"Biennale"

Kunst unter freiem Himmel in Waldenburg

Kultur auf dem Lande: In Waldenburg zeigen Schweizer Kunstschaffende an einer ersten «Biennale» Werke im ganzen Städchen.

Endstation Waldenburg. Bei der Ankunft mit der Bahn ist von Kunst noch nichts zu sehen. Dann, entlang der viel befahrenen Strasse zum Städtchen, hängen Fahnen hintereinander, deren Farbe allerdings etwas verblasst ist. Einen klaren Hinweis liefert eine am Boden liegende Steinfrau, über die man beinahe stolpert. Die kann nicht zu­fällig da hingekommen sein.

Nach und nach trifft man auf ­weitere Zeugnisse künstlerischen Schaffens, nun auch erkennbar an den weissen Beschriftungs-Täfelchen davor. Irgendwo hängt ein Standortplan mit den einzelnen Werken. Hier wird also offiziell Kunst gezeigt – in der ­«Ville des Arts» Waldenburg läuft die erste «Biennale 2020».

Der Spaziergänger, eben zum Ausstellungsbesucher geworden, sieht sich nach mehr Kunst um.

Ja, doch: Beim Parkplatz vor dem Schulhaus hängen grossformatige, bunte Plakate neben frechen, inoffiziellen Corona-Aufrufen («Gang hei!», «Schnuuf mi ned a!»). Dahinter, vor der Gemeindeverwaltung, balanciert ein Kubus aus rost­roten Metallstäben ruhig auf einer seiner Ecken. Dramatisches ereignet sich dagegen auf der andern Strassenseite vor dem Gebäude der Firma Tschudin + Heid, wo zwei übergrosse, schmale Gestalten um etwas zu kämpfen scheinen. Vielleicht um den knappen Platz auf dem Trottoir?

Zwischen zwei Busstationen und drei Restaurants

An der Kirche vorbei gehts durch die Altstadt unter dem Oberen Tor hindurch bis zum alten Feuerwehrmagazin und zur Revue Thommen – der ganze Bezirkshauptort öffnet sich in diesem Sommer der Kunst. Die Freiluftaustellung «zwischen zwei Busstationen und drei Restaurants» organisiert haben die drei zugezogenen und hier arbeitenden Kunstschaffenden Sibylla Dreiszig­acker, Renato Wellenzohn und Pt Whitfield. Sie haben drei Dutzend Kolleginnen und Kollegen vorab aus der Schweiz dazu eingeladen, ihre Arbeiten verteilt über das ganze Städtchen aufzustellen. Über 90 Werke sind zu sehen: Skulpturen, Objekte, Bilder, Video- und Lichtinstallationen, alle sind verkäuflich.

Das Jurastädtchen Waldenburg ist heute mit seinen gut 1000 Einwohnerinnen und Einwohnern nicht grösser als um 1900. Als Sitz mehrerer Uhrenfabriken und verwandter Industrien hat es schon bessere Tage gesehen – der wirtschaftliche Niedergang der Branche hat hier seine Spuren hinterlassen.

Mit der «Biennale» soll das Städtchen wieder etwas zum Blühen gebracht werden, hiess es bei der Eröffnung Anfang Juni – bei Regen und ­Corona ­bedingt ohne öffentliche Vernissage. Die kulturelle Initiative wird jedenfalls von der Gemeindepräsidentin, dem Pfarrer und einem Wirt unterstützt.

Auf dem Rundgang gibt es Kunstwerke auf Schritt und Tritt zu ent­decken: entlang der Strasse, an Häusern, in Vorgärtchen, auf Bäumen und Wiesen, sogar unter dem Kirchdach. Da eine angekettete Venus als Brunnen­figur, dort ein goldener Apfel auf einem silbernen Stuhl, daneben eine Hello-­Kitty-Katze mit Schläufchen und am Ortsausgang ein Haufen mit verfremdeten Verkehrstafeln.

Kunstwerke mit einem gewissen Hang zum Dekorativ-Gefälligen

Die Suche nach den künstlerischen Arbeiten, verstreut inmitten des Alltags, gerät zum unterhaltsamen Spaziergang. Zur Kunstmetropole wird Waldenburg mit der «Biennale» vermutlich nicht. Das liegt nicht nur an der unterschiedlichen Qualität der Werke, von denen viele zum Dekorativ-Gefälligen neigen, sondern auch an den engen Platzverhältnissen.

Gerade innerhalb der spätmittelalterlichen Altstadtmauern mit der engen Hauptstrasse bleibt zwischen Coiffeursalons, Bezirksgericht und Ofenbaugeschäft ­wenig Raum für Kunst. Einige Objekte sind kaum auf ihren jeweiligen Ort bezogen und wirken wie zufällig hingestellt.

Nach dem Gang durch Neben­gassen, Hinterhöfe und ein paar Schritten entlang der Frenke findet der Besucher schliesslich wieder zum Bahnhof zurück. Der Verkehr ist inzwischen ­stärker geworden. Wer hier, wie viele, per Auto oder Motorrad auf dem Weg zum Oberen Hauenstein hindurchfährt, wird von dieser «Ville des Arts» sehr wenig mitbekommen.

Biennale «Ville des Arts», Waldenburg.
Bis 31. Oktober 2020. www.villedesarts.ch

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