Passion
Warum ein Wirt aus Liestal in Indien Alphorn spielt

Das Alphorn ist für den Liestaler Café-Besitzer Felix Mühleisen nicht nur Passion und Werbemittel, sondern nun auch Türöffner nach Indien.

Andreas Hirsbrunner
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Jetzt wieder im heimischen Café, aber in dieser Montur ist Felix Mühleisen in Indien aufgetreten: mit Banntagshut und in blauer Sennenkutte.

Jetzt wieder im heimischen Café, aber in dieser Montur ist Felix Mühleisen in Indien aufgetreten: mit Banntagshut und in blauer Sennenkutte.

Felix Mühleisen (70) ist noch ganz beseelt von seinem Indien-Auftritt: Zusammen mit Katharina Bircher, Ruedi Freivogel und Beatrice Imhof von den Baselbieter Alphornvagabunden spielte er vor wenigen Tagen am Weltkulturfestival in Neu Delhi vor einem Millionen-Publikum. Ihre vierminütige Alphorneinlage war der einzige Schweizer Beitrag am gigantischen internationalen Fest zum 35. Geburtstag der Organisation «Art of Living» des indischen Gurus Sri Sri Ravi Shankar. Dass die Alphornvagabunden ans Festival eingeladen wurden, verdanken sie dem Schweizer Vertreter von «Art of Living», einem Musik- und Yogalehrer.

Dabei gehörten die vier Baselbieter wohl zu den teuersten Gästen: Sie brauchten je zwei Plätze im Flugzeug – einen für sich und einen fürs Alphorn. Was aber nicht problemlos war. Mühleisen erzählt: «Beim Einchecken für den Rückflug wollten die Inder Reisepässe für die Alphörner sehen, weil diese einen eigenen Sitz hatten.» Bei der Sicherheitskontrolle spielte Mühleisen zur Auflockerung dann ein Ständchen, was die Sicherheitsleute auf den Plan rief und ihm ein Alphorn-Spielverbot im Flugzeug eintrug.

«Wahnsinnig eindrücklich»

Vom Festival aber war Mühleisen trotz Chaos, Regenfronten mit Stürmen und Sicherheitsbedenken begeistert: «Das war wahnsinnig eindrücklich – Menschen, so weit das Auge reichte, und eine super Stimmung.» Am Schluss des dreitägigen Festivals, an dem 35 000 Künstler aus der ganzen Welt auftraten, hätten alle nationenübergreifend getanzt, was ein wohltuender Kontrast zum derzeitigen Terror gewesen sei. Den Auftritt der Alphornvagabunden schildert Mühleisen als Erfolg, auch wenn offenbar nicht ganz alles optimal gelaufen ist: «Auf der Bühne standen zur Dekoration noch ein paar Inder-Schweizer, die unsere Ersatzhörner hielten. Doch zwischendurch haben sie einfach drein gespielt.»

Mühleisen wäre nicht Mühleisen, wenn er bei seinem Auftritt im fernen Indien nicht auch einen Bezug zu seinem geliebten Liestal hergestellt hätte: Er trat mit einem Banntagshut mit – künstlichem – Fliederschmuck und in einer blauen Sennenkutte auf. Umgekehrt hat Felix Mühleisen in seinem variantenreichen Einsatz für Liestal und hier insbesondere für einen verkehrsfreien Törliplatz vor seinem Café auch schon indische Yoga-Elemente eingesetzt: Er posierte einmal im Kopfstand mit der Botschaft, man müsse Liestal auf den Kopf stellen, will heissen: beleben.

