Klassik-CDs
Kurzweilige Kinderstunde und virtuose Vokal-Feuerwerke

Neue CDs mit dem Kammerorchester Basel widmen sich barocken Arien und den Geschichten aus dem «Struwwelpeter».

Reinmar Wagner
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«Und Minz und Maunz, die Katzen, die heben ihre Tatzen» und singen ein Requiem auf das verbrannte Paulinchen, das trotz des Verbots mit den Streichhölzern spielen musste. Jeder kennt sie, die Geschichten aus dem zeigefingrigen Horror-Kabinett Heinrich Hoffmans, die 1845 erschienen sind und zu den erfolgreichsten Kinderbüchern zählen. Sie sind zwar pädagogisch aus heutiger Sicht nicht besonders wertvoll aber in ihrer Deutlichkeit so faszinierend, dass ihrer Beliebtheit auch Kuschelpädagogik und antiautoritäre Erziehung nichts anhaben konnten.

Fast über Nacht tauchten ­damals zahlreiche «Struwwel­peter»-Varianten und -Parodien auf: Schon 1850 wurde die «Struwwelsuse» geboren, 1941 erschien in England der «Struwwelhitler», und auch manche Musiker haben sich inspirieren lassen: Besonders schwarz ausgemalt hat die britische Band The Tiger Lillies diese Geschichten in «The Shockheaded Peter».

Die jüngste musikalische Version kommt nun von einem Quartett des Kammerorchesters Basel für die Besetzung Trompete, Horn, Violine und Cello und entstand als musikalische Kinderstunde für Schulklassen. Der Arrangeur Konstantin Timokhine bediente sich quer durch die Musikgeschichte bei Monteverdi und Händel, bei Wagner und Richard Strauss, aber auch bei Tango und Jazz und schuf mit seinen verspielten Versionen von «Suppen-Kaspar», «Zappel-Philipp» oder dem «fliegenden Robert» hinreissend witzige Musiknummern.

Die vier Musikerinnen trauen sich auch, selber zu singen und zu sprechen, unterstützt von Freunden und den Kindern der Familien, die so eine Art Kommentar aus heutiger Warte beisteuern: «Warum sind diese Kinder eigentlich immer alle ­alleine zu Hause?»

Da und dort spiegeln sich veränderte kind­liche Gewohnheiten, etwa wenn der «Hanns-Guck-in-die-Luft» nicht deswegen ins Wasser fällt, weil er den Schwalben nachträumt, sondern seine Augen auf dem Display seines Smartphones hatte. Aber um eine zeitgerechte Interpretation der weltberühmten Geschichten geht es hier nur am Rande, im Vordergrund steht eindeutig die (musikalische) Lust an diesen schwarzen und manchmal auch poetisch-surrealen Geschichten.

Barock-Formation als Begleit-Band

Mindestens ebenso lustvoll kommt eine zweite neue CD des Kammerorchesters daher. Der Countertenor Valer Sabadus – unterdessen einer der gesuchtesten und erfolgreichsten ­seines aparten Stimmfachs – wählte die Basler in ihrer Barock-Formation unter der Leitung der Geigerin Julia Schröder als Begleit-Band für seine CD mit barocken Arien von Bach und Telemann.

Von Bach singt der rumänisch-deutsche Solist bekannte Nummern wie das «Laudamus Te» aus der h-Moll-Messe, das «Exultavit» aus dem Magnificat oder die Kantate «Ich habe genug». Die Musik von Telemann dagegen ist kaum bekannt: Drei der hier ausgewählten Opern-Arien gehören der Fraktion der Hochvirtuosität an: Koloraturfeuerwerke, die Valer Sabadus mit seiner beweglichen Stimme zu souveränen Hochseil-Nummern ausbaut. Anders die Stimmung im Singspiel «Sieg der Schönheit»: Untermalt von dunklen Fagott-Klängen stimmt Sabadus ein herzergreifendes Klagelied an.

Da dürfen Minz und Maunz dann mindestens so berechtigt ihre Tränen fliessen lassen wie bei Paulinchens Feuertod.

«Struwwelpeter – eine (haarige) Geschichte».
Ein Quartett des Kammerorchesters Basel.
«Valer Sabadus: Bach, Telemann: Arias.»
Julia Schröder (Violine und Leitung).