Theater

Zuhören schärft den Blick auf die Gesellschaft

Neues Theater am Bahnhof in Dornach

Neues Theater am Bahnhof in Dornach

«Mimosa» im Neuen Theater in Dornach packt das Publikum mit Mitteln des Hörspiels. Das Stück von Esther Becker schildert ein Milieu und verweigert sich holzschnittartiger Interpretation.

Mimosa hadert, natürlich, mit ihrem Namen. Am letzten Tag vor ihrem 30. Geburtstag hat die Pilotin aber andere Probleme: Als sie frühmorgens, nach dem Atlantikflug, in ihre Wohnung tritt, erwischt Mimosa ihre Freundin mit einer Anderen. Das ist Auslöser für rastlose Tage in der Notaufnahme, bei der Mutter, auf den Rückbänken mancher Taxis und an den Theken mancher Bars. Das Stück von Esther Becker, das wie die Protagonistin «Mimosa» heisst, ist ein Flaneusen-Text, obwohl die Protagonistin oft Taxi fährt und nur selten spaziert. Wer bin ich, wer sind meine Eltern, wie ist die Stadt, in der ich aufgewachsen bin? Mimosa erlebt die Veränderungen geballt.

Gezeigt wird «Mimosa» im Rahmen der Stückbox. Das etablierte Format mit Heimstatt im Neuen Theater Dornach setzt auf kurze Probezeit und widersetzt sich bombastischen Ideen: Text und Schauspiel stehen im Zentrum der Inszenierung. Monika Varga als Mimosa beschreibt die Brüche und Umbrüche in Heimatstadt und Biografie oft in Monolog-Passagen – und Varga gelingen diese facettenreich. Agnes Lampkin ist Sparringpartnerin und Sidekick in wechselnden Rollen. Am ehesten hat die so fürsorgliche wie überforderte Mutter neben Mimosa ein charakterliches Eigenleben.

Aber in «Mimosa» wirken nicht nur Text, sondern auch die Spielerinnen vor allem über die Ohren. Licht wird spärlich eingesetzt. Das Bühnengeschehen bewegt sich um ein Mischpult auf Rollen, an dem die Musikerin und Komponistin Xenia Wiener für die Soundkulisse sorgt. Landeanflug, ausgeschlagene Zähne und zischende Dosen: Zuweilen wähnt sich das Publikum in einem Live-Hörspiel. Alkohol, Fluggewohnheiten und Zahnprobleme sind denn auch die Themen, die inhaltlich und sprachlich die Struktur des Stücks prägen. Karies war seit der Kindheit Mimosas Urangst und gilt ihr als Beweis für die Überforderung der alleinerziehenden Mutter. Die Mutter wiederum sagt, ihre «Mimi» habe einfach schlechte Zähne gehabt. Ihre vernachlässigte Aufsichtspflicht redet sie mit ebenso süsslicher Stimme klein wie ihre unbezahlten Rechnungen.

«Mimosa» zeigt die Generation um die 30. Vor allem aber schildert das Stück ein Milieu von Drogensüchtigen, Alkis, jungen Erfolgreichen und Abgehängten. Anders als es im Theater sonst oft der Fall ist, verwehrt sich dieses Gesellschaftstableau holzschnittartigen Erklärungen.

Mimosa ist Pilotin, aber sie definiert sich weder über ihren Beruf noch über die sexuelle Identität oder jene als Arbeiterkind. Es sind ihre privaten Umbrüche, die das Geschehen vorantreiben. Deshalb beobachtet das Publikum das aus Mimosas Perspektive geschilderte Milieu so gebannt wie unterhalten. 

Nächste Vorstellung: Do, 20. 2., 19.30. www.neuestheater.ch

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