Basler Strafgericht

Transsexuelle auf dem Strich: Zuhälter steht vor Gericht

52-Jähriger steht vor Gericht: Er soll eine Transsexuelle in der Schweiz zur Prostitution gezwungen haben.

52-Jähriger steht vor Gericht: Er soll eine Transsexuelle in der Schweiz zur Prostitution gezwungen haben.

Ein 52-Jähriger soll eine Transsexuelle in der Schweiz zur Prostitution gezwungen haben.

«Sie ist eine kriminelle Lügnerin, das ist alles erfunden», beteuerte der 52-jährige Angeklagte gestern vor dem Basler Strafgericht. Glaubt man ihm, so ist er bloss ein Ungare mit sechs Kindern und einem Zweitwohnungssitz im deutschen Bundesland Sachsen, der Kleinkredite an befreundete Familien vergibt.

Allerdings sass er wegen Erpressung und Wucher in Ungarn schon vier Jahre im Gefängnis. Probleme habe er beim Geldeintreiben noch nie gehabt, betonte er, er gewähre seinen Schuldnern eben Ratenzahlungen. Mit der Prostitution habe er nichts zu tun. «Ist Ihre heutige Partnerin eine Prostituierte?», fragte Gerichtspräsident Dominik Kiener. «Ich weiss nicht, was sie den ganzen Tag macht», antwortete der Mann.

«Er war der Chef», sagt hingegen eine heute 29-jährige Frau, die jahrelang als Prostituierte arbeiten musste, um die Schulden ihrer Eltern abzubezahlen. Sie wurde mit männlichen und weiblichen Geschlechtsteilen geboren und in ärmlichen Verhältnissen im östlichsten Zipfel Ungarns als Knabe aufgezogen, bereits früh wurden ihr die weiblichen Genitalien operativ entfernt. Sie fühlte sich indes als Mädchen.

Ob sie wegen ihrer Transsexualität mit zwölf im Heim landete oder auch Diebstähle eine Rolle spielten, wurde vor Gericht nicht so ganz klar. Der Angeklagte soll jedenfalls als Retter aufgetreten sein: Er lockte sie mit «Blumen, Schokolade und Zigaretten» aus dem Heim in die grosse Welt der Prostitution. Beide gehören zur ethnischen Minderheit der Roma.

Die Frau arbeitete im Jahr 2011 auf dem Zürcher Strassenstrich, flüchtete aber wieder nach Ungarn zurück. Später kam sie nach Basel, da der 52-Jährige offenbar ihren Eltern erneut einen Kredit gewährt hatte. Dabei soll es um eine Million ungarische Forint gegangen sein, umgerechnet rund 3600 Franken. Im Sommer 2016 schaffte die Frau in einem Bordell in der Webergasse an, der 52-Jährige habe sie dabei zu ungeschütztem Sex gezwungen, das Geld einkassiert, ihren Ausweis einbehalten und sie auch immer wieder geschlagen.

Satte vier Stunden befragte das Dreiergericht gestern die Frau. Ihre Vorwürfe gegen den Mann bestätigte sie, blieb allerdings oft vage, wenn es um konkrete Fragen zur Gewaltanwendung ging. Sie hat sich im Jahr 2018 einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen und ist seither eine Frau.

Sie erwähnte, dass Transsexualität in der Prostitution offenbar gefragt ist. «Transmädchen verdienen auf der Strasse etwas mehr als Frauen. Ich habe sehr gut verdient», sagte sie. Heute lebt die Frau von Sozialhilfe und versteckt sich, offenbar wurde sie im vergangenen Jahr aufgespürt und bezog Prügel. Für sie war klar, dass der Angeklagte dahintersteckte. «Ich würde gerne Arbeit in der Schweiz bekommen. Und vielleicht einen Partner finden, der mich so akzeptiert, wie ich bin», sagte die 29-Jährige vor Gericht. Sie sass selbst bereits wegen eines Raubes im Gefängnis, der Hintergrund blieb unklar.

Dem 52-jährigen Angeklagten droht wegen Menschenhandels, Körperverletzung und anderer Delikte eine mehrjährige Freiheitsstrafe. Das Urteil fällt morgen Donnerstag.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1