Schiblis Kopfsalat
Der Wille zur Mitte

Die Mitte ist ein vermintes Feld. Sie bezeichnet keinen Standpunkt, sondern eine Relation, ein «Zwischen». Wohl deswegen ist sie in der Schweiz so beliebt.

Sigfried Schibli
Sigfried Schibli
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Als ich kürzlich in der Basler «Mitte» sass, fragte ich mich, warum gerade ein «alternativer» Betrieb so einen provozierend harmlosen Namen trägt. Mir fiel ein Vers des Dichters Friedrich von Logau aus dem frühen 17. Jahrhundert ein: «In Gefahr und grosser Not / bringt der Mittelweg den Tod.»

Diese Zeilen des schlesischen Poeten erlebten das, was den wenigsten Versen der Literaturgeschichte beschieden ist: eine späte Karriere. Sie gefielen den deutschen Linksintellek­tuellen Alexander Kluge und Edgar Reitz so ausnehmend gut, dass sie 1974 daraus den Titel eines satirischen Films ableiteten. Riecht das Wort vom todbringenden Mittelweg doch nach freudigem Radikalismus und konsequentem Anti-Establishment, wie sie damals in deutschen Univer­sitätsstädten en vogue waren.

Nicht das bequeme Einmitten gepredigt

Die Mitte ist allerdings ein vermintes Feld. Wer «ab durch die Mitte» geht, ist auf der Flucht. Sucht Rettung durchs Gedränge, einen Weg, der sich meist anbietet, wenn die Fluchtwege links und rechts verbaut sind. Das sieht offenbar auch die CVP so, die traditionsreiche Partei der Schweizer Katholiken. Sie hat sich in den meisten Kantonen in «Die Mitte» umbenannt und diesen Schritt sogar in Luzern von der Basis absegnen lassen – obwohl ihr Patron, Jesus von Nazareth, nicht das bequeme Einmitten, sondern die radikale Umkehr gepredigt hat.

Und wohl wissend, dass «Mitte» keinen Standpunkt bezeichnet, sondern eine Relation, ein «Zwischen», vollkommen abhängig von den Extremen auf allen Seiten. Gäbe es beispielsweise nur linke Anarchisten und rechte Sozialdemokraten, so läge die Mitte zwischen beiden irgendwo bei Jean Ziegler. Aber das ist natürlich fiktiv.

Die Nazis nur angedeutet

Der deutsche Historiker und Philosoph Oswald Spengler hatte bei bürgerlichen Lesern einst Gewicht, heute ist er vergessen oder gilt bestenfalls als Theoretiker der «konser­vativen Revolution». Spengler (1880–1936) hat den zweibändigen Schinken «Der Untergang des Abendlandes» geschrieben, der häufig zitiert, aber selten gelesen wird. Und zehn Jahre später eine deutlich prägnantere und lesbarere Schrift mit dem Titel «Jahre der Entscheidung» nachgeschoben. Dort geisselt er die Gewerkschaften und feiert Mus­solini als Verkörperung des «cäsarischen» Ideals. Adolf Hitler kommt in dem 1932 verfassten Text nicht vor, die Nazis nur andeutungsweise, was sie Spengler nie verziehen.

Ein Seitenblick Spenglers fällt auf die Schweiz. Spengler erwähnt sie im Zusammenhang mit dem Niedergang der Mitteparteien in Deutschland. Diese seien «ohne Widerstand» verschwunden, was Spengler, ein Freund der Zuspitzung, keineswegs bedauert. Denn «der Wille zur Mitte», schreibt er, «ist der greisenhafte Wunsch nach Ruhe um jeden Preis, nach Verschweizerung der Nationen, nach geschichtlicher Abdankung, mit der man sich einbildet, den Schlägen der Geschichte entronnen zu sein.» Man könnte ruhig wieder einmal Spengler lesen. Auch auf die Gefahr hin, dass man ihn doch nicht so blöd findet.

Sigfried Schibli ist Musikkritiker und Publizist, Hobbymusiker, Grossvater und Querbeet-­Leser. Er nutzt seine Zeit für die Erholung vom Nachdenken.

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