Der Tag danach
FCB-Demonstration wird zum Politikum: Darum hat die Polizei nicht eingegriffen

Rund 1'000 FCB-Fans zogen am Montagabend durch die Stadt – mitten in der Pandemie. Die Basler Polizei liess sie gewähren.

Silvana Schreier
Drucken
Teilen
Die Freistellung von Valentin Stocker brachte das Fass zum Überlaufen: Am Montagabend zogen die FCB-Fans durch Basel.

Die Freistellung von Valentin Stocker brachte das Fass zum Überlaufen: Am Montagabend zogen die FCB-Fans durch Basel.

Bild: Juri Junkov

Nachdem bekannt wurde, dass Valentin Stocker, der bisherige Captain des FC Basels und Fan-Liebling, freigestellt wurde, verbreiteten Fans des Fussballclubs einen Aufruf, sich am Montagabend auf dem Barfüsserplatz zu versammeln. Man wolle ein Zeichen setzen.

Rund 1'000 Menschen folgten dem Aufruf. Nach dem Treffen auf dem Barfüsserplatz zog die Menge durch die Innenstadt, über die Mittlere Brücke bis zur Messe. Es wurden Plakate gezeigt, Fahnen gehisst und Gesänge angestimmt.

Polizei erteilte eine «Spontanbewilligung»

Laut der Kantonspolizei Basel-Stadt blieb die Masse friedlich. «Während des Umzugs vom Barfüsserplatz zum Messeplatz ist es entlang der Route zu Behinderungen des öffentlichen Verkehrs gekommen. Sachbeschädigungen sind keine bekannt», schreibt Polizeisprecher Toprak Yerguz auf Anfrage.

Die Demonstration sei zwar nicht bewilligt gewesen, doch: «Bei Spontankundgebungen aufgrund aktueller Ereignisse kann die Kantonspolizei eine Spontanbewilligung erteilen», so Yerguz weiter. Deshalb habe man die FCB-Fans gewähren lassen. Weiter zähle die Kundgebung zur politischen Sorte. Diese Art der Versammlung ist auch als Ausnahme in der aktuell geltenden Coronaverordnung des Bundes abgedeckt.

Kurden-Demo verlor Bewilligung

Brisant: Vor etwas mehr als einer Woche wurde einer Demonstration von kurdischen Aktivistinnen und Aktivisten die Bewilligung entzogen. Als Gründe nannte das Justiz- und Sicherheitsdepartement die aktuellen Entwicklungen, die Absage der Fasnacht sowie die Tatsache, dass bereits mehrere Kurden-Demos stattgefunden haben.

Die Aktivisten begaben sich am 22. Februar dennoch auf die Strasse. Beim De-Wette-Park wurde die Demonstration von der Polizei mit Gummischrot aufgelöst.

Zehn Kundgebungen für Kurden oder Klima – nur eine für FCB

Joël Thüring sitzt für die Basler SVP im Grossen Rat.

Joël Thüring sitzt für die Basler SVP im Grossen Rat.

Kenneth Nars

SVP-Grossrat Joël Thüring findet «das Verhalten der Polizei seit Pandemiebeginn etwas konzeptlos». Mehrmals kam es in Basel zu Demonstrationen, mal griff die Polizei vehement ein, mal liess sie die Teilnehmenden gewähren. Im aktuellen Fall fragt sich Thüring, ob die Polizei überhaupt genügend Zeit für das Aufgebot der Einsatzkräfte gehabt hatte.

Die FCB-Demo tanzt für den SVP-Politiker aber nicht aus der Reihe. «Ob sie aufgrund der Pandemie in Ordnung war, kann man genauso bei den Ansammlungen während der Fasnacht oder fast täglich am Rheinbord fragen», so Thüring. Ausserdem sei im vergangenen Jahr «mindestens zehn Mal für Kurdistan, für das Klima oder für ‹Basel nazifrei›» demonstriert worden. Eine FCB-Kundgebung habe es nun zum ersten Mal gegeben. Thüring:

«Ich verstehe den Wut und Ärger der Fans, auch wenn solche Demos in Pandemiezeiten heikel sind. Für die Zukunft erwarte ich hier ein klares Konzept von der neuen Vorsteherin des Justiz- und Sicherheitsdepartements.»

Bei Demo ging es um «Vereinspolitik»

SP-Grossrat Beda Baumgartner ist auch FCB-Fan.

SP-Grossrat Beda Baumgartner ist auch FCB-Fan.

Juri Junkov

In diesem sind sich Thüring und der SP-Grossrat Beda Baumgartner einig. Auch er ist FCB-Fan. «Generell ist das Demonstrieren auch während einer Pandemie ein Grundrecht. Dieses gewichte ich sehr hoch, solange die Schutzmassnahmen eingehalten werden», sagt der Vizepräsident der Basler Sozialdemokraten. Darum sei es auch gerechtfertigt, wenn Fans eines Fussballvereins auf die Strasse gingen.

Baumgartner hält den Protestzug denn auch für politisch: «Im weitesten Sinn geht es um Vereinspolitik und der FCB ist Teil des gesellschaftlichen Zusammenlebens in der Stadt.» Und sowieso sei er dafür, eine möglichst breite Definition von Politik gelten zu lassen.

Neue Regierungsrätin schweigt

LDP-Regierungsrätin Stephanie Eymann will erst nach 100 Tagen im Amt mit den Medien sprechen.

LDP-Regierungsrätin Stephanie Eymann will erst nach 100 Tagen im Amt mit den Medien sprechen.

Keystone

Insgesamt fällt auf, dass sich weder Politiker und Politikerinnen vom rechten noch vom linken Spektrum pointiert zur FCB-Demo äussern möchten. Zu stark ist der Traditionsverein in Basel verankert, zu viele Wählerinnen und Wähler gehören zu den Fans.

Auch Regierungsrätin Stephanie Eymann nimmt keine Stellung. Polizeisprecher Yerguz lässt ausrichten, die neue Vorsteherin des Justiz- und Sicherheitsdepartements werde sich erst nach Ablauf der ersten 100 Tage im Amt zu Kundgebungen äussern.

Aktuelle Nachrichten