Sammlung
Ein «Cinema Paradiso» auf dem Lande

Mit einem Videomobil tourt das Kunsthaus Baselland derzeit durch das Baselbiet und zeigt Ausschnitte aus der Sammlung. Die spontan organisierte Ausstellung sei ein Experiment, sagt Kunsthaus-Direktorin Ines Goldbach.

Christoph Dieffenbacher
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Die Aufführungen finden sowohl draussen als auch drinnen statt.

Die Aufführungen finden sowohl draussen als auch drinnen statt.

Foto: Kunsthaus Baselland

Es war schon den ganzen Tag über kühl und nass, und pünktlich um 20 Uhr setzt wieder Regen ein. Damit hat Grellingens Gemeindepräsident Alex Hein gerechnet und die Vorführung rechtzeitig ins ­Trockene verlegt. Statt auf dem Platz draussen findet der kulturelle Abend in der ehemaligen Turnhalle statt, im Jugend­stilbau des früheren Schul­hauses von 1908. «Das war die erste Turnhalle im ganzen Laufental», sagt Hein stolz. Die Plakate des Videoabends hat er selbst gestaltet, ausgedruckt und eigenhändig im Dorf aufgehängt.

Vor dem Gebäude steht das dunkelblaue Videomobil des Kunsthauses Basel­land, ausgerüstet mit modernster Technik für die Projektion: Laptop, Beamer und Lautsprecher, Leinwand, vielen Steckern und Kabelrollen. Der Bevölkerung eine Auswahl der Videosammlung des Kantons vorzustellen – diese Idee entstand erst vor wenigen Wochen im Kopf von Ines Goldbach. Für die Kunsthaus-Direktorin ist die spontan organisierte «mobile Ausstellung» ein Experiment. Erinnern will sie damit auch an die durchs Land fahrenden Kinematografen aus jener Zeit, als die Bilder laufen lernten.

Grellingens alte Turnhalle als Kino

Grellingen ist die erste Station der Tour, früher ein wichtiger Industrieort an der Birs, heute leben gut 1800 Einwohnerinnen und Einwohner hier. Allzu viele kulturelle Veranstaltungen gibt es nicht, zumindest jetzt im Mai. Auf der nassen Hauptstrasse des langgestreckten ­Dorfes hat es wenig Verkehr. Drinnen, im kurzfristig zum Videokino umfunktionierten Raum, hängen Glasschränke mit den Trophäen der Dorfvereine. Diese nutzen die alte Turnhalle hauptsächlich – neben einer Kinder-Spielgruppe und die Damen­gymnastik. Auch die Guggenmusik probe hier, sagt der Gemeindepräsident.

Wie werden die Videos aus der Sammlung ankommen? Wollen sich die Leute in Zeiten der Bilderflut in vielen Medien überhaupt noch auf bewegte Bilder einlassen? Goldbach ist zunächst etwas unruhig. Wichtig sei für sie, sagt sie zur Einleitung, ausgesuchte ­Trouvaillen aus der Sammlung zu z­eigen und diese bekannt zu machen: «Schliesslich gehört die Videosammlung allen Menschen im Kanton.» Ausgewählt und zusammengestellt hat sie ein abwechslungsreiches Programm mit künstlerischen, amüsanten wie auch nachdenklich stimmenden Arbeiten – eine Mischung aus meist kürzeren Werken mit formalen, aber auch dokumentarischen Ansprüchen.

Das Publikum, darunter auch der aus Liestal angereiste amtierende Landratspräsident Heinz Lerf, ist während der einstündigen Vorführung hoch konzentriert. Zwar scheinen die Arbeiten aus den Anfangszeiten des Videos als eigener Kunstform noch immer nicht leicht zugänglich. Aber ab und zu gibt es ­Lacher, manchmal eine Bemerkung: «Damals hatte man noch keine Mobiltelefone», kommentiert ein Besucher das Video «Zeit-Fragen» (1987) von Reinhard Manz. Darin wurden Menschen auf dem Basler Aeschenplatz befragt, ob sie Zeit hätten. Die meisten antworteten mit Nein.

Politprominenz in Buus

Die mobile Leinwand war auch in Buus zu erleben.

Die mobile Leinwand war auch in Buus zu erleben.

