Circus Royal

Fliegende Tatzen und drei nasse Küsse für die Tigermama

Carmen Zander hat ihre fünf Königstiger mit der Flasche selber grossgezogen.

Carmen Zander hat ihre fünf Königstiger mit der Flasche selber grossgezogen.

Der Ostschweizer Zirkus Royal überrascht in Basel mit tierischen und artistischen Höchstleistungen. Die Kritik der Tierschützer an Tiernummern kann Zirkusdirektor Oliver Skreinig nicht nachvollziehen.

In der Manege wird es plötzlich stockdunkel. Zu unheimlichen, tiefen Bassklängen flackert rotes Licht an der Zeltdecke auf. Das Publikum hält den Atem an, es spürt: Jetzt passiert etwas Besonderes. Und dann schleichen sie langsam den Gitterdurchgang entlang in das Rund der Manege: Die fünf Königstiger nehmen auf ihren Hockern Platz und schauen den staunenden Zuschauern regungslos in die Augen. Dann brüllen sie abwechslungsweise, reissen ihre Mäuler auf und zeigen ihre langen Reisszähne. Die Tierdresseurin Carmen Zander scheint das nicht zu beunruhigen. Strahlend tätschelt sie Gandhis Rücken und flüstert dem grössten Raubtier ins Ohr. Er brüllt zurück – und lässt sich streicheln.

Danach zeigen die fünf sechseinhalbjährigen Geschwister ihr Können: Sie springen von Bock zu Bock, balancieren über einen Eisenstab und drehen sich am Boden um ihre eigene Achse. Dazu brüllen sie sich an und schlagen sich ihre Tatzen ins Gesicht. Kein Problem für Tigermama Zander: Sie setzt sich am Schluss auf Gandhis Rücken und bekommt sogar drei nasse Küsse von einem ihrer Schützlinge.

Geschmeidiger Schlangenmensch

Der Circus Royal aus dem Thurgau ist der einzige Zirkus in der Schweiz, der in diesem Jahr Raubtiere im Programm hat. Zirkusdirektor Oliver Skreinig aus Österreich weiss, dass dies Kritik bei Tierschützern hervorruft. Vor der Nummer greift er deshalb zum Mikrofon und erklärt dem Publikum, weshalb aus die Kritik nicht gerechtfertigt sei (siehe Box).

Ist der Auftritt der fünf Königstiger denn auch ein Höhepunkt des diesjährigen Programms, beeindrucken die akrobatischen Leistungen genauso. Der Portugiese Saulo Roque – auch The Snake genannt – nimmt sitzend seine Beine in die Hand und zieht sie mit Leichtigkeit hinter seinen Kopf. Zauberhaft mystisch ist der Augenblick, als er den Schneidersitz macht, sich mit den Armen hoch- und runter- und wieder hochstemmt. Beim zweiten Auftritt wickelt er sich in ein Netz ein und entführt einen in die Zirkuskuppel. Ihm ähnlich tut dies die deutsche Artistin Josy Casselly am Schwungseil. Sie wickelt ihre Beine darum und lässt sich hinunterfallen.

Dem Schlappseil hat sich der australisch-schweizerische Doppelbürger Ramon Kathriner verschrieben. Mit Kugeln jongliert er auf dem Einrad auf dem dünnen Seil oder nimmt eine gebogene Stange in den Mund, auf der er einen Ball kreisen lässt. Auch Kathriner darf ein zweites Mal auf die Bühne: dieses Mal auf dem Hochseil, das er mit Stelzen und ohne Sicherheitsnetz überquert.

Etwas Einzigartiges zeigt der Schweizer Künstler Eddy Carello. Er jongliert mit sechs Fussbällen, mit einer Elektrogitarre und Schlagzeugteilen. Höhepunkt ist der Moment, als er mit sechs Bällen ein ganzes Schlagzeug bespielt und die Wirbel immer schneller werden. Der französische Clown Mathieu spinnt den roten Faden durch das gut zweistündige Programm mit spassigen Einlagen.

Rinder, Kamele und Nandus

Zirkusdirektor Oliver Skreinig hat sich eine aussergewöhnliche Kombination an Vierbeinern für eine Nummer ausgesucht, denn mit Watussi-Rindern drehen ein Riesenesel, Lamas und Nandus, das sind flugunfähige Vögel aus Südamerika, Runden in der Manege. Und der Thurgauer Tierdresseur Urs Strasser lässt sechs Kamele, die eine mehr oder minder harmonische Choreografie zeigen, durch die Arena galoppieren.

Alles in allem ist das diesjährige Programm des Circus Royal auf hohem Niveau, abwechslungsreich und voller Überraschungen. Ob dem Zuschauer der Tiger-Auftritt auf der Rosentalanlage als nicht tiergerecht erscheint, muss jeder für sich selber entscheiden.

Meistgesehen

Artboard 1