Ausstellung

Kunst zum Sattsehen – Das Museum Tinguely untersucht mit «Amuse-bouche» den Geschmack der Kunst

Süss, sauer oder igitt?

Kommt Zeit, kommt Unrat. Anfangs präsentiert sich der Teller mit Birnen und Äpfeln ja noch ganz anmächelig im samtenen Licht, das auf den Früchten appetitliche Akzente setzt. Doch plötzlich geht eine Veränderung durch das sorgfältig arrangierte Stillleben, das aus der Hand eines niederländischen Meisters stammen könnte: Wie im Nebel verschwimmen die Konturen, Schimmelwolken senken sich auf den Teller, der zur Schlachtplatte des Zerfalls wird.

«Still Life» heisst die Videoinstallation von Sam Taylor-Johnson, die im Zeitraffer den Weg alles Irdischen zeigt. Zu sehen ist sie im dritten Teil einer losen Ausstellungsserie, die das Museum Tinguely seit 2015 den Sinnen widmet. Nach dem Geruchs- und Tastsinn sind jetzt mit Amuse-bouche also die Gaumenfreuden dran – wobei sich bekanntlich über nichts trefflicher streiten lässt als über den Geschmack. Ein Porzellanklo zum Beispiel, das Besucherinnen und Besucher zum Degustieren lädt, ist zumindest ein bisschen degoutant.

«Das Inkorporieren von Nahrung ist lebenswichtig, aber auch sehr lustvoll», benennt Kuratorin Annja Müller-Alsbach unser oft zwiespältiges Verhältnis zum Essen, das zwischen Genuss und mechanischer Verrichtung wechselt. Die Ausstellungsräume sind entsprechend thematisch gegliedert, beginnend mit dem «Geschmack der Begierde».

Keine Angst vor dem Massengeschmack

Hier steht unter anderem die Porträtbüste der US-Amerikanerin Janine Antoni aus Schokolade, die sie mit ihrer Zunge nachbearbeitet hat. «Ich wollte mich mit mir selbst füttern», wird sie in einer Broschüre zitiert. Von derselben Künstlerin stammt auch das Foto zum Ausstellungsplakat, auf dem sie am Augapfel ihres Partners leckt. Es ist ein echter Hingucker, der unsere vermeintlich neutrale Beobachterhaltung mit einem einzigen Zungenschlag wegwischt.

Die nachfolgenden Räume fächern die ganze Palette auf, die dem menschlichen Geschmacksempfinden zur Verfügung steht: von süss zu bitter, von salzig zu sauer. Auch die erstmals 1908 in Japan definierte Geschmacksrichtung «umami» darf nicht fehlen, womit das «Noch mehr»-Aroma von Fisch, Fleisch, Käse oder Tomaten bezeichnet wird: Eine Universalwürze also, die irgendwie zu allem passt.

Wenig verwunderlich, dass sich hier Warhols unverwüstliche Campbell-Suppendosen genauso finden wie Joseph Beuys’ hinterlistiges Werk «Ich kenne kein Weekend», bei dem eine Maggiflasche der giftgelben Reclamausgabe von Kants «Kritik der reinen Vernunft» die nötige Schärfe verleiht.

Komplettiert wird das Product-Placement durch Fotografien des stets gern gesehenen Künstlerduos Fischli/Weiss. Auf den Bildern werden mit dem schweizerischsten Grundnahrungsmittel überhaupt – der Cervelat – alltägliche Szenen wie etwa ein Verkehrsunfall nachgestellt. Berührungsängste mit dem Massengeschmack muss sich das Museum Tinguely also nicht vorwerfen lassen, und Direktor Roland Wetzel bestätigt: «Wir möchten eine breite Bevölkerung ansprechen.»

So darf auch die «Eat-Art» eines Daniel Spoerri nicht fehlen, dieser ins Vertikale gekippte Ausdruck eines horizontalen Verlangens, bei dem die Überreste eines Essgelages mittels Leim am jeweiligen Untergrund fixiert und so zum Bild werden. Mal heiter, mal böse («Familie Strychnin»), mal nachdenklich stimmt Amuse-bouche. Und selbst wenn die Werke nicht immer appetitanregend sind: Sattsehen kann man sich an ihnen allemal.


Amuse-bouche. Der Geschmack der Kunst Museum Tinguely, bis 17. Mai. www.tinguely.ch

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