Foto: Kunsthaus Baselland

Zweiter Halt des Videomobils am nächsten Tag ist Buus, wo sich das Wetter freundlicher zeigt: trocken und zeitweise sonnig. Das Programm kann jetzt wie geplant im Freien vor der Mehrzweckhalle stattfinden. Gegen die aufkommende Kälte liegt ein Stapel ­dunkelgrauer Wolldecken bereit. Die Gemeinde im Bezirk Sissach, ein klassisches Bauerndorf mit knapp 1100 Einwohnerinnen und Einwohnern sowie Obst- und Weinbau, ist in den letzten Jahren ziemlich gewachsen, viele Familien sind zugezogen. Kultur-­Thema Nummer eins ist hier das vom Zerfall bedrohte historische Ständerhaus aus dem 16. Jahrhundert, einem der letzten Bauernhäuser seiner Art: Das Gebäude müsste aufwendig renoviert werden, bevor es als Bauern­museum genutzt werden kann.

Während die Leute darauf warten, bis es für die Projektion draussen ­dunkel genug wird, stehen sie noch etwas zum Gespräch zusammen. Die meisten Anwesenden duzen einander, auch wer sich vorher nicht kannte. Zum Videoabend ist auch der hier wohnende ­Regierungsrat Thomas Weber erschienen – trotz Krücken – sowie die Gemeinde­präsidentin Nadine Jermann mit Ehemann. Sie sagt, sie freue sich, dass mit der Videovorführung «wieder einmal etwas Neues» ins Dorf komme.

Die Anziehungskraft der ­bewegten Bilder

Wieder führt Kunsthaus-Direktorin Goldbach durchs Programm. Den Namen der international bekannten Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist kennt man im Publikum, weniger geläufig ist, dass es in Basel früh eine Fachklasse für Film und Video gab. Das war am Vorabend in Grellingen ähnlich. Und auch hier stossen die Videos auf volle Aufmerksamkeit – bewegte Bilder scheinen noch immer ihre besondere Anziehungskraft zu haben. Jugend­liche, die vom Sport aus der Turnhalle kommen, setzen sich dazu, andere spielen daneben Fussball. Ab und zu, wenn der Ton etwas lauter wird, schauen sie zur Leinwand hinüber. Langsam wird es kühler und dunkler.

Ausgewählt habe sie die Standorte ihrer Videotour nach der Landkarte, sagt Goldbach. Dabei habe sie auf möglichst unterschiedliche Gemeinden «an den Rändern» des Kantons geachtet, auf jene, die manchmal vergessen gehen würden – wie das Kunsthaus Baselland an seinem jetzigen Ort im Muttenzer Gewerbegebiet beim St.-Jakob-Park. Wenig bekannt sei, dass viele Künstlerinnen und Künstler, auch international bekannte, heute im Baselbiet leben und arbeiten.

Eine Banlieue-Tanzgruppe auf der Opernbühne

Zeitgenössische Kunst macht ja bekanntlich vor Grenzen aller Art nicht Halt. Und manchmal heben sich die vermeintlichen Gegensätze ganz auf: Im Kurzvideo von Clément Cogitore («Les Indes Galantes», 2017) zum Abschluss des Abends bewegt sich eine Gruppe von Strassentänzern aus der Pariser Banlieue auf der Opernbühne zur Musik von Jean Philippe Rameau. Ihr einfacher, aber ausdrucksstarker «Krump Dance» ist in den Ghettos von Los Angeles entstanden. So kommen hier Rituale von Aggression und Gewalt spielerisch mit Barockklängen zusammen – fast wie von selbst verbinden sich die unterschiedlichsten kulturellen Welten.


Eine Sammlung mit 280 Videos

Das Kunsthaus Baselland zeigt eine Auswahl an Videoarbeiten, die zur Hauptsache aus «dotMov.bl – Sammlung Neue Medien Baselland» stammen. Vorgeführt werden unter anderem Werke von Erich Busslinger, Clément Cogitore, Lena Eriksson, Dirk Koy, Reinhard Manz, Pipilotti Rist, ­Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger und Andrea Wolfensberger. Seit über 20 Jahren kauft der Kanton Videoarbeiten an und engagiert sich damit für deren Sicherung und Vermittlung. Mit derzeit über 280 Titeln umfasst die Sammlung wichtige Positionen und Werkgruppen von der Pionier­zeit der Videokunst Ende der 1970er-Jahre bis heute; zudem enthält sie Dokumentationen und Spielfilme. Visioniert werden können die Videos in der Kunsthalle Palazzo, der Kantons­bibliothek Liestal und im Kunsthaus Baselland in Muttenz, in Ausschnitten teils auch online (www.dotmov.ch).

Das Videomobil des Kunsthaus Baselland macht bei gutem Wetter jeweils ab 20.30 Uhr Halt:
Montag, 17. Mai, Röschenz (Dorfplatz),
Dienstag, 18. Mai, Waldenburg (Torplatz beim Adelberg),
Mittwoch, 19. Mai, Oltingen (Ochsenplatz),
Donnerstag, 20. Mai, Hölstein (Pausenplatz Schulhaus Rübmatt). www.kunsthausbaselland.ch

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