Coronavirus

Belastende Zeiten im Krisenstab : «Es war für alle Beteiligten stressig»

Jürg Sommer

Jürg Sommer

Jürg Sommer, Leiter des kantonalen Amts für Gesundheit, erlebte im Krisenstab belastende Zeiten. Er rechnet mit einer zweiten Coronawelle.

Mitte Februar wurde der Baselbieter Krisenstab wegen des Coronavirus aktiviert, Ende Mai wird er nun wieder deaktiviert. Eines seiner Mitglieder war ab März Jürg Sommer als Leiter des Fachdiensts Gesundheit. Der 59-jährige Biochemiker – im zivilen Leben Leiter des kantonalen Amts für Gesundheit – schaut zurück auf bewegte Wochen und vorwärts auf weiterhin Coronageprägte Zeiten.

Herr Sommer, wie haben Sie die Zeit im Krisenstab erlebt?
Jürg Sommer: Sie war sehr beanspruchend, sowohl zeitlich sowie zwischendurch auch mental. Belastend war vor allem die Zeit, als wir die Resultate aus Norditalien, dem Tessin und dem Elsass sahen und nie wussten, ob es bei uns auch so schlimm wird. In dieser Phase entschieden wir uns auch für das Konzept mit den zwei Abklärungsstationen, den mobilen Testequipen sowie dem Referenzspital Bruderholz, um Grundversorger wie Hausärzte und Spital-Notfallstationen möglichst coronafrei zu halten. Die Zeit rund um den Entscheid und um das alles heraufzufahren, war für alle Beteiligten stressig.

Was war für Sie persönlich der schwierigste Moment?
Das war an jenem frühen Morgen, als ich die Meldung aus Mulhouse erhielt, dass Erkrankte triagiert werden mussten und die Armee Leute ausflog. Das war emotional eindrücklich, weil die Bedrohung so nahe war.

Noch nie war der Baselbieter Krisenstab derart lang im Einsatz. Hat sich dabei die fast schon militärische Struktur mit sehr viel Macht für den Krisenstab bewährt?
Die Antwort fällt wahrscheinlich unterschiedlich aus, je nachdem, wen Sie fragen. Für mich muss ich vorausschicken, dass ich im Militär nicht hoch chargiert war. Aber die Art der Führung mit klaren Anweisungen und Struktur hat sich aus meiner Sicht bewährt, wenn ich mich zuerst auch daran gewöhnen musste, wie ich gerne zugebe.


Welche Lehren ziehen Sie für sich selber? Würden Sie aus heutiger Sicht etwas anders machen?
Wir haben nicht alle Strukturen so gebraucht, wie wir sie aufgebaut hatten. So sind wir zum Beispiel bei den Abklärungsstationen von mehr Patienten ausgegangen. Ich kann jetzt aber nicht sagen, ich würde etwas anders machen. Denn damals wussten wir nicht, wie es herauskommen würde. 

Deshalb würde ich in den jeweiligen Situationen wieder gleich handeln, wie ich es gemacht habe. Allenfalls verzichten könnte man aus heutiger Sicht auf die Möglichkeit, bei den Abklärungsstationen Patienten auch stationär aufzunehmen. Das war nicht nötig, weil man sie nicht zuletzt dank der Unterstützung der Armee schnell ins Spital transportieren konnte. Sehr gut bewährt hat sich übrigens, dass wir schnell mit der Ärztegesellschaft in Kontakt getreten sind. Von ihr kamen wichtige Inputs, so etwa, dass wir Notfallstationen und Hausarztpraxen möglichst Covid-frei halten sollen. Das Resultat waren dann eben die Abklärungsstationen und das Referenzspital.


Die Notlage endet. Wie sieht für Sie der Übergang in den Alltag aus?
(lacht) Ja, die Notlage endet, aber die Arbeit nicht. Viele Strukturen, die man im Krisenstab geschaffen hat, sollen nun in die ordentliche Verwaltung übergehen. Da sind die Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion und mein Amt besonders betroffen. Deshalb nimmt nun die Arbeit eher zu. Dafür fällt der emotionale Druck mit den Bildern von intubierten Patienten weg.


Rechnen Sie mit einer zweiten Coronawelle?
Ich persönlich ja. Ich weiss aber nicht, wann sie kommt – vielleicht erst im Herbst. Und vor allem weiss ich nicht, wie gross sie wird. Ich hoffe aber sehr, dass sie schwächer ausfallen wird als die erste, weil die Leute Verhaltensregeln wie Distanz halten und Hände waschen mittlerweile verinnerlicht haben.

Würde im Falle einer zweiten Welle wieder das Bruderholzspital als Covid-
Zentrum im Vordergrund stehen, allenfalls in Zusammenarbeit mit Basel-Stadt?
Im Moment sind wir am Ausarbeiten von Konzepten, welche die jetzigen schärfen. Diese werden wir der Regierung Anfang Juni vorlegen. Dabei ist vorgesehen, dass wir das Referenzspital Bruderholz beibehalten, allerdings nicht als ausschliessliches Covid-Spital. Die Zusammenarbeit mit Basel
hat sich verbessert im Sinne
von «gemeinsam parallel». Für kommende Epidemien wollen wir gemeinsame Systeme aufbauen, aber da stehen wir noch ganz am Anfang.

Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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