Als der Vater Sturm lief

Sein Credo lautet denn auch bis heute: «Jeder, der Leute in seinen Betrieb bringt, nützt nicht nur sich selbst, sondern Liestal als Ganzem.» Und das verfolgt Mühleisen mit Ausdauer: Als der gelernte Bäcker, Konditor und Koch vor bald 46 Jahren das elterliche Café übernahm und abends in eine rauchgeschwängerte Disco verwandelte, lief der Vater zwar Sturm dagegen; später besorgte er sich ein Toupet, damit er inmitten der jungen Discobesucher nicht abfiel. Sein «Laden» aber sei jeden Abend inklusive sonntags bumsvoll gewesen, nicht zuletzt wegen des schlechten Rufs und elterlichen Verboten, die die Jungen erst recht zu ihm geführt hätten, erzählt Mühleisen mit seinem typischen, schelmischen Lächeln.

Dann vor 30 Jahren der abrupte Bruch: Mühleisen wollte seine Gesundheit nicht weiter in der «Raucherhöhle» aufs Spiel setzen und verwandelte seinen Betrieb als damaliger Pionier zum rauchfreien Café: «Dieser Wechsel von einem Extrem ins andere hat viel böses Blut verursacht. Zahlreiche Gäste schauten das als eigentlichen Rausschmiss an.» Doch das entstandene Vakuum füllte sich schnell mit neuen Gästen, die das rauchfreie Café an bester Passantenlage mit der reichen Auswahl an frisch zubereiteten Mittagessen schätzten. Nur an schönen Sommertagen herrschte Baisse, die Gäste zogen andere Lokale mit Aussenbereichen vor. Ganz gemäss seinem Naturell schaute Mühleisen aber diesem Aderlass nicht einfach zu: Immer wieder stellte er vor seinem Café polarisierende Plakate mit teils originellen, teils angriffigen Texten auf mit der Forderung nach einem verkehrsfreien Törliplatz. Die Erlösung kam vor einem halben Dutzend Jahren, was Mühleisen als Höhepunkt seiner Wirtetätigkeit bezeichnet: Liestal führte eine grossräumige Begegnungszone ein, die den Verkehr um sein Café reduzierte und ihm erlaubte, draussen zu stuhlen. «Seither läuft unser Betrieb wirklich gut.»

Etwas vom Erstaunlichsten: Mühleisens plakative Nadelstiche hinterliessen bei den Behörden keine Wunden, sondern erhalten sogar nachträgliches Lob. So sagt Stadtpräsident Lukas Ott: «Jahrelang führte Felix Mühleisen einen bewundernswerten, von unübersehbaren Plakaten unterstützten Kampf gegen Abgase und Lärm und für mehr Platz vor seinem Café. Damit war er ein wichtiger, manchmal auch unbequemer Vorkämpfer für eine Aufwertung der Aussenräume in Liestal.» Die Stadtpolitik habe das aufgenommen und weitergeführt. Und Ott fügt an: «Er hat viel gemacht für unsere Stadt, für das wir dankbar sein dürfen. Wenn Stadtoriginale Menschen sind, die durch ihre besondere, positive Art auffallen, dann gehört Felix Mühleisen zweifellos zu dieser Kategorie.»

Törliplatz: Er hats erfunden

Den verkehrsfreien Törliplatz – Törliplatz ist eine Mühleisensche Worterfindung – gibt es indes bis heute nicht, aber Mühleisen hat diese wie auch weitere Visionen nicht begraben. Dazu gehören eine Grossleinwand auf dem gegenüberliegenden Kiosk für Public Viewing und ein jährliches, von der Regierung organisiertes Volksfest auf dem Törliplatz. Zu Letzterem sagt Mühleisen: «Die Regierung soll nicht nur Steuern einkassieren, sondern auch etwas für den Zusammenhalt tun.»

Aber er, der sich auf Velo-, Bergtouren und im Wasser fit hält, will sich auch selbst nochmals zusätzlich in die Riemen legen: «Ich will in nächster Zeit ein Showkochen im Aussenbereich mit Take-away-Service einführen.» Und er will eine zehnjährige Tradition weiterführen, die ihn jetzt auch nach Indien gebracht hat: Er spielt fast täglich vor dem Café auf dem Alphorn. Dies mittlerweile sogar legal, denn nach Reklamationen suchte er bei der Stadt mit Erfolg um eine Strassenmusikanten-Bewilligung nach.