Aktenzeichen bz - Die Serie
Medizinstudium, Aktienbetrug, Anstalt: Die Irren und Wirren eines Aktienbetrügers

Er wollte Ruhm und Anerkennung und beschäftigte schliesslich die Justizbehörden sowohl der USA als auch der Schweiz. Der Fall Hans Bauder erlaubt einen tiefen Einblick in die Gegebenheiten und den Umgang mit Betrügern zum Anfang des 20. Jahrhunderts.

Silvana Schreier, Lea Meister
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Bauder warb um 1908 in seinen Broschüren mit Fotos von sich selbst für seine Devisengeschäfte.

Bauder warb um 1908 in seinen Broschüren mit Fotos von sich selbst für seine Devisengeschäfte.

Staatsarchiv

Hans Bauders «Strafen- und Journal-Auszug», wie das Polizeidepartement des Kantons Basel-Stadt die Akte damals nannte, ist lang. Würde man jede einzelne Seite der Akten aus dem Staatsarchiv nebeneinander auslegen, man käme wohl vom Basler Bahnhof SBB bis zum Barfüsserplatz. Alleine das psychiatrische Gutachten zu Bauder umfasst 68 Seiten. Sie sind eingefasst in beiges Papier, zusammengehalten von rotem Klebeband.

Der erste Eintrag des Strafenauszugs ist auf den November 1915 datiert, als das Basler Appellationsgericht Bauder wegen Betrugs zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilte. Der Vorwurf: Er habe anno 1908 Aktien der amerikanischen «Austin Manhattan Consolidated Mining Company» in der Schweiz vertrieben, wobei die Käufer zu erheblichem Verlust gekommen seien. Die Verurteilung: sechs Jahre Zuchthaus.

Mit Bauder beschäftigten sich der Basler Regierungsrat, der Bundesrat, das Schweizer Konsulat in Chicago. Über Jahre sorgten seine Betrügereien für Schlagzeilen und regen Briefverkehr zwischen den USA, Bern und Basel. Und so plötzlich Bauder ins Visier der Behörden geriet, so plötzlich verschwand er nach dem Absitzen seiner Strafe wieder aus deren Blickfeld. Eine Recherche im Basler Staatsarchiv brachte mehrere Hundert Dokumente zum Vorschein. Briefe, Anklageschriften und Verurteilungen. Daneben fanden sich über 40 Tagebücher Bauders, dessen verbundene Schrift in schwarzer Tinte auf den vergilbten Seiten kaum mehr lesbar ist. Auf diesen Dokumenten beruht diese Erzählung.

Aktenzeichen bz - Die Serie

Betrügereien, Banküberfälle, Mord und Totschlag: Kaum etwas bewegt die Bevölkerung mehr als Kriminalfälle. In der mehrteiligen Serie «Aktenzeichen bz» berichten wir über beachtenswerte Verbrechen aus der Region Basel, erzählen sie neu und arbeiten die Fälle auf. Online unter www.bzbasel.ch erscheinen jeweils Zusatzelemente wie Videos oder Bildmaterial. Nächste Folge: Der falsche Arzt.

Als Nesthocker stets verwöhnt

Doch wer war Hans Bauder eigentlich? Aufgewachsen ist er als Sohn des Stadtmissionars Johann Ritter, der seine Familie streng führte. Geboren wurde er am 27. Februar 1879 als jüngstes Kind. Seine Mutter Anna Ritter erblindete zuvor aufgrund einer Augenkrankheit. In den Akten berichten die vier älteren Schwestern von Bauders Kindheit. Er sei ein umgängliches Kind gewesen, als Nesthocker stets von den Eltern verwöhnt. Was er sich vorgenommen habe, führte er auch durch. Ein Mitschüler berichtet, Bauder habe oft Streiche gespielt. Die seien heimtückisch, aber auch plump gewesen. Man habe ihn immer erwischt.

Hans Bauder um 1908.

Hans Bauder um 1908.

Staatsarchiv

Bereits früh soll er «seine Lust am Erwerb» gezeigt haben. Als Student ging er auf Ganten – öffentliche Versteigerungen – und verhandelte. Dabei sei er absolut skrupellos gewesen. Laut seinen Schwestern wollte er Kaufmann werden, fügte sich schliesslich aber dem Willen seiner Mutter und studierte Medizin.

Er hatte aber kein Sitzleder»,

wird eine Schwester in den Akten zitiert. Sie konnte nicht angeben, wie lange Bauder das Medizinstudium verfolgte. Als er dann 5000 Franken von seiner Grossmutter erbte, wollte er um die Welt reisen. Ein Vorhaben, das von seiner Familie als «extravagant» beschrieben wurde.

«Er war alle Zeit ein skrupelloser Lügner»

Dr. Werner Bloch unterrichtete den damals 16-jährigen Bauder. In den Akten lässt er kein gutes Haar an ihm. «Er war alle Zeit ein skrupelloser Lügner», lautet sein Fazit. Der Staatsanwalt Paul Siegfried, der Bauder von klein auf kannte, meint, dieser würde sich niemals ändern. «Denn jene Schulgeschichten waren ja nicht blosse Lausbubenstreiche gewesen, sondern es hatte sich darin, dass er Unschuldige auf diabolische raffinierte Art ins Unglück bringen wollte, eine unerhörte und mich tief empörende Schlechtigkeit offenbart.» Für ihn sei er «der geborene Verbrecher par exellence». Und dennoch sagt Siegfried:

Ich kann nicht sagen, dass ich ihn eigentlich ungern gehabt hätte, denn er war immer unterhaltend.

Schon früh muss sich die betrügerische Seite Bauders gezeigt haben. Gleichzeitig scheint sein Charme, der einen erfolgreichen Betrüger ausmacht, seine Wirkung entfaltet zu haben. Denn obwohl die Familie 200'000 Franken durch ihn verloren hatte, waren sich die Schwestern sicher, dass Bauder seine Nächsten nicht absichtlich betrogen habe. «Er war das Opfer seiner Ungeschicklichkeit und optimistischen Leichtgläubigkeit», sagt eine Schwester.

Aufmerksamkeit der Behörden

Als Bauder 29 Jahre alt ist, beginnen die Behörden auf seine Machenschaften aufmerksam zu werden. Ende September 1908 wendet sich der Schweizer Konsul Arnold Holinger in einem Brief an den Bundesrat. Holinger war von 1892 bis 1917 als Honorarkonsul in Chicago stationiert. Er schreibt, er habe von verschiedenen Seiten und mehrmals «Anfragen über einen gewissen Hans Bauder» erhalten. Dieser soll in Basel ein Büro eröffnet haben und sich mit dem Verkauf amerikanischer Minenaktien beschäftigen.

Da ich aus Erfahrung weiss, dass der grösste Teil solcher Aktien auf Schwindel beruht, riet ich prinzipiell jedem Fragesteller vom Ankauf solcher Papiere ab»,

schreibt Holinger.

Im April 1911 wird das Basler Polizeidepartement tätig. «Das Geschäftsgebaren Bauders scheint uns schwindelhaft», schreibt die Behörde an das Schweizer Justiz- und Polizeidepartement in Bern. «Doch haben die bis jetzt gemachten Erhebungen ein strafrechtliches Einschreiten noch nicht veranlassen können.» Holinger soll in den USA weitere Informationen sammeln. Existiert Bauders «International Commonwealth Securitas Association in Chicago» überhaupt? Gibt es Klagen gegen diese Gesellschaft?

Briefe an Behörden und Unterstützer

Holinger antwortet wenige Wochen später, es gebe einen streng vertraulichen Bericht zu Bauder. Darin sei festgehalten, dass auch die USA gegen den Schweizer ermittle. Holinger hofft, «dass meine lieben Landsleute in der Schweiz von einem gefährlichen falschen Freund befreit werden».

Im Staatsarchiv stapeln sich Bauders fein säuberlich befüllte Tagebücher.

Im Staatsarchiv stapeln sich Bauders fein säuberlich befüllte Tagebücher.

Silvana Schreier

In der Zwischenzeit verfasst Bauder etliche Briefe an Behörden und Unterstützer, in welchen er seine Unschuld beteuert. Er schaltet Zeitungsinserate, in denen er seine Geschäfte erklärt, und er veröffentlicht gar ein dünnes Handbuch mit dem Titel «Unwahrheiten und Tatsachen». Darin räumt er mit vermeintlichen Vorurteilen und Vorwürfen auf. Fein säuberlich sind auch diese Dokumente in den Akten des Staatsarchivs abgelegt worden.

Entmündigung wegen «Geisteskrankheit»

Wiederum einige Monate später bittet der Bund den Kanton Basel-Stadt, Schritte zu unternehmen, um die Menschen vor Bauders Machenschaften zu schützen. Sechs Jahre nach der ersten Warnung durch den Honorarkonsul Holinger und Dutzende Briefwechsel zwischen den USA und der Schweiz später wird nun die Verhaftung Bauders geplant: Der Gesuchte erreichte mit dem Schiff Europa. Im französischen Cherbourg nahm man Bauder schliesslich fest und lieferte ihn einige Zeit später an die Schweiz aus.

Damit nehmen die goldenen Jahre des Betrügers Hans Bauder ein Ende und die Jahre der Verurteilungen, Strafen und Massnahmen beginnen. 1915 wird Bauder in Basel wegen Betrugs zu einer sechsjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Fünf Jahre später entmündigt ihn das Basler Zivilgericht wegen «Geisteskrankheit». Bauder lebt daraufhin rund sechs Jahre in Freiheit, in rechtlichen Dingen stets unterstützt von einem Vormund.

Wie Bauder versucht, seinen Ruf wiederherzustellen

1926 folgt dann die nächste Verurteilung, diesmal in Amerika. Wegen Betrugs wird er zu einer längeren Freiheitsstrafe verurteilt und nach ihrer Verbüssung ausgewiesen. Als drittes Land wird 1933 Deutschland auf Bauder aufmerksam. Wegen «unerlaubter Verbringung von Zahlungsmitteln ins Ausland» wird er zu einer Gefängnisstrafe von drei Monaten und einer Geldstrafe von 400 Franken verurteilt. Wenige Monate später stellt er beim Basler Appellationsgericht einen Antrag auf Aufhebung der Entmündigung, dieser wird aber abgewiesen.

Zehn Jahre nach seiner Verurteilung in Amerika veröffentlicht Bauder eine Broschüre, in welcher er den Lesern einen Blick auf seine persönlichen Wahrheiten und Weltanschauungstheorien ermöglicht. Da die Broschüre mit keiner klaren Angabe zum Herausgeber versehen ist, wird er zu zehn Franken Bussgeld verurteilt. Die Broschüre dient den Behörden künftig als Grundlage für Bauders Denkweisen und seine «verworrenen Gedanken». Gleichzeitig mit dem Herausgeben seiner Broschüre wendet sich Bauder an einen Teil der von ihm geschädigten Personen, um den entstandenen finanziellen Schaden wieder gut zu machen. Derweil leitet auch die Basler Staatsanwaltschaft ein Betrugsverfahren gegen ihn ein, muss dieses aber am 13.Juli 1937 wegen mangelnder Beweise wieder einstellen.

Bauder landet in der «Irrenversorgung»

Die Staatsanwaltschaft kann ihn also nicht hinter Gitter bringen, weshalb der Fall an den Regierungsrat weitergereicht wird. Dieser entscheidet am 7. September 1937, dass Bauder zwangseingewiesen werden müsse. Da er zuvor ja schon seine Mündigkeit verloren hatte, ist es relativ einfach, ihn einzusperren. So landet Bauder in der Anstalt Friedmatt in Basel in der «Irrenversorgung». Mit seiner Einweisung startet ein Papierkrieg auf beiden Seiten, denn während seine Versorgung stets um sechs Monate verlängert wird, reicht Bauder immer und immer wieder Rekurs ein – ohne Erfolg.

Die «Irrenversorgung» Friedmatt in Basel.

Die «Irrenversorgung» Friedmatt in Basel.

Staatsarchiv Basel-Stadt, NEG 21092 (Foto B. Wolf
Die Anstalt Friedmatt in Basel von vorne vom Garten aus.

Die Anstalt Friedmatt in Basel von vorne vom Garten aus.

Staatsarchiv Basel-Stadt, BSL 1013 1-6560 1 (Foto Hans Bertolf

«Aktenentzug» und «Schreibsucht»

Sämtliche psychologischen Gutachten sagen aus, dass «seine Geisteskrankheit sich nicht gebessert habe». Die Akten zeichnen ein verworrenes Bild der Situation. Bauder wird stets «Schreibsucht» und eine realitätsfremde Vorstellung der Welt und ihrer Abläufe vorgeworfen. Bauder hingegen beteuert stets, man würde ihm die Möglichkeit, Beweise für die Wahrheit vorzubringen, verwehren. Er spricht von «Aktenentzug», da ihm auch kein Zugriff auf seine eigene Akte gewährt wird.

Anfang der 40er-Jahre wird Bauders Zustand als «Wahnkrankheit» bezeichnet. Er halte völlig an der Realität seiner Wahnideen fest und sei gar davon überzeugt, dass er den Lauf der Welt vorhersagen und sich dadurch Gewinne verschaffen könne. Es bestehe die grosse Gefahr, dass er Leute durch seine betrügerischen Machenschaften zu Schaden bringen könne. So bleibt der «für die Umwelt gefährliche Psychopath» bis 1943 unfreiwillig in der Anstalt Friedmatt; am 7. März wird er entlassen.

Unscheinbarer Start, unscheinbares Ende

Und damit endet Bauders Spur im Basler Staatsarchiv. Einige Briefe von ihm selbst lassen vermuten, dass das Betrügen Teil seines Lebens blieb. Erwischt wurde er aber nicht mehr. Auf Nachfrage teilt das Basler Bevölkerungsamt mit, Hans Bauder sei am 28. Januar 1954 im Bürgerspital verstorben. Da dieser Bauder auf dem Familienregisterblatt seiner Eltern vermerkt war, geht man davon aus, dass er weder geheiratet noch Kinder bekommen hat. So unscheinbar Bauders Leben begonnen hatte, so endete es auch – trotz seiner Bemühungen sich mit Aktiengeschäften Ruhm und Anerkennung zu sichern.

So ticken notorische Betrüger

Prof. Dr. med. Marc Graf, Klinikdirektor Forensisch Psychiatrische Klinik

Prof. Dr. med. Marc Graf, Klinikdirektor Forensisch Psychiatrische Klinik

Mario Heller / SON

Der forensische Psychiater Marc Graf weiss, wie die Justiz heute mit ihnen umgeht.

«Auch unter den Betrügern gibt es verschiedene.» Marc Graf ist Direktor der Klinik für Forensik in der Universitären Psychiatrischen Klinik in Basel. Er kennt diesen Tätertyp und seine Ausprägungen. Laut Graf gibt es einerseits den altruistischen Betrüger. Dieser seltene Typ betrüge aus einer guten Motivation heraus und meist nicht zu seinen Gunsten, sondern für andere. Viel häufiger gebe es aber den notorischen Betrüger. Graf sagt:

Sie haben oft eine narzisstische Persönlichkeitsstruktur, sie sind im Kern selbstunsicher und darum darauf angewiesen, sich mit Personen oder Dingen zu umgeben, durch die sie und für die sie bewundert oder gar beneidet werden.

Bei Männern seien das oftmals teure Autos oder junge Frauen. Erhalte ein Narzisst keine Beachtung mehr oder wird er kritisiert und zurückgewiesen, falle die Reaktion oft sehr destruktiv aus.

Früher wurden Tunichtgute und Betrüger weggesperrt

Narzisstische Persönlichkeitszüge bilden sich laut Graf bereits in der Kindheit aus und manifestieren sich in der Jugend. «Sie sind tief verankert in der Persönlichkeit und lassen sich schwer behandeln.» Oft seien Narzissten auf den ersten Blick nicht erkennbar. Erst wenn man sie näher kennen lerne, sehe man «die ausbeuterische, exzentrische Seite, die unersättlich ist».

Hans Bauder wurde vom Gericht in eine psychiatrische Anstalt geschickt. Tatsächlich war eine Verwahrung von notorischen Tätern vor der Revision des Schweizer Strafgesetzbuches im Jahr 2007 möglich. Zuvor habe man verhaltensauffällige Menschen schneller in die Psychiatrie gesteckt.

Alle Tunichtgute, Betrüger und Alkoholiker wurden weggesperrt. Das ist aber zum Glück nicht mehr vereinbar mit der modernen Rechtsstaatlichkeit

, sagt Graf. Im Strafgesetzbuch heisst es: «Wer in der Absicht, sich oder einen andern unrechtmässig zu bereichern, jemanden durch Vorspiegelung oder Unterdrückung von Tatsachen arglistig irreführt oder ihn in einem Irrtum arglistig bestärkt und so den (...) andern am Vermögen schädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe bestraft.»

Graf sagt: «Heute schaut man sich die Schuldfähigkeit sehr sorgfältig an.» Erkenne man bei einem Betrüger eine psychische Krankheit, könne eine Massnahme anstelle einer Haftstrafe ausgesprochen werden. Graf:

Ist eine Person aber schwer psychisch krank, fehlt ihr in der Regel die Raffinesse zum Betrügen.

Dass der Betrug oftmals als Kavaliersdelikt betrachtet wird, greift zu kurz. «Schaut man sich die ganz grossen Betrüger an, stimmt es nur auf den ersten Blick, dass die Taten keine Gefahr für Leib und Leben darstellten. Da gibt es Opfer, die ruiniert sind, die drogen- oder alkoholsüchtig werden, die sich umbringen, Existenzen und Familien, die zerbrechen. Das darf man nicht bagatellisieren.»