Schweizer Musikpreis

Rudolf Kelterborns Interesse an der Neugier des Publikums

Rudolf Kelterborn hat das Schweizer Musikleben auch als Pädagoge stark geprägt.

Rudolf Kelterborn hat das Schweizer Musikleben auch als Pädagoge stark geprägt.

Der Komponist Rudolf Kelterborn ist der einzige aus der Region stammende Preisträger des diesjährigen Schweizer Musikpreises.

Der Schweizer Musikpreis wird alljährlich an 15 Musikschaffende vergeben. Quer durch alle Genres wird mit ihm «herausragendes und innovatives Schweizer Musikschaffen», so der Eigenbeschrieb, ausgezeichnet. Dieses Jahr schaffte es nur ein Musiker aus der Region unter die Preisträger: Rudolf Kelterborn.

Dessen Karriere verlief geradlinig: 1931 geboren in Basel, Matura, Studien in Dirigieren, Klavier und Komposition unter anderem bei Igor Markevich in Salzburg, vor allem aber an der Musikakademie Basel bei Walther Geiser und in Musikwissenschaft bei Jacques Handschin an der Universität Basel.

Anschliessend studierte Kelterborn bei Willy Burkhard in Zürich, bei Boris Blacher in Salzburg oder bei Günter Bialas und Wolfgang Fortner in Detmold. Zweimal, in den Jahren 1956 und 1960 nahm er auch an den Darmstädter Ferienkursen teil, dem Mekka für Neue Musik in jenen Jahren.

Rudolf Kelterborn ist zweifellos eine wichtige Stimme im zeitgenössischen Musikleben der Schweiz. Aber er hat auch neben seinem kompositorischen Schaffen in vielen Gebieten einen grossen Einfluss gehabt. Zum einen als wichtiger Lehrer: Schon als junger Komponist lehrte er Musiktheorie an der Musikakademie Basel, ähnliche Positionen hatte er in ­Detmold, Zürich und Karlsruhe inne.

1983 kehrte er nach Basel zurück, um Direktor der Musikakademie zu werden, eine Position, die er bis 1994 behielt. Wichtige, das Schweizer Musikleben prägende Komponisten wie Andrea Scartazzini, Bettina Skrzypczak, Martin Schlumpf oder Alfons Karl Zwicker gehörten zu seinen Schülern.

Ein Renommee weit über die Schweiz hinaus

Immer hat er sich auch kulturpolitisch engagiert, zum Beispiel als Stiftungsrat der Pro Helvetia oder im Vorstand des Schweizerischen Tonkünstler-Vereins. Weit über die Schweiz hinaus reicht sein Renommee – in die USA, nach Russland, Japan oder China wurde er für Referate, ­Seminare, Vorlesungen und ­Kurse eingeladen.

Aber das Inte­resse von Rudolf Kelterborn griff auch über das Akademische ­hinaus. So war er zum Beispiel von 1969-1974 Chefredaktor der Schweizer Musikzeitung, und von 1974 bis 1980 leitete er beim Schweizer Radio die Hauptabteilung ­Musik.

Auch als Dirigent vor allem eigener Werke, die er gerne in beziehungsreiche Kontexte stellte, trat Kelterborn in Erscheinung. In seiner Zürcher Zeit arbeitete er in der Programmkommission der Zürcher Tonhalle-Gesellschaft mit. Zusammen mit Heinz Holliger und Jürg Wyttenbach gründete er 1986 das Basler Musik Forum, in dessen Konzerte er über viele Jahre hinweg ebenfalls seine Kompetenz für vielfältig sinnvoll korrelierende Programm-Ideen einbrachte.

Ein stattliches Œuvre von gegen 200 Werken

Dass Kelterborn bei all seinen Aktivitäten überhaupt Zeit und Ruhe zum Komponieren fand, mag erstaunen. Tatsächlich hat er über die Jahre ein stattliches Œuvre von gegen 200 Werken geschaffen, das fast sämtliche musikalischen Gattungen umfasst. Dabei hat ihn die Auseinandersetzung mit den wichtigsten Strömungen der musi­­­ka­lischen Avantgarde von Neo­­klassizismus bis zu serieller Musik und Aleatorik ebenso geprägt, wie die immer wieder aufs Neue hinterfragten Bedürfnisse an den gerade im Moment relevanten musikalischen Ausdruck.

So ist kein eigentlicher Personal-Stil entstanden, sondern im Gegenteil, ein Komponieren, das sich in jeder Konstellation, und auch für jede Besetzung, egal ob Oper und Sinfonie oder Kammermusik immer wieder aufs neue um den jeweils passenden musikalischen Ausdruck bemühte.

Kelterborn ist kein Schwätzer, seine Texte über seine eigene Musik sind lakonisch kurz und sachlich. Von den wild wuchernden Theoriegebäuden mancher Komponistenkollegen ist das weit entfernt. Viel wichtiger als pädagogische Führung durch seine Musik ist ihm das aktive Zuhören, die Neugier und Offenheit eines Publikums.

In einem seiner Aufsätze schrieb er: «Ich verstehe Musik als Ausdruckskunst. Das Bemühen um grösstmögliche Ausdruckskraft steht bei meiner Arbeit immer im Vordergrund.» Kompositorische Technik heisse überhaupt, «ein dichtes Netz von Bezügen zu schaffen, offensichtlichen und verborgenen», sagte er in einem Inteview.

Und in einem anderen: «Bei meiner Arbeit ist für mich nicht in erster Linie wichtig, ob ich etwas grundlegend Neuartiges schaffe. Wichtig ist mir dagegen, dass mein Werk bei Zuschauern und Zuhörern etwas in Bewegung setzt.»

Aus Kelterborns reichem Œuvre erhielt die Uraufführung der Oper «Der Kirschgarten» nach Tschechow zur Wiedereröffnung des renovierten Opernhauses Zürich 1984 wohl am meisten Echo. Weitere Opern, fünf Sinfonien und fünf Streichquartette hat er geschrieben, oft und gerne auch literarische Texte vertont, wobei der Weg manchmal auch umgekehrt war: «Für mich ist der Text oft der Kommentar zu meiner Musik, und es kam vor, dass ich eine Musik schon entwickelt hatte und dazu noch einen Text suchte. Ich finde die wechselnde Distanz oder Integration von Text und Musik gerade das Spannende dabei.»

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