Ochsentour
Durcheinander von Rind und anderem

Simon Morgenthaler lebt und ochst in Basel. Er würde für die «Schweiz am Wochenende» auf eine literarisch-kulinarische Ochsentour in der Region gehen, bleibt aber wie alle sitzen und denkt nach. Ein gefährliches Unternehmen.

Simon Morgenthaler
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Im Vordergrund unter anderem ein Ochsen- oder Stierenschädel auf dem Balusterschaft des Holbeinbrunnens, der rein gar nichts mit dem alten Eckhaus dahinter zu tun hat: dem ehemaligen Gasthof zum schwarzen Ochsen, heute Residenz des «Mandir».

Im Vordergrund unter anderem ein Ochsen- oder Stierenschädel auf dem Balusterschaft des Holbeinbrunnens, der rein gar nichts mit dem alten Eckhaus dahinter zu tun hat: dem ehemaligen Gasthof zum schwarzen Ochsen, heute Residenz des «Mandir».

Bild: Simon Morgenthaler

Ich sitze in meiner Küche zentriert vor dem Fenster zur Welt. Es ist rechteckig und verhältnismässig klein, auch wenn ich nicht ganz sicher bin, welches Verhältnis ich meine. Im Licht der Lampe schimmern Fingerabdrücke auf dem Glas. Es scheint fast, als hätte ich mir beim Zuklappen dieses Fensters stets die Finger eingeklemmt.

In die Tasten unterhalb tippe ich unablässig Botschaften, die wie verunglückte Ausgeburten eines armen Poeten klingen: «alter ochse», dann «indisch nach hause» , später «heilige kuh». Ich stosse auf ein Bild von 1928, der Gasthof zum schwarzen Ochsen an der Basler Schützenmattstrasse, heute das «Mandir» (Hindi für Tempel), ein indisches Restaurant.

Der Wirt des «schwarzen Ochsen» hat anno Tobak eine der städtischen Milchkuranstalten gegründet: Irgendwo finde ich fidele Frauen und Kinder an Tischen fotografiert, neben hygienisch eingestallten, direkt bemelkbaren Kühen: Milch, ein gesundes Elexir für «verdauungsgestörte Personen», hiess es. Blähungen, Durchfall, ich kenne die Symptome der Laktoseintoleranz. Der Appetit kommt – vor mir rollt eine kulinarische Unendlichkeit. Diese Joghurtbeilage mag ich, Raita, gern scharf dazu, «Capsaicin macht glücklich», aber welches Tier oder Gemüse, nichts Ayurvedisches, das ist zu heilsam. Vielleicht doch Rind, wenn ich's schon von Ochsen und Kühen hatte? Beef Masaledar. Ich bestelle.

Aber war da nicht etwas mit heiligen Kühen? Erschrocken blicke ich ins Fenster zur Welt. Doch: Ein fernes Tabu gebrochen in Angebot und Nachfrage… Kamadhenu heisst die Wunschkuh, die Über-Kuh, Sinnbild für Prosperität, für Fertilität. Der Schöpfer-Gott Brahma habe soviel Amrita – wohl eine Art ambrosisches Lassi – getrunken, dass er erbrochen habe, woraus die nährende Kamadhenu entstanden sei. Eine Form produktiver Laktoseintoleranz? Dann eine Schlagzeile über «sündige Geschäfte». Indien, lese ich, einer der grössten Rindfleischexporteure der Welt. Es klingelt. Im düsteren Innenhof wird mir ein Paket überreicht.

Verbotenes Rind habe ich im «Tempel» bestellt, im ehemaligen «schwarzen Ochsen», der heute ein «Inder» ist, und bin dabei in so viele Fett- oder Gheenäpfchen getreten, wie ich jetzt Plastikschalen vor mir habe. Ich bin froh, dass die Schärfe des Gerichts meine Schweisstropfen legitimiert. Ich klappe das Fenster zur Welt zu, habe ich sie doch jetzt zwischen den Zähnen. Die eingeklemmten Finger schmerzen nur bedingt. In Kopf und Mund ein Durcheinander, ein gutes.