Anlaufstelle
Wie diese Baselbieterin gegen moderne Sklaverei in Bolivien kämpft

Maria Magdalena Moser kämpft in Bolivien mit zwei Anlaufstellen für die Wertschätzung von Dienstmädchen.

Mirjam Bollinger
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Bolivianischer Besuch in Liestal: Standortleiterin Elisabeth Montero (links). (Archivbild)

Bolivianischer Besuch in Liestal: Standortleiterin Elisabeth Montero (links). (Archivbild)

Nicole Nars-Zimmer

«In ländlichen Gebieten Boliviens konnte man bis vor wenigen Jahren Dienstmädchen holen, wie man hier Kätzchen vom Bauernhof mitnimmt», erzählt Maria Magdalena Moser. Die Reigoldswilerin macht sich seit 25 Jahren für die verbesserte Lage von Hausangestellten in Bolivien stark.

2008 wurde die erste Anlaufstelle in Sucre gegründet; seit 2017 ist ein zweites Zentrum in Santa Cruz de la Sierra im Aufbau. Die beiden Projekte mit den Namen «Sinp’arispa» (Quechua) und «Ñañope» (Guaraní) für «flechtend» sind ein Zusammenspiel von Notschlafstelle, Bildungs- und Gesundheitsförderung, Freizeitzentrum und Präventionsprogramm.

Baselbieter Trägerverein

Die Projekttätigkeiten werden von einem 2006 gegründeten Trägerverein finanziert, der seinen Sitz in Birsfelden hat. Vorstandsmitglieder sind unter anderem die beiden ehemaligen Landrätinnen Elisabeth Augstburger und Regula Meschberger. Die finanziellen Mittel stammen mehrheitlich aus Beiträgen von Kirchgemeinden und privaten Spenden. In Sucre leitet die Juristin Elisabeth Montero, die selbst Dienstmädchen war, die Anlaufstelle (siehe Foto). Maria Moser besucht das Projekt jährlich, letztmals im Juli 2019. Im Frühjahr 2018 wurde der Reigoldswilerin die Ehrenbürgerwürde von Sucre verliehen.

Prävention gegen die Schattenseiten der Moderne

Die Verantwortung für die desolate Lage von Dienstmädchen macht Moser unter anderem an Armut und fehlender Bildung fest, die oft in Landflucht resultieren. Der «Sprung in die Moderne» und die damit verknüpfte Urbanisierung bedeuten für viele Bolivianer Entwurzelung. «Wir Menschen brauchen die Sicherheit unserer Wurzeln, um ein kulturelles Selbstbewusstsein zu entwickeln», ist sich die Projektgründerin sicher.

Mosers Ausführungen über die Projektarbeit lassen die Risiken greifbar werden. Es sind bekannte Geschichten von Mädchen, denen über soziale Medien gut bezahlte Arbeit versprochen wird und die schliesslich als Sklavinnen enden. An dieser Stelle sei Prävention der richtige Ansatz: In ländlichen Internaten organisiert die Anlaufstelle regelmässig Workshops, in denen die Mädchen über Menschenhandel, Prostitution und Internetgebrauch aufgeklärt werden.

Gesellschaftlicher Nachholbedarf trotz Erfolgs

Die Gesetzeslage an sich zeichnet ein erfreuliches Bild: Seit 2003 existiert ein Gesetz zum Schutz von Hausangestellten. Dieses schreibt unter anderem Anrecht auf Freizeit, ein Maximum von zehn stunden pro Tag und einen Mindestlohn vor. Dabei sei die gesetzliche Umsetzung das Problem, weshalb Moser für die gesellschaftliche Verankerung von Gesetzen plädiert: «Wir möchten das Ansehen des Berufs in der Gesellschaft heben.» In Sucre sei jenes in den letzten zehn Jahren tatsächlich gestiegen, laut einer amtlichen Statistik. «Damit steigen auch Zufriedenheit und Lohn, wie das Beispiel in Sucre zeigt», weiss die Projektgründerin.

Für diesen Etappenerfolg ist das Projekt gewiss mitverantwortlich. Moser erzählt mit Begeisterung von Frauen, für die das Projekt zu einer biografischen Kehrtwende wurde: «Weil sie zu ihrem Selbstbewusstsein gefunden haben, setzen sie sich nun für andere Dienstmädchen ein.» Mosers erfolgreiches Engagement wurde letzten November gewürdigt: An einer Nebenveranstaltung des UN-Menschenrechtsrats durfte die Projektgründerin über Kinder- und Jugendarbeit in Bolivien referieren.

Zwischen Rechtsrutsch und Feminismus

In den politischen Wirren rund um die Wiederwahl und den Rücktritt von Staatspräsident Evo Morales musste das Projekt sein Tagesgeschäft vorübergehend einstellen. Die Angst vor einem Bürgerkrieg wandelte sich in Angst vor einem Rechtsrutsch: «Ein bolivianischer Bolsonaro wäre aus Sicht der Dienstmädchen denkbar schlecht; gefürchtet werden muss vor allem ein Gesetzesabbau.» Neue Hoffnung liegt in aufstrebenden feministischen Bewegungen wie «Mujeres Creando», die das Selbstbewusstsein der Bolivianerinnen stärken. Denn, da ist Moser pessimistisch: «Die Nachfrage an Dienstmädchen wird steigen. In Ländern, die eine soziale Schere vorweisen, werden sich Reiche immer von Armen bedienen lassen.»

Weitere Infos unter www.dienstmaedchen-bolivien.org

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