Teilöffnungen
Die Kulturszene blüht wieder auf, doch der Pop entpuppt sich als zartes Pflänzchen

Seit zwei Wochen sind Veranstaltungen mit gewissen Auflagen wieder erlaubt. Doch in einem Bereich bleibt es erschreckend still.

Stefan Strittmatter
Stefan Strittmatter
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Im Pop, Rock, Blues, Reggae, Heavy-Metal und Hip-Hop geht es noch ein Weilchen, bis die Scheinwerfer wieder angehen.

Im Pop, Rock, Blues, Reggae, Heavy-Metal und Hip-Hop geht es noch ein Weilchen, bis die Scheinwerfer wieder angehen.

Walter Schwager / ARC

Gut zwei Wochen sind vergangen, seit der Bundesrat die Schweizer Kulturszene mit Teilöffnungen überrascht hat. Nach über einem Jahr, in dem sich für viele Kunstschaffende und Veranstaltende der Fokus auf Abwarten, Absagen und das Beantragen von Ausfallentschädigungen verschoben hat, ist die Maschinerie erstaunlich schnell wieder ins Laufen gekommen.

So sind die Spielpläne der Theater aktuell voll mit aufgestauten Premieren, Museen locken mit üppigen Programmen, in den Literaturhäusern wird gelesen und debattiert, in den Kirchen und Clubs ertönt der Jazz, und selbst das Stadtcasino ist mit Klassikkonzerten aus dem Dornröschenschlaf ­erwacht, in den es so kurz nach seiner Neueröffnung versetzt worden war.

Wo bleiben Pop, Rock, Blues, Reggae, Heavy-Metal und Hip-Hop?

Man ist versucht, von einem Dammbruch zu sprechen. Und übersieht dabei ob der Event-Flut, dass nicht alle Sparten gleichermassen die Wiedereröffnung feiern. Denn im Bereich der U-Musik – beim Pop, Rock, Blues, Reggae, beim Heavy-Metal und beim Hip-Hop, bei den Songwritern und den Elektro­tüftlerinnen –bleibt es weiterhin erstaunlich still. Erschreckend still sogar.

Der RFV (vormals Rockförderverein) Basel schreibt in seinem aktuellen Newsletter:

«Wir könnten wieder mal klatschen. Und tun das auch, für die Musikschaffenden in der Region Basel, trotz der weiterhin geschlossenen Konzertbühnen.»

Der Satz macht stutzig, zumal die Konzertbühnen faktisch geöffnet sein dürften – wenn auch mit Auflagen: höchstens ein Drittel der Kapazität mit einer fixen Obergrenze von 50 Personen, Sitzzwang und keine Konsumation. Eine informelle Umfrage bei den einschlägigen Veranstaltern zeigt jedoch, dass es für viele beim Konjunktiv bleibt: «In solch einem Rahmen machen Konzert-Veranstaltungen bei uns noch keinen Sinn» (Hirscheneck). «Momentan scheint es nicht möglich und sinnvoll, Konzerte zu organisieren» (Cargobar). «Sitzkonzerte ohne Konsumation passen nicht wirklich in unser Konzept» (Kaschemme). Vorerst leer bleiben die Bühnen auch im Sommercasino, im Humbug oder in der Konzertfabrik Z7.

Einzig die zusammengeschlossenen Clubs Parterre One und Atlantis wagen sich wieder an Pop-Konzerte – wobei das nur mit gesenkten Kosten und Gagen gehe und selbst so finanziell «nicht gross Sinn» mache, wie es auf Anfrage heisst. Bei der subventionierten Kaserne wiederum übertrifft zwar die Freude die Frage nach Sinn oder Unsinn: «Wir sind einfach froh, dass wir wieder live veranstalten dürfen.» Deutlich ist aber auch hier die Antwort darauf, ob sich Konzerte mit maximal 50 Besuchenden und einem Konsumationsverbot rechnen: «Nein.»

Kosten und Nutzen, Aufwand und Ertrag stehen in keinem Verhältnis

Selbstredend wird auch ­niemand reich, wenn das Sinfonie­orchester Basel heute und morgen vier Mal vor jeweils ein paar Dutzend Personen Dmitri Schostakowitschs Sinfonie Nr. 9 in Es-Dur darbietet. In einem Saal, der notabene eineinhalbtausend Menschen fasst. Natürlich ist es Verhältnis-Irrsinn, wenn die Reines Prochaines auf der Grossen Bühne des Theater Basel diese Woche ihre aufwendige Oper «Alte Tiere Hochgestapelt» aufführen. Auch hier stehen aufgrund der Beschränkungen Kosten und Nutzen, Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis.

Gemessen an einem klassischen Klangkörper mitsamt Bühnenarbeitern und eingeflogenem Gastgeiger oder einer Theater-Produktion mit beeindruckendem Bühnenbild und personellem Grossaufgebot ist eine lokale Band aber ein denkbar schlankes und kostengünstiges Konstrukt. Dass sich nun ausgerechnet letzteres nicht rechnet, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Zumal es ja der Rock war, der sich einst frei von strukturellen Hilfen seinen Platz in der Kulturgeschichte erkämpft hat.

Mund-Propaganda, Laufpublikum und Barumsatz

Ursprünglich als Jugendkultur entstanden, hat sich die Popmusik in den sechs Dekaden seit den Swinging Sixties weitaus mehr als eine Nische geschaffen, die sich weitgehend ohne Hilfe «von oben» rechnet: mit Mund-Propaganda statt mit APG-­Plakaten, mit spontanem Laufpublikum statt verlässlichen Jahres-Abonnentinnen, mit Geldern aus dem Barumsatz statt mit Mäzenen und Subventionen.

Und nun – und das ist wohl die traurigste Erkenntnis aus der aktuellen Situation – fliegt dieser Szene genau ihre Selbstständigkeit um die Ohren: Weil sie ihre Existenz jahrzehntelang querfinanziert hat, geht sie nun von privater, kantonaler und staatlicher Stelle leer aus. Wer sich immer selber helfen musste, geht nun vergessen.

Es ist stossend, dass nach einem Jahr im Pandemie-Stillstand mit zahlreichen Erhebungen und Gesuchen die Popmusik bei den zuständigen Ämtern noch immer ein Mauerblümchendasein fristet. Es mag am Rebellionsgedanken liegen, der dem Pop noch immer anhaftet oder vielleicht sogar innewohnt: Man nimmt diese Kunstform als Unkraut wahr, das sich seinen Weg bahnt und nicht vergeht. Doch schaut man sich ihr momentan kümmerliches Dasein an, während andernorts die Kultur wieder erblüht, so muss man sich fragen, ob der Pop nicht doch ein zartes Pflänzchen ist, das jetzt dringend geschützt werden müsste.

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