Naturschutz

Zugvögel als Delikatesse? Warum Basler Verein jetzt gegen Wilderer mobil macht

Geschwächter Jungvogel wird tiermedizinisch versorgt und dann wieder zurück in sein Nest gesetzt.

Geschwächter Jungvogel wird tiermedizinisch versorgt und dann wieder zurück in sein Nest gesetzt.

Eine Basler Stiftung wehrt sich dagegen, dass Zugvögel illegal gejagt und als Delikatessen verzehrt werden.

«Sogar die heimischen Siedlungs- und Stadtwildtiere leiden unter den Auswirkungen von Corona», bemerkt Niels Friedrich. «Das Fernbleiben der krümelnden und kleckernden Menschen schmälert ihr Nahrungsangebot.» Niels Friedrich ist Geschäftsführer der Stiftung Pro Artenvielfalt mit Büro an der Malzgasse und seit vier Wochen im Homeoffice. Kurzarbeit ist kein Thema. Zu viel Arbeit liegt auf dem Tisch. Eine Arbeit, die es in sich hat.

Für gewöhnlich setzt sich die Stiftung gegen Wilderer ein, die illegal mit Leimruten oder Netzen Zugvögel fangen. Die auf diese Weise gefangenen Tiere sterben oft in der Sonne an einem Hitzeschlag oder durch eine Panikattacke. Den übrigen wird die Kehle durchgeschnitten oder ein Zahnstocher durchs Hirn getrieben. Ein Millionengeschäft. «Es sind mafiöse, korrupte Organisationen, die ihre Finger auch in der Prostitution, dem Drogen- und Waffenhandel haben», so beschreibt Geschäftsführer Niels Friedrich die Profiteure. Deshalb könnten die Aktivisten auch nicht auf die Unterstützung vieler Einheimischer zählen. Aktiv ist die Stiftung Pro Artenvielfalt auf Zypern, Sardinien und Sizilien. Die Stiftung engagiert sich zudem dafür, dass weitere Naturschutzgebiete entstehen.

Millionengeschäft mit teuren Delikatessen

Die Arbeit der Stiftung Pro Artenvielfalt und Kooperationspartnern wie dem Komitee gegen den Vogelmord zeige Wirkung. In den acht Jahren, in den die Aktivisten präsent sind und Vögel aus den Netzen oder von den Leimruten befreien, sei 2019 der Frühjahrsfang um knapp zwei Drittel eingebrochen (jährliche Fangquote noch rund eine Million Tiere). Für den Coronafrühling 2020 existieren noch keine Zahlen.

Am hohen Restaurant-Preis von beispielsweise 90 Euro für Ambelopoulia aus gut 150 Gramm Mönchsgrasmücke liegt der Rückgang nicht. Es ist die Illegalität, die vermehrt ins Bewusstsein der Leute getreten ist. Gemäss dem Komitee gegen den Vogelmord dürften aber auf dem Schwarzmarkt noch immer zwischen 14 und 16 Millionen Euro umgesetzt werden. Singdrossel am Spiess mit Myrte ist auf Sardinien ein beliebtes Weihnachtsessen, Mönchsgrasmücke mit Kartoffeln oder Oliven wird auf Zypern geschätzt. Man greift nach dem Kopf der «Delikatessen und Statussymbole» und isst sie von hinten her.

Mit Corona haben die Tierschützer einen neuen Gegner erhalten. Etwa auf Sizilien verschärft das Virus die bereits bestehende Wirtschaftskrise zusätzlich. «Der illegale Handel mit entführten Wildtieren ist da ein willkommenes Mittel, um Geld zu verdienen», sagt Friedrich. Offenbar floriert das Geschäft mit dem Handel von Eiern und Küken von seltenen und geschützten Greifvogelarten. Es handelt sich um Habichtsadler, Lanner- und Wanderfalke. Bis zu 20'000 Euro pro Vogel sollen bezahlt werden.

Ein kleines lokales Team der Gruppo Tutela Rapaci, gefördert von der Stiftung, schaffte es im Wettlauf mit dem Lockdown rechtzeitig abseits jeglicher Zivilisation in die Hügellandschaften der Provinz Agrigent. Dort bewacht es ein unter Nestplünderern «Goldenes Dreieck» genanntes Gebiet. Inzwischen sind die Nester voller Jungvögel. «Wir hoffen, dass wir dieses Camp im Mai voll hochfahren können und weitere uns bekannte Regionen überwacht werden können», führt Friedrich aus. Nur dank dem Einsatz der Vogelschützer habe der Habichtsadler vor dem Aussterben in Italien bewahrt werden können. Der Bestand der Brutpaare sei in den letzten Jahren sogar von 20 auf 44 angestiegen.

Das Internet soll im Kampf helfen

Niels Friedrich kämpft mit den Bedingungen, die ihm Corona stellt: «Ich musste den kompletten Sizilieneinsatz absagen, und nach Zypern kommen wir gegenwärtig auch nicht.» Lokale Aktivisten dürften kaum aus ihren Wohnungen. Ihr Einsatz beschränke sich auf Patrouillenfahrten von Einzelpersonen, dem bestmöglichen Kontrollieren von Obstgärten auf Privatgrundstücken und dem Benachrichtigen der Polizei, wenn etwas verdächtig erscheint.

«Unser Kooperationspartner CABS (Komitee gegen den Vogelmord) hat seine Leute via Social Media animiert, Google Earth zu durchforsten und Auffälligkeiten, die auf Fanganlagen hindeuten, zu lokalisieren», erzählt Niels Friedrich. Kontrolliert werden soll, sobald die Bewegungseinschränkungen gelockert sind.

Abschliessend lasse es sich noch nicht bewerten, wie sich die Coronasituation auf Zugvogelbestände auswirken wird. Immerhin sei davon auszugehen, dass die Wilderei, der illegale Handel und der Verzehr stagnierten – allerdings ohne komplett zu verschwinden. «Es wäre natürlich wünschenswert, wenn der Verzehr von illegal – für meinen Geschmack auch legal – gehandelten Wildtieren aufhört.»

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