Oscarnominiert
Waldmenschen ohne Wurzeln: Basler Film kritisiert Abholzung und Missionierung

Die Regisseurin und Wahlbaslerin Arami Ullón widmet den Indigenen Paraguays ein erschütterndes Porträt. Der Dokumentarfilm «Apenas el sol» läuft jetzt in den Kinos.

Hannes Nüsseler
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Mateo sammelt die Stimmen der Vergangenheit: Filmstill aus «Apenas el sol».

Mateo sammelt die Stimmen der Vergangenheit: Filmstill aus «Apenas el sol».

Cineworx

Das Magnetband flattert im Wind. Mateo Sobode Chiqueno steckt einen Finger in das Loch der Kassette und wickelt das Band wieder auf – die Zeit zurückdrehen kann er damit freilich nicht. Auf Band festgehalten sind die Sprache, Gesänge und Rituale der Ayoreo, eines indigenen Volkes, das systematisch aus dem Trockenwald Paraguays vertrieben wird. «Wir sind wie ein gefällter Baum», sagt Mateo, selbst ein Ayoreo, in «Apenas el sol». Der von Cineworx Basel co-produzierte Dokumentarfilm trifft einen Nerv: Er wurde mehrfach ausgezeichnet und nicht nur von der International Documentary Association nominiert, sondern auch für den Oscar als bester fremdsprachiger Film.

Filmemacherin Arami Ullón.

Filmemacherin Arami Ullón.

zVg / Martin Crespo

Dass die Filmemacherin und Wahlbaslerin Arami Ullón den Überlebenskampf der Indigenen erst im Ausland entdeckte, bezeichnet sie selbst als Ironie des Schicksals. «In einer Schweizer Zeitung las ich von Ayoreo, die noch immer ohne Kontakt zur Aussenwelt lebten», erzählt sie am Telefon. «Ich war geschockt, weil ich davon nichts wusste!» Mit Hilfe eines Schweizer Anthropologen stellte sie schliesslich den Kontakt zu Mateo her, der das Verschwinden seines Volkes beharrlich dokumentiert. «Die Aufnahmen trösten dich, ich finde das schön», sagt Mateos Frau im Film. «Schade, dass es manche stört.»

Von christlichen Missionaren und Viehzüchtern in staubige Siedlungen gezwungen, fristen die Ayoreo ein klägliches Dasein. Sie dürfen nicht mehr jagen, haben kaum Wasser und werden von den Missionaren spirituell gegängelt: «Es ist besser, gläubig von dieser Welt zu gehen», dröhnt es in den Backsteinkirchen. Um Vergangenheit und Zukunft gebracht, flüchten die Ayoreo in die christliche Heilslehre. Widerstand dagegen gibt es nur wenig. «Die Ländereien liegen in den Händen christlicher Institutionen – die wiederum die Hauptarbeitgeber und Nahrungslieferanten der Ayoreo sind», erklärt die Regisseurin. «Die Unterdrücker sind also zugleich die potenziellen Chefs.»

Die weisse Bevölkerung Paraguays nimmt solche Missstände kaum wahr. Das liege einerseits an der Bildung, die nicht allen im gleichen Masse zugänglich sei, sagt Ullón. Vor allem sei dafür aber die Symbolpolitik der Regierung verantwortlich, welche die ethnische Komplexität sträflich vereinfache. «In Paraguay gibt es 19 verschiedene indigene Volksgruppen», erzählt die Regisseurin, «die grösste ist die der Guaraní.» Indem man ihre Kultur überhöhe, blende man die anderen Ethnien aus, um sich so deren Land aneignen zu können. «Territorien, in denen keine Guaraní leben, werden als Niemandsland bezeichnet – was nicht stimmt.» So werden Indigene vertrieben, obwohl das gegen ihre durch die Verfassung garantierten Rechte verstösst.

Kein Ausruhen auf dem Erfolg

«Unser Land war grenzenlos, das wollte ich euch sagen», diktiert Mateo in sein Kassettengerät. Davon ist im Dokumentarfilm nichts mehr zu spüren, Türen, Verschläge und Zäune überall. «Die Missionare haben uns aus dem Paradies vertrieben», sagt der Ayoreo, dessen Eltern an den Krankheiten der Weissen starben. Und es gibt kein Zurück. «Im Chaco wird derzeit weltweit am meisten Wald gerodet», erklärt Ullón. «Wenn das so weitergeht, existieren diese Wälder in ein paar Jahren nicht mehr.»

Das Publikum kann dementsprechend keine unversehrte Naturschönheit erwarten. «Mein Film hört nicht mit einer idyllischen Szene auf, in der Mateo doch noch zurückkehrt und so den Schein von Hoffnung wahrt. Nein: Wenn wir jetzt nicht handeln, ist es zu spät.» Trotzdem oder gerade deswegen sei der Film in ihrer alten Heimat ein unerwarteter Erfolg. «Viele Leute verstehen die Dringlichkeit und wollen sich für den Erhalt dieses Lebensraumes einsetzen.» Erstmals überhaupt wurde im Parlament der Überlebenskampf der Ayoreo zur Kenntnis genommen – auch für die Regisseurin ein grosser Erfolg.

Darauf ausruhen mag sie sich aber nicht, schon gar nicht in der Schweiz. «Wir sollten vermehrt lokal essen und beim Fleisch auf dessen Herkunft achten.» Dasselbe gelte im Übrigen auch für Soja: «Viele Veganerinnen und Veganer glauben, dass sie sich nicht nur gesund, sondern auch umweltbewusst ernähren», sagt Ullón. «Dabei ist Soja der grösste Baumkiller.»

«Apenas el sol» läuft ab 25.11. im Kultkino Camera und im Sputnik Liestal.

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