Persönlich
Wie ich meine Vorurteile rettete

Die Wetter-App von Apple zeigt nie 69 Grad Fahrenheit an. Der Grund ist nicht der, an den sie jetzt denken.

Michel Ecklin
Michel Ecklin
Drucken
Teilen
Amerikanische Wetter-Apps haben ihre Tücken.

Amerikanische Wetter-Apps haben ihre Tücken.

Benjamin Manser

Neulich stiess ich in den sozialen Medien auf eine merkwürdige Schlagzeile: Die Wetter-App von Apple sagt nie 69 Grad Fahrenheit voraus, sondern immer nur 68 oder 70. Vielleicht denken Sie jetzt das Gleiche, was mir durch den Kopf ging: Haha, diese puritanischen Amis! Sind so prüde, dass man sie nicht mal beim Wetter an den menschlichen Beischlaf erinnern darf.

Vor meinem geistigen Auge sah ich Demos, auf denen der Teufel in einen Apfel biss, und Steve Jobs war natürlich der Antichrist. Logisch, will Apple einen solchen PR-GAU tunlichst vermeiden. Schliesslich klickte ich den Link an. Und siehe da, für das Temperatur-Kuriosum gibt es eine ganz andere Erklärung: Apple bezieht die Rohdaten von einem internationalen Wetterdienst, und zwar in Grad Celsius.

20 Grad Celsius sind 68 Grad Fahrenheit, 21 Grad Celsius sind 69,8 Grad Fahrenheit, gerundet 70. Die 69 fällt zwischen Stuhl und Bank. Nur allerlogischste Mathematik also. Und ich fühlte mich ertappt. Gefangen in einem Vorurteil gegenüber den angeblich prüden USA hatte ich Apple Prüderie unterstellt – und musste mich ein bisschen schämen.

Immerhin konnte ich mich trösten, dass die US-Amerikaner sich selber das Leben schwer machen, wenn sie so unpraktische Masseinheiten verwenden. Genau, das hatte doch schon unser Physiklehrer gesagt. Und schon hatte ich ein neues USA-Vorurteil.

Aktuelle Nachrichten