Kunst

Helen Balmers Werke aus Gips, Holz und viel Humor

Helen Balmer.

Helen Balmer.

Die neue Publikation «Zeichen stellen» ehrt die Basler Künstlerin Helen Balmer für ihr langjähriges Schaffen.

An vielen Orten begegnen wir in Basel Helen Balmers Kunst. Im Rathaus blickt uns ihr Bronze­portrait der ersten Grossrats­präsidentin Gertrud Spiess entgegen. Das Figurenpaar «Frau mit Weihgabe und Wächter» auf dem Riehener Friedhof Hörnli strahlt ein Gefühl der Ruhe aus. Und die von Balmer entworfene Brunnenanlage im Garten des Kantonsspitals vermittelt Gelassenheit.

Ein Jahr nach dem 95. Geburtstag der Basler Künstlerin präsentiert der Merian Verlag eine reich bebilderte Publi­kation mit der Absicht, ihrem Schaffen die «langverdiente Würdigung» zukommen zu lassen. Bereits die über 100 Fotos kämen einer solchen Würdigung gleich. Im Zentrum der Foto­grafien stehen Balmers Arbeiten. Die Figuren, Vögel, Objekte aus Gips, Holz, Schiefer und Kiesel werden ergänzt durch eine Einblick in Balmers Atelier an der Alemannengasse.

Kunsthistorisch interessant und sehr unterhaltsam

Balmers «Kirchturmhahn», ihre «Mondscheinreiter», ihr «Gruss an Hans Arp», ihre «Tänzerin» und selbst die «Grosse und ­kleine Stele» zeugen von einer so eigenen Kombination von ­Ästhetik, Natürlichkeit und ­Humor, dass man sich sofort wünscht, diese Objekte persönlich zu sehen oder mindestens ein Poster oder eine Postkarte davon zu besitzen.

Bereits visuell ist dieses Buch eine Trouvaille. Zu einer ganz besonderen Art einer Hommage macht es aber der Text. Den Autoren Isabel Zürcher und Andreas ­Chiquet ist es gelungen, ihn in gleichem ­Masse kunsthistorisch interessant wie unterhaltsam zu gestalten. Dass einem Helen Balmer als Künstlerin und Mensch plötzlich so nah erscheint – «was für eine coole Frau!» denkt man beim Lesen – liegt daran, dass in die kulturwissenschaftliche Kontextualisierung immer wieder die Anekdoten und Zitate der Künstlerin im O-Ton eingebaut sind. Die sorgfältigen Fussnoten am Ende jedes Kapitels zeigen, mit wie vielen Zeitgenossen und Quellen sich die Autorin und der Autor beschäftigt haben, um ein möglichst stimmiges Bild des Lebens und Œvres der Künst­lerin zu zeichnen.

Den Wunsch, Bildhauerin zu werden, verspürte die gebürtige Emmentalerin Helene Gerber (damals noch mit -e im Vornamen) schon sehr früh. Ohne das Wissen ihrer Eltern – ihr Vater Paul Gerber war Leiter einer Schachtelkäsefabrik – besuchte sie 1945 während ihres Architekturstudiums heimlich Modelierkurse bei der dänischen Bildhauerin Estrid Christensen.

«Da war nichts mehr vom Polytechnikum», sagt sie im Rückblick. Ihr Geheimnis flog auf, bald darauf begann sie ein Jura­studium. Während dieser Zeit fuhr sie einmal mit dem Fahrrad nach Genf an eine Ausstellung von Germaine Richier. Ein bahnbrechender Moment.

Glückliches Studium und Verkuppelung in Paris

Richiers Kunst beeindruckte sie so nachhaltig, dass sie nach einer kurzen Zeit als Sekretärin am Berner Zivilgericht ein ­Studium bei der Künstlerin in Paris begann. Fotos aus jener Zeit deuten auf eine glückliche Zeit hin. Richier vermittelte ihrer Studentin nicht bloss die Kunst des ­genauen Sehens sondern verkuppelte sie auch mit dem Bildhauer Lorenz Balmer.

«Und dann stellte sie mir verschiedene Typen vor, aber es passte mir keiner. Und dann kam einmal dieser Lorenz und ich war nicht da. Und dann schicke sie mich zu ihm nach Basel», sagt Helen Balmer dazu.

Damit begann eine lange ­Lebens- und Schaffensgemeinschaft. Nebst der gemeinsamen Tochter Katrin, die 1955 geboren wurde, brachte das Künstlerpaar viele gemeinsame Kunstwerke zur Welt. Viele davon befinden sich noch heute im öffentlichen Raum. Die Rollenteilung war meist klar. Sie machte den Entwurf, er die Umsetzung. Dabei ergänzten sich die beiden mit ihren Talenten.

Wie es dazu kam, dass ihre Urheberschaft des Entwurfs bei einigen der Werke nicht erwähnt wurde, zeigen Zürcher und ­Chiquet mit Korrespondenzen jener Zeit. Eine Errungenschaft des Bandes ist es denn auch, bestimmten Werken, die zur Entstehungszeit ausschliesslich als Lorenz Balmers Werke rezipiert wurden, die gemein­same Urheberschaft zurück­zugeben.

Eindrücklich etwa bei dem 1982 fertiggestellten Wandrelief «Kalligraphie in Marmor» des Pratteler Schulhauses Fröschmatt oder der Kalksteinplastik «Dreiklang» des Gymnasiums Bäumlihof. Dass einige von Balmers Werken vor Schulhäusern stehen, passt sehr gut. Neben dem surrealistischen Erbe von Zufall und Improvisation tragen viele Werke ein Merkmal: einen gewissen Schalk. Die «Wolke» etwa vor dem Sekundarschulhaus Langnau verbindet auf ­humorvolle Weise ein sehr schweres Material mit einem sehr leichten ­Motiv. In ­einigen Kunstwerken blickt uns der Schalk aus den Augen einer Eule oder eines Pferdes entgegen, und auch die Namen «Fast ein Reiter», «Gampi­rössli» oder «Tätschgring» zeugen von Balmers ­Humor.

Chiquet und Zürchers sorgfältige Publikation wird diesem Humor ebenso gerecht wie der grossen Bedeutung der Künst­lerin für die Stadt Basel- und weit über die Stadt Basel hinaus.

«Zeichen stellen» von Isabel Zürcher und Andreas ­Chiquet, Merian Verlag.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1