Theater Roxy
Erinnerungen aus den Kopfhörern

Das Theater Roxy in Birsfelden bietet auf seiner Website einen Audiowalk an. Hörerinnen und Hörer können so einen Spaziergang der anderen Art machen ‒ ein Selbstversuch.

Valerio Meuli
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Das Theater Roxy bietet einen Spaziergang fürs Ohr an.

Das Theater Roxy bietet einen Spaziergang fürs Ohr an.



Archiv: Zvg / BLZ

Der Rhein reflektiert die Sonne, so, dass es blendet. Der letzte Rest vom Apfel wird über die Dreirosenbrücke in den Rhein geworfen, ein leiser Platscher ertönt auf der Wasseroberfläche. Menschen stehen herum, machen Sport, rauchen, sitzen am Fluss. Auf einem Werbeplakat in der Nähe der Brücke wird Friedrich Nietzsche zitiert: «Ohne Musik ist das Leben ein Irrtum.»

Auch die Hörcollage «quando sei solo ci sono milioni con te» («Wenn du allein bist, geht es Millionen anderen gleich») – von den beiden Luzerner Künstlern Remo Helfenstein und Patrick Müller fürs Theater Roxy konzipiert – feiert die Musik. Wenn auch mit weniger Pathos. Statt ums grosse Ganze, geht es in diesem Werk um intime Erfahrungen mit Musik, um Erinnerungen an Songs, die einzelne Menschen mit der Hörerin, dem Hörer teilen. Die Collage ist nicht nur eine solche, sondern ein sogenannter Audiowalk. Die Audiodatei solle man auf der Website des Theaters herunterladen, dann spazieren gehen: So empfehlen es die Künstler.

Doch um was geht es in «quando sei solo cis sono milioni con te» genau? Helfenstein und Müller haben Künstlerinnen und Künstler aus ihrem Umfeld gebeten, Songs auszuwählen, welche ihnen persönlich am Herzen liegen und diese ohne musikalische Begleitung ins Handy zu singen. Anschliessend sollten die Leute etwas zu diesen Songs erzählen und das Ganze als Sprachmemo wieder zurücksenden. Diese einzelnen Beiträge hat Helfenstein zusammengefügt und mit musikalischen Effekten unterlegt – zum Beispiel erklingen sphärische, verträumte Orgelsounds und langsame, immer wiederkehrende Drums. Ebenfalls werden an einigen Stellen die Stimmen der Teilnehmenden übereinandergelegt – ein Wirrwarr, das wiederum zu einem Klangteppich wird. Entstanden ist ein halbstündiger, zusammenhängender Beitrag, den es sich zu hören lohnt.

Zurück zum Spaziergang: Dieser führt weiter, es geht nun dem Kleinbasler Rheinufer zwischen Dreirosen- und Johaniterbrücke entlang. Menschen kommen vorbei, manchmal wird kurz genickt, wenn ein bekanntes Gesicht entdeckt wird. Doch eigentlich ist man in einer anderen Welt – hineinversetzt durch die Hörcollage. In dieser Welt gibt es nur fremde Stimmen, Erinnerungen und Musik.

Verliebtheit und ein gewisses Mass an Selbstzerstörung

Wir sind in der zwölften Minute angelangt. Eine Frauenstimme erzählt von einem Song. Dabei handelt es sich um «Party Girl» der kanadischen Sängerin Michelle Gurevich. Der Song habe die Frau an sich selbst erinnert, erzählt sie, an sich selbst in ihrer Teenagerzeit. «I used to cry / but now I don't have the time / I used to be fragile / but now I'm so wild», zitiert sie den Songtext, begleitet von einem Beat. Sie sei als Teenie sehr tough gewesen, so die Erzählerin, und habe erst als junge Erwachsene so etwas wie ein Gefühlsleben wieder zulassen können.

Zum Beat im Hintergrund gesellen sich klare Akkorde. In diesem Moment der musikalischen Veränderung nimmt auch das Erzählte eine Wendung. Die Frau erzählt von der bestärkenden Wirkung, die das melancholische Lied auf sie hatte – und immer noch hat. Es geht ihr dabei um ein Gefühl der Verlebtheit, um ein gewisses Mass an Selbstzerstörung, aus welchem jedoch wieder Energie gewonnen werden könne. «Party Girl», sagt die Frau noch einmal und lacht. Ein vielsagendes Lachen, aus dem die Erinnerung an die eigene Teenagerzeit klingt, an den Schalk von früher, der immer noch da ist.