 setzt die Einwanderung von deutschen ein. Die Volksgruppe der Bessarabiendeutschen erreicht Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Höchstzahl mit über 90 000 Menschen.

1822

Zar Alexander I. will auch Schweizer anwerben. Sein Lehrer Frédéric-César de la Harpe stammte
aus der Waadt. So sind es auch Waadtländer, die sich als erste an der Stelle des späteren Schabo an der Dnjestr-Mündung niederlassen – es heisst, der breite Flusslauf habe sie an den Lac Léman erinnert. Als Gründungstag von Schabo gilt der 10. November 1822.

Erster Weltkrieg

Nach dem Ersten Weltkrieg wird Schabo Rumänien zugeschlagen, der neue Name lautet Șaba-Târg.

Zweiter Weltkrieg

Nach mehreren Grenzverschiebungen und Invasionen wird Bessarabien 1944 sowjetisch. Die Bessarabiendeutschen fliehen vor der anrückenden Roten Armee. Neben den Stohlers aus Schabo verlassen auch andere Schweizer Familien das Gebiet, etwa die Jundts aus Bottmingen und die Singeisen aus Lausen. Nach dem Ende der Sowjetunion wird Schabo ukrainisch.

Nachkriegszeit

Die Schabner verteilen sich auf dem ganzen Globus. Die Nachkommen leben unter anderem in Südafrika und Australien. Rund 350 Schabner gelangen in die Schweiz. Die Stohlers kehren nach Pratteln zurück – nach rund 150 Jahren schliesst sich der Kreis.

Die Stadtgründer waren dem Lockruf von Zar Alexander I. erlegen. Er suchte Winzer, Landwirte, Handwerker, versprach ihnen Grundbesitz und Privilegien (siehe Chronologie). Die Einwanderer kamen nur zu gerne. In der Schweiz ging es vielen Menschen nicht gut. Markus Ramseier schreibt, Hans Martin Stohler habe Pratteln nach «bösen Hungerjahren» verlassen, ausgelöst vom «Zusammenbruch der alten Ordnung».

Die ersten Bewohner Schabos waren Waadtländer. Sie gründeten das Dorf 1822. Die Stohlers stiessen ein paar Jahre später hinzu – die Familie hatte sich zuerst an einem anderen Ort niedergelassen. In Schabo bauten die Schweizer und die anderen Siedler Reben an und bepflanzten die fruchtbare Erde. Bald trug die harte Arbeit Früchte: Schabo wurde zu einer der wohlhabendsten Kolonien in Bessarabien. Elvira Wolf-Stohler berichtete von vier Kegelbahnen, einem Ortsmuseum und einer reich ausgestatteten Bibliothek. «Mit der Zeit haben wir halt ziemlich geschwäbelt», wird sie zitiert. «Schuld waren die Mischehen. Sie haben uns gleichzeitig vor drohender Inzucht geschützt.» Schweizer waren die Ausnahme in Bessarabien, nicht aber Deutschsprachige. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts fanden sich über 100 Siedlungen, in denen man Deutsch oder deutsche Dialekte sprach.

Für die Kolonien war 1871 ein einschneidendes Jahr. In diesem Jahr endeten die Privilegien. Die Männer mussten fortan ins Militär. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Schabo rumänisch, hiess neu Șaba-Târg. Während des Zweiten Weltkriegs stiess die Rote Armee vor. Die Bewohner flüchteten vor den Truppen, einige per Schiff übers Schwarze Meer, andere in Richtung Westen.

Für die deutschen Kolonisten hiess es: «Heim ins Reich!» Ein Strom von 90 000 Umsiedlern setzte sich in Bewegung – mit nur einem Ziel: irgendwie nach Westen gelangen, den «Klauen des Bolschewismus» entfliehen, wie Elvira Wolf-Stohler die damalige Stimmung umschrieb. Ihre Familie schlug sich ins Sudetenland durch, später nach Österreich. Als die Russen auch dort einmarschierten, ging es weiter, «bei minus zwanzig Grad und inmitten von fliehenden deutschen Soldaten», erinnerte sich Elvira Wolf-Stohler. Sie war damals Mitte 20. Manchmal haben die Stohlers die Schweizer Fahne gerettet: «Die Soldaten dachten, sie stehe für das Rote Kreuz.»

1944 heiratete Elvira Stohler in Posen Albert Wolf. Sie hatte ihn bereits von Bessarabien her gekannt. Die Stohlers kamen nach Belgien. Nach Kriegsende gelang es ihnen per Zufall, einen Zug in die Ur-Heimat zu besteigen. Er brachte belgische Kinder in die Schweiz, zur Erholung.
Nun war Elvira Wolf-Stohler auf dem Weg in das Land, über das sie alles wusste, in dem sie aber noch nie gewesen war. Als die Waggons die Grenze passierten, stimmten die Familienmitglieder ein Lied an, auf Deutsch, wie sie es nie anders getan hatten. «Langsam rollte der Zug endlich in den Basler Bahnhof ein. Wir rissen alle Fenster nach unten und sangen aus voller Brust. Aber kein Mensch stand da zum Empfang. Einzig ein paar Rotkreuzschwestern erwarteten die belgischen Kinder.» Ein Gepäckträger habe ausgerufen: «Gopferdelli, was wän die chaibe Schwobe do!»

Prattler sind irritiert ob den seltsam sprechenden Fremden

In Pratteln versuchten die Stohlers, wieder Fuss zu fassen. Als Fremde in der alten Heimat. In der Gemeinde, in der das Geschlecht Stohler erstmals 1533 schriftlich belegt ist. Doch die Einheimischen hatten keine Freude an den «Russen», wie sie genannt wurden. «Unser Schabner Dialekt irritierte. Wir kannten niemanden und wurden von grossen Teilen der Bevölkerung als Fremdkörper empfunden.»

Es habe aber auch herzenswarme Menschen gegeben, erinnerte sich Elvira Wolf-Stohler. Etwa den Lehrer Ernst Zeugin. (Aus seinem Fundus stammen die historischen Fotos.) Er habe dafür gesorgt, dass die Stohlers in eine winzige Wohnung einziehen konnten. Erst habe sich die Vermieterin dagegen gewehrt, erzählte Elvira Wolf-Stohler in einem Interview. «Nein nein», habe die Frau gesagt. «Die Russen, die stehlen, die lügen, von denen kommt mir keiner ins Haus.» Dank Zeugin habe es dann doch geklappt.

Die Integration in das Land der Vorfahren verlief für die Schabner nicht einfach. Manche, die in der alten Heimat mit Weinbau reich geworden waren, schlugen sich jetzt als Handlanger durch. Elvira Wolf-Stohler, gelernte Buchhalterin, erteilte über viele Jahre Russischunterricht und trug so zum Familieneinkommen bei. Ihre grosse Leidenschaft waren Gedichte – in Dialekt, Schabner-Deutsch oder Hochdeutsch. Der «Prattler Anzeiger» druckte Hunderte davon ab. In der Redaktion war sie ein gern gesehener Gast. Es erschienen zwei Gedichtbände.

1946 bekam das Paar die erste Tochter, Heidi, 1953 folgte Verena. Elvira Wolf-Stohlers Ehemann Albert starb bereits 1979. Sie schrieb 2014: «Bis auf mich liegen alle, die damals die Rückkehr nach Pratteln geschafft haben, auf dem Friedhof. Die meisten konnten ihre Augen in Frieden schliessen.»

*Markus Ramseier: «Schabo – Bessarabien retour. Erinnerungen einer Auslandschweizerin», in: Jahrbuch der Deutschen aus Bessarabien. Heimatkalender 2014, 65. Jahrgang,

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