Transformationsprojekt
Das Kultkino Basel zeigt nicht nur Filme, sondern wird selbst zum Studio

Das Arthouse-Kino bereitet sich auf die Zeit nach Corona vor und stärkt mit digitalen Mitteln den Live-Charakter.

Interview: Hannes Nüsseler
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Künftig sollen Live-Anlässe im Basler Kultkino ein noch grösseres Gewicht bekommen.

Künftig sollen Live-Anlässe im Basler Kultkino ein noch grösseres Gewicht bekommen.

Bild: Juri Junkov

Not macht erfinderisch: Das Kultkino entwickelt in der Pandemie neue Perspektiven und verwandelt seine Säle in ein «Fernsehstudio». Der Umbau geschieht auf eigenes finanzielles Risiko, bei der Stadt Basel wurde für das Transformationsprojekt ein Antrag auf Unterstützungsbeiträge gestellt.

In den Sälen des Kultkinos wird heftig gebaut. Was entsteht da?

Tobias Faust: Alles redet derzeit vom Streaming. Wir selber nutzen es bislang als Videothek für Filme auf unserer eigenen Plattform myfilm.ch. Jetzt, wo alle Säle geschlossen sind, ergreifen wir die Chance, um unsere Säle und die Plattform so auszubauen, dass wir Vorpremieren und Diskussionen live aus dem Kino streamen können. Wir werden zu einer Art visuellem Radio mit Filmkomponenten.

Wie geht das?

Wir entwickeln unsere Säle in zwei Richtungen: Zum einen wollen wir alles, was in den Kinos stattfindet, live streamen können. Wir schaffen damit eine Art Studiosituation. Zum anderen möchten wir aber auch Filmschaffende in den Kinos zuschalten können, zusätzlich zu den Gästen auf der Bühne. So können Filmschaffende ihr Publikum persönlich begrüssen, was das Kino attraktiver macht. Gelingen wird uns das aber nur, wenn wir weiterhin Filmemacherinnen und Schauspieler auch tatsächlich vor Ort haben.

Also eine Win-win-Situation für das Kino und die eigene Plattform.

Die neue Technik ermöglicht es uns auch, eine Vorpremiere in andere Säle zu übertragen. Das erlaubt anderen Kinos, die sonst weniger Möglichkeiten haben, an der Live-Veranstaltung teilzunehmen. Kooperationen zwischen verschiedenen Kinos werden so möglich: Wenn das Zürcher Kino Le Paris zum Beispiel Gäste hat, die wir nicht bekommen, könnten wir sie bei uns dennoch begrüssen.

«Die Umsetzung ist nicht trivial»: Tobias Faust, Co-Geschäftsleiter Kultkino.

«Die Umsetzung ist nicht trivial»: Tobias Faust, Co-Geschäftsleiter Kultkino.

Zvg

Wie wird das technisch realisiert?

Die Umsetzung ist gar nicht einmal so trivial: Wird im Saal ein Gast auf der Leinwand gestreamt, kommt es zu Zeitverzögerungen, Rückkoppelungen und so weiter. Ausserdem stellen sich rechtliche Fragen: Die meisten Streams finden derzeit via Facebook oder YouTube statt. Das schafft Probleme, derer man sich noch wenig bewusst ist. Der minimale digitale Mehrwert, den Corona zurzeit schafft, wird von den Hightech-Konzernen abgeschöpft. Das ist unsinnig.

Was ist Ihre Lösung?

Wir ziehen die Technik so auf, dass der ganze Stream verschlüsselt bei uns hinter einer Paywall liegt. Wir können Inhalte jederzeit auf YouTube freischalten, aber das machen wir abhängig von den Absprachen und der Form der Kommerzialisierung. Wie myfilm.ch werden deshalb auch unsere «Fernseh»-Komponenten über eine White-Label-Software laufen.

Wie verändern sich die Kinosäle?

Zuerst mussten wir das Netzwerk und die Kabel erneuern, um die neuen Möglichkeiten überhaupt umsetzen zu können. Darin bestand die grösste Herausforderung. Der sichtbare Unterschied wird darin bestehen, dass die Leinwände in den grösseren Sälen um bis zu 30 Prozent wachsen. Ausserdem opfern wir die ersten Sitzreihen, um mehr Platz für die Bühne zu haben. Zuvor mussten wir Veranstaltungen oft aus logistischen Gründen absagen. Neu wollen wir etwa Talks und Diskussionen vom Bildrausch Filmfest streamen und so Interessierten ausserhalb der Region Basel zugänglich machen.

Wann sind die Anpassungen abgeschlossen?

Wir haben den Umbau so geplant, dass wir jederzeit wiedereröffnen können. Auch das Streaming steht soweit bereit, allerdings werden wir erst herausfinden müssen, welche Formate wir in welchem Umfang einsetzen wollen. Ende Jahr werden wir inhaltlich mehr wissen.

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