Sinfonieorchester Basel
Sarkastische Zirkusmusik zur Feier des Sieges

Für viermal 50 Zuhörer spielten das Sinfonieorchester Basel und der Geiger Vadim Gluzman Prokofjew und Schostakowitsch. Für die anderen gibt’s den Stream.

Reinmar Wagner
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Vier Aufführungen bot das SOB an zwei Tagen.

Vier Aufführungen bot das SOB an zwei Tagen.

zvg/ Benno Hunziker

Es kann ziemlich schief gehen, wenn die Mächtigen glauben, Künstler für sich vereinnahmen zu können. Stalin ist es mit Schostakowitsch so ergangen. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg war dieses Verhältnis zwischen dem Diktator und dem populärsten sowjetischen Komponisten zwiespältig.

Dann kam der Krieg, und Schostakowitsch schrieb seine grosse «Leningrader»-Sinfonie. Die Moskauer Premiere fand schon unter heulenden Luftalarm-Sirenen statt, und im eingeschlossenen Leningrad ertrotzten die noch nicht verhungerten Musiker unter prekärsten Bedingungen eine Aufführung «ihrer» Sinfonie.

Das Konzert wurde zum Fanal für den russischen Widerstandswillen. Schostakowitsch erhielt den Stalin-Preis. 1945, nach dem gewonnenen Krieg, erwartete Stalin beim nun wieder in höchsten Ehren stehenden Komponisten eine «Sieges-Sinfonie». Der machte sich an die Arbeit, heraus kam aber alles andere als die Verklärung des Sieges über Nazi-Deutschland und der heldenhaften Roten Armee.

Nachdenklich ausufernde Monologe

Kurz und knapp ist dieses Werk, sarkastisch und primitiv, eine grelle Zirkus- und Jahrmarktsmusik, deren Pathos völlig hohl und aufgesetzt klingt. Und dazwischen stehen nachdenklich ausufernde Monologe von Klarinette und Fagott, die auf berührende Weise die vielen Gefallenen des Krieges beklagen. Klar, dass der Komponist damit erneut in Ungnade fiel, und erst Stalins Tod 1953 ermöglichte ihm wieder öffentliche Auftritte.

Der aus Usbekistan stammende Dirigent Aziz Shokhakimov.

Der aus Usbekistan stammende Dirigent Aziz Shokhakimov.

zvg/ Benno Hunziker

Aber seine Neunte ist ein überaus unterhaltsames Werk, und Aziz Shokhakimov an der Spitze des Sinfonieorchesters Basel verschenkte nichts von den quirligen, lauten Klängen, die an die Musik eines Trickfilms erinnern. Der aus Usbekistan stammende, 32-jährige Dirigent ist bei uns noch wenig bekannt, aber das dürfte sich ändern: Ab September ist er Chefdirigent des Philharmonischen Orchesters Strassburg.

Und auch das Basler Orchester freute sich sichtlich, diese sinnlos-sarkastischen Passagen nach Kräften zu übertreiben. Aber auch die feineren, nachdenklicheren Töne dieses Werks waren bei den Holzbläser-Solisten in den besten Händen. Ebenso wie in der ersten Konzerthälfte das dankbare zweite Violinkonzert von Sergej Prokofjew.

Der israelische Geiger Vadim Gluzman.

Der israelische Geiger Vadim Gluzman.

zvg/ Benno Hunziker

Der israelische Geiger Vadim Gluzman, der längst zu den besten seines Fachs gehört, spielte es mit der passenden Virtuosen-Attitüde ohne zum Showman zu mutieren und präsentierte die Schönheiten des gesanglichen Mittelsatzes mit einem überaus warm glühenden Geigenton. Und auch 50 Zuhörer kriegen eine Zugabe: Gluzman spielte die Sarabande aus Bachs d-Moll-Partita sehr schlicht und schlank, mit dosiertem Vibrato aber immer schön gerundetem Ton.

Exotisch und abwechslungsreich

Von Vadim Gluzman ist übrigens soeben eine neue CD erschienen, zusammen mit einem anderen Schweizer Sinfonieorchester, demjenigen aus Luzern unter James Gaffigan. Die Werk-Kombination ist sehr exotisch: Neben dem berühmten Violinkonzert von Beethoven steht das dritte Konzert von Alfred Schnittke, ein spannendes, sehr abwechslungsreiches, mal überaus herbes, dann wieder munter konzertantes Geigenstück.

Das Konzert wurde live aufgezeichnet.
Der Stream (für 5 Euro, freiwillig mehr) bleibt sechs Monate abrufbar.

Wer nicht zu den 4x50 Besuchern gehörte, kann das Konzert streamen.

Wer nicht zu den 4x50 Besuchern gehörte, kann das Konzert streamen.

zvg/ Benno Hunziker

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