Fünf Learnings
Die Regierungen beider Basel wollen unbedingt aus Baudebakel lernen

Eine externe Analyse kommt zum Schluss, dass die Kantone Basel-Stadt und Baselland die Komplexität des Neubaus Biozentrum unterschätzt haben. Das wollen die Regierungen nicht auf sich sitzen lassen – sie präsentieren fünf Learnings.

Silvana Schreier
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50 Jahre Biozentrum: Pünktlich zur Eröffnung des Neubaus feiert die Universität Basel das Jubiläum des Forschungsinstituts.

50 Jahre Biozentrum: Pünktlich zur Eröffnung des Neubaus feiert die Universität Basel das Jubiläum des Forschungsinstituts.

Kenneth Nars

Eigentlich hätte der Neubau des Biozentrums für die Universität Basel knapp 330 Millionen Franken kosten sollen. Eigentlich hätte das Gebäude im Herbst 2017 eröffnet sein sollen. Und eigentlich sollte das Grossprojekt eine bikantonale Erfolgsgeschichte sein.

Mittlerweile belaufen sich die voraussichtlichen Kosten aber auf 100 Millionen mehr. Wegen etlicher Verzögerungen konnte die feierliche Eröffnung des Biozentrums erst vergangene Woche stattfinden – vier Jahre später als geplant. Und an Stelle der Erfolgsgeschichte müssen sich die Regierungen beider Basel mit dem Aufräumen des Scherbenhaufens beschäftigen.

Regierung wollte neben PUK eine externe Analyse

Will nach Analyse in die Zukunft schauen: Baselbieter Finanzdirektor Anton Lauber.

Will nach Analyse in die Zukunft schauen: Baselbieter Finanzdirektor Anton Lauber.

Kenneth Nars

Während sich die für die Aufklärung des Baudebakels eingesetzte Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) ein halbes Jahr ausbedungen hat, präsentierten die Regierungen am Dienstagnachmittag die Ergebnisse einer externen Analyse. Diese wurde von der Zürcher Firma Brandenberger und Ruosch erstellt. Der Auftrag dazu ging im Februar 2021 heraus. Der Baselbieter Finanzdirektor Anton Lauber (CVP) betont jedoch: «Den Beschluss, den Fall extern analysieren zu lassen, fällten wir lange vor der Einsetzung der PUK.»

Das neue Biozentrum ist endlich fertig.
14 Bilder
Der Eingang für die Studierenden ins neue Biozentrum.
Im Untergeschoss sind die Vorlesungssäle und der Eingang für die Studierenden.
Ein Blick in einen der Vorlesungssäle.
Im Erdgeschoss befindet sich unter anderem eine Cafeteria.
Im ersten Stock befinden sich Arbeitsplätze und Seminarräume.
So sieht einer der Seminarräume aus.
An den Arbeitsplätzen kann man sich auch gut in grösseren Gruppen treffen.
Im zweiten Stock gibt es Praktikumsplätze für Studierende im Bachelor-Level Fokus Molekularbiologie.
Zwischen den Laboren gibt es eine sogenannte Sozialzone.
Die Arbeitsplätze im 11. Stock haben eine tolle Aussicht.
Ausserdem gibt es im 11. Stock weitere Labore mit einer ebenso tollen Aussicht.
In den Pausen kann man sich auch sportlich betätigen.
Draussen und sogar drinnen gibt es einzelne Vita-Parcous-Stationen.

Das neue Biozentrum ist endlich fertig.

Bilder: Kenneth Nars

Matthias Hugi und Martin Häusermann von Brandenberger und Ruosch stellten die Analyse vor. Mit Empfehlungen wollen sie den Regierungen bei künftigen Projekten Hilfestellungen geben. Die Baudepartemente beider Kantone reagieren mit der Präsentation fünf Learnings:

1. Zu Projektstart die Verantwortlichkeiten klären

Fordert klare Verantwortlichkeiten: Baselbieter Baudirektor Isaac Reber.

Fordert klare Verantwortlichkeiten: Baselbieter Baudirektor Isaac Reber.

Kenneth Nars

Das Projekt Biozentrum war in drei Stufen unterteilt: der politisch geprägte Lenkungsausschuss, die Baukommission sowie die Projektleitung. Diese Projektorganisation mit zwei Kantonen und der Universität Basel sei «komplex und beinhaltet das Risiko, dass die Verantwortlichkeiten nicht klar sind», teilen die Regierungen mit. Für den Baselbieter Baudirektor Isaac Reber (Grüne) ist klar, dass es keine künftigen Bauten mehr geben soll, die so organisiert sind. «Je komplexer das Projekt, umso klarer müssen Organisation und Verantwortung geregelt sein.»

2. Die «Bestellung» des Wunschgebäudes

Unter «Bestellung» versteht man im Baugewerbe die Anforderungen an einen Neubau: Was soll das Gebäude können? Für die analysierende Firma Brandenberger und Ruosch zeigte sich: «Die Fehler passierten ganz am Anfang. Die Bestellung war zu unscharf, die Projektdefinition unvollständig», sagt Martin Häusermann. Reber will deshalb künftig mehr Zeit in diese Projektphase stecken, je nachdem auch mit externer Unterstützung. Zudem will er den Prozess standardisieren.

3. Einen Generalplaner als Team

Noch während der Bauzeit des Biozentrums suchte der Kanton Fachplaner, wiederholte Ausschreibungen und stellte das Team mehrfach um. Die Analyse kommt deshalb zum Urteil: Das Projektleitungsteam des Kantons und der Generalplaner hätten sich nicht zu einem partnerschaftlich arbeitenden Team entwickeln können. In Zukunft wollen die Kantone deshalb einen Generalplaner mit komplettem Team von Fachplanern engagieren.

4. Keine Mischmodelle mehr

Will keine Mischmodelle mehr: Basler Baudirektorin Esther Keller.

Will keine Mischmodelle mehr: Basler Baudirektorin Esther Keller.

Juri Junkov

Häusermann nennt es ein «anspruchsvolles Realisierungsmodell». «Es gelang nicht, in Zusammenarbeit mit dem Generalplaner die Kontrolle über das Projekt im notwendigen Umfang aufrechtzuhalten», heisst es in der Medienmitteilung der Kantone. Faktisch musste festgestellt werden, dass eine Kombination von Generalunternehmungen und Einzelleistungstragenden nicht funktioniert. «Das Mischmodell kam zum letzten Mal beim Biozentrum zur Anwendung», sagt die Basler Baudirektorin Esther Keller (GLP) denn auch klar. Sie hat das Geschäft von ihrem Vorgänger Hans-Peter Wessels (SP) geerbt.

5. Genügend Ressourcen bereitstellen

«Anfangs herrschte ein enormer Termindruck und die Ressourcen waren knapp», sagt Reber. Das habe sich gerächt. Zu diesem Schluss kommt auch die externe Expertise. Da die Komplexität des Baus bereits zu Beginn unterschätzt wurde, führte dies zu einer zu tiefen Kosteneinschätzung und einem unrealistischen Terminplan. Keller meint: «Gerade bei mittleren und grösseren Projekten in unseren Kantonen müssen wir über die Bücher.»

Nicht nach Schuldigen gesucht

Auch mal Nein sagen: Basler Finanzdirektorin Tanja Soland.

Auch mal Nein sagen: Basler Finanzdirektorin Tanja Soland.

Nicole Nars-Zimmer

Die Regierungen beider Basel betonen, die Learnings würden bereits zur Anwendung kommen. Andere Massnahmen befänden sich noch in der Umsetzung. Die Basler Finanzdirektorin Tanja Soland (SP) fasst zusammen:

«Die Trägerkantone wollten beim Biozentrum zu viele Wünsche erfüllen. In Zukunft müssen wir vielleicht auch mal Nein sagen oder den Zusatzforderungen ein klares Preisschild umhängen.»

Die Frage nach den Gründen für die teils schwerwiegenden Fehler lassen die Regierungsmitglieder unbeantwortet. Lauber: «Wir haben uns nicht angeschaut, aus welchen Motiven was entschieden wurde. Uns ging es um den Blick in die Zukunft.» Man habe keine Schuldigen gesucht, sagt auch Soland.

Dafür wird voraussichtlich die PUK zuständig sein. Die Hearings seien nicht abgeschlossen, teilte die Kommission vergangene Woche mit. Sie braucht um eine Fristverlängerung für den Bericht bis Ende Juni 2022 statt wie geplant bis Ende 2021. Ob in der Zwischenzeit bereits Effekte der Learnings sichtbar werden, bleibt offen. Immerhin sind einige Grossprojekte des Kantons Basel-Stadt noch nicht abgeschlossen – so etwa der Neubau für das Amt für Umwelt und Energie.

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