Pharmaindustrie
Novartis-Konkurrenten tun sich schwer mit Kopien

Der Basler Pharmariese Novartis hat im dritten Quartal einen vier Prozent höheren Umsatz erzielt. Dies, weil der Blutdrucksenker Diovan Erfolg hat, obwohl das Patent abgelaufen ist. Über die neue Konzernstrategie gibt es bislang nur Spekulationen.

Isabel Strassheim
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Neue Konzernstrategie: Es wird spekuliert, ob Novartis die Sparte Tiergesundheit verkaufen wird.

Neue Konzernstrategie: Es wird spekuliert, ob Novartis die Sparte Tiergesundheit verkaufen wird.

Keystone

Novartis hat Glück. Das Patent für seinen Verkaufsrenner, den Blutdrucksenker Diovan, ist in den USA zwar seit vergangenem Jahr abgelaufen, aber noch immer hat es keine Kopie auf den Markt geschafft.

Deshalb hat der Basler Pharmakonzern im dritten Quartal einen vier Prozent höheren Umsatz von 14,3 Milliarden Dollar gemacht und erhöhte zum zweiten Mal in Folge seine Ziele für das Gesamtjahr. Denn die gefürchtete Patentklippe mit hohen Umsatzausfällen verschiebt sich auf 2014 und sie dürfte milder ausfallen.

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat das Diovan-Nachahmerprodukt des indischen Pharmakonzerns Ranbaxy Laboratories noch nicht genehmigt.

Damit gibt es jetzt keine billige Alternative für den Blutdrucksenker in den USA und für Novartis bedeutet jeder Monat einen Extra-Gewinn. Der Konzern schliesst nicht mehr aus, dass der Umsatz 2013 um rund fünf Prozent steigt und der Kernbetriebsgewinn zumindest gehalten wird.

Unverhofftes Glück

Mit einer anderen Wachstumsstrategie des neuen Verwaltungsrats-Präsidenten Jörg Reinhardt hat dieser Optimismus aber nichts zu tun.

Novartis kann das unverhoffte Glück dennoch umsetzen: Denn ein Teil der Zusatzgewinne fliesst in Forschung und Entwicklung und in die Lancierung neuer Medikamente, wie Novartis-Chef Joe Jimenez gestern sagte.

Studie: Pharma-Rekordmarken

Im vergangenen Jahr exportierte die Pharmaindustrie Medikamente für 64 Milliarden Franken. Das sind rund ein Drittel der Gesamtexporte der Schweiz, wie die gestern präsentierte Studie der beiden Wirtschaftsforschungsfirmen BAK Basel und Polynomics zeigt. DieRegion Baselsteuerte zu diesen Exporten 46 Milliarden bei. Zur Wertschöpfung (Löhne, Gewinne) der Region trägt Pharma direkt 23 Prozent bei. Indirekt, das heisst dank Aufträgen an Zulieferer, Gewerbe etc. steigt die Zahl gemäss BAK auf fast 50 Prozent. Das heisst: In der Nordwestecke der Schweiz wird jeder zweite Franken mit Pharma verdient. Hingegen beschäftigt die Pharmaindustrie nur gerade sechs Prozent der erwerbstätigen Personen in der Region. Die Arbeitsproduktivität, der Output pro Mitarbeitenden, beträgt 480 000 Franken. Die Stundenproduktivität ist dreimal höher als der Schweizer Durchschnitt. Bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung nimmt die Region mit einem Anteil von 10 Prozent am lokalen Bruttoinlandsprodukt weltweit einen Spitzenplatz ein (München: 6 Prozent, Boston, New Jersey: 5 Prozent, Öresund, der Arc Lémanique mit VD/GE/VS: 4 Prozent, Zürich, New York 2 Prozent). Die Region wird bezüglich Wachstum wieder an die Schweizer Leaderposition vorrücken. (STS)

Entscheidend für die Zukunft wird nämlich sein, wie Novartis sich mit neuen Medikamenten sowie auf den neuen Märkten behauptet.

Und da gibt der gestrige Quartalsausweis Hinweise: Neue Arzneimittel wie das Multiple-Sklerose-Medikament Gilenya oder das Krebsmittel Afinitor machen inzwischen 39 Prozent des Umsatzes der wichtigen Pharmadivision aus. Damit ist Novartis besser für den kommenden Diovan-Ausfall gewappnet als erwartet.

Wachstumsschwäche in China

Auf den neuen Märkten harzt es jedoch: Denn in Asien und Lateinamerika spürt Novartis den Währungsrückgang gegenüber dem Dollar – der Kernbetriebsgewinn sank so im dritten Quartal um fünf Prozent auf 3,6 Milliarden Dollar. Dennoch trugen die Schwellenländer ein Viertel zum Gesamtumsatz bei.

In China verlangsamte sich das Wachstum aber auf 18 von 25 Prozent im Vorquartal. Laut Jimenez geht das auf Bestechungsvorwürfe zurück. Denn Spitäler empfangen Novartis-Vertreter nur noch in begrenztem Umfang. Das dürfte jedoch nur vorübergehend sein, so Jimenez weiter.

Gegen Novartis wie unter anderen auch gegen GlaxoSmithKline (GSK) laufen Korruptionsermittlungen der chinesischen Behörden. Die Auswirkungen auf GSK werden ersichtlich, wenn der britische Pharmakonzern seine Zahlen vorlegt.

Die Handschrift des im August angetretenen VR-Präsidenten Reinhardt zeigt der Quartalsausweis noch nicht. Auch weitere wichtige Stellenwechsel wurden nicht angekündigt. Es wurde lediglich ein neuer Konzern-Personalchef berufen und die Stelle für Corporate Responsibility neu besetzt.

Letzteres führte jedoch zu Spekulationen, weil mit George Gunn der Leiter der Division Tiergesundheit entmachtet wurde. Diese Sparte gehört mit einem Jahresumsatz von 1,3 Milliarden Dollar zu den kleinsten von Novartis.

Reinhardt hatte aber vor rund drei Monaten eine Überprüfung der Konzernstrategie mit dem Ziel lanciert, nur die führenden Divisionen zu halten. Intern gibt es derzeit gar Gerüchte, die Generika-Sparte Sandoz könne abgestossen werden.

Von Konzernchef Jimenez gab es dazu gestern nur eine ausweichend-hinhaltende Auskunft: Für die Novartis-Divisionen, denen es an Grösse mangle, würden Optionen erwogen. Der Raum für Spekulationen um die Sparten bleibt damit weiter offen.